Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-08-26
- Page
- 535 (sequence 3)
- Language
- German
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535 fanden uns in der Synagoge, wir hatten bereits auö einem Becher getrunken — da erhob sich unten in der Halle ein Lärm, ein Mann stürzte herein, den alle Anwesenden als meinen verstorbenen Gatten erkannten. — Er erzählte, er wäre bei Königgratz schwer verwnndet worden, eine Kugel habe sein Gehirn gestreift. Eine vornehme Dame, die in der Nacht nach der Schlacht mit ihren Dienern das Schlachtfeld durchstreift, um unter den dort Gefallenen vielleicht noch Athmende zu treffen, habe ihn gefunden und sich seiner angenommen. Seine Wunde wäre allmählig geheilt, habe aber eine geistige Schwäche hinterlassen — mit einem Worte, er wäre wahnsinnig gewesen und dadurch außer Stande, seine Angehörigen zu benachrichtigen — nahezu vier Jahre habe seine Geisteskrankheit gewährt. — Und alles Las war Lüge, Herr Doktor — Lüge! .— furchtbare, entsetzliche Lüge! —" Sie war aufgesprungen, ihr stuft so bleiches Angesicht war dnnkelroth, ihre Glieder bebten. Walther suchte sie durch freundliches Zureden zu beschwichtigen. ״Und seit wann wissen Sie, daß jene Erzählung unwahr?" ׳fragte er nach einigen Minuten, in denen sie ihre Fassung wieder errungen zu haben schien. ״Seit sechs Monaten — und ein Jahr lang — ein volles Jahr lang — habe ich ihn als meiner! Gatten betrachtet — und — er ist mein Schwager," fügte sie tonlos hinzu, indem sie das zuckende Angesicht in beiden Händen barg und ein schmerzliches Aechzcn sich ihrer Brust entrang. Walther, mächtig erschüttert durch die Mittheilungen der Schwergeprüften, gönnte ihr Zeit sich za sammeln. Dann aber ersuchte er sie um nähere Details ihrer gegenwärtigen Verhältnisse. ״Was Lhaten Sie nach Entdeckung des an Ihnen verübten Betruges?" ״Was hätte ich thun sollen?" murmelte sie, ,.ich verbot dem Elenden jede Vertraulichkeit und drohte, bei seinem ersten Versuch, ohne spezielle Erlanbniß mein Zimmer zu betreten, seinen Betrug zu veröffentlichen und ihn den! Gericht zu übergeben." ״Wie? Sic leben noch jetzt in seinem Hause?" ״Wohin sollte ich mich wenden?" ״Und Sie gelten noch heute als Gattin Ihres Schwagers?" Sie ucigte bejahend das Haupt. ״Aber das ist ja unerhört! Sie waren doch verlobt, setzten Sie denn den Doktor Werner nicht von Allem in Kenntniß?" ״Ich wagte eS nicht — der Skandal — die Schande — ich habe ein Kind von meinem Schwager. — Werner kann mich nimmer zu seiner Gattin erheben." ״Sie sind im Jrrlhum. Ich kenne zwar den Doktor Werner nicht persönlich, Lech nach Allem, was ich über ihn vernommen habe, ist er ein Ehrenmann, und als solcher —" ״Eben als solcher kann er keine Gefallene ehelichen." ״Sie sind schuldlos." ״Das weiß Gott. Aber ob schuldig oder nicht." ״Sie betrachten die Sache von einem falschen Gesichtspunkt ans. Ihr auf die Spitze getriebenes Zartgesühl treibt Sie aus Abwege. Sie können und dürfen nichts Anderes thun, als Ihrem Verlobten rückhaltlos Alles mittheilen." Sie schnticlte heftig abwehrend das Haupt. ״Wollen Sie mir eine Krage aufrichtig beantworten. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob Ihr Verlobter Ihre Neigung besitzt, aber wollen Sie mir aufrichtig jagen, ob Herr Doktor Werner Sie aus Liebe erkoren?" ״Aus reinster, aufrichtigster Liebe." ״Das konnte ich mir Lenken, und Sie wiffen eS und bedenken trotzdem nicht, wie unglücklich sich Derjenige fühlen muß, den das geliebte Weib unter dem- Trauhimmel entrissen wird." ״Er wird es längst verwunden haben," murmelle sie. ״Das bezweifle ich," cntgcgnete Walther, ״wollen- Sie mir gestatten, ihm Alles mitzutheilen?" ״Nicht um Alles in der Welt!" ״Sie sind im Unrecht, sehr in! Unrecht — doch ohne Ihre Zustimmung kann ich selbstverständlich nichts thun. — Doch in welcher Beziehung wünschen Sie meinen Nath?" ״Ich möchte die Zukunft meines Sohnes sicher stellen." ״Besitzen Sie Privatvermögen?" ״Ich nicht, aber mein Sohn ist doch der Erbe seines Vaters." ״Das wohl, aber Sie vergessen. daß rnan nur Verstorbene beerbt. In den Augen der Welt aber lebt der Vater Ihres Sohnes nnd hat vermnthlich auch dessen Vermögen in Händen?" ״Freilich — Alles — Altes." ״Und glaube» Sie. daß er sich würde bereit finden!affen, Ihrem Sohne seinen Antheil herauszugeben?" ״So ohne Weiteres nicht. Doch vielleicht, wenn ich ihm drohen würde, im Fülle seiner Weigerung seinen Betrug zu veröffentlichen." ״Da wäre es allerdings möglich, daß Sie ihndazu bewegen könnten, und Mre ich selbstverständlich in diesem Falle bereit, Ihnen zur Sicherstellung des Kapitals mit Rath und That zur Seite zu stehen. — Wollen Sie jedoch bedenken, daß selbst in diesem günstigsten Falle nur das Vermögen Ihres Sohnes ge-