Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-08-26
- Page
- 534 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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534 ״Herzlich gern werde ich Ihnen mit meinem Nathe dienen, doch für heute sind Sie zu angegriffen. Hoffentlich werden Sie sich in den nächsten Tagen kräftiger fühlen und werde ich sowohl morgen als übermorgen zwischen drei und vier Uhr Nachmittags zu Hause sein." Er bezeichnete ihr Straße und Hausnummer, und als er im selben Moment eine leere Droschke vorüberfahren sah, winkte er dem Droschkensührer und geleitete sie zu dem Wagen. ״Wollen Sie gefälligst Ihre Wohnung angeben." ״Gasthof zum Löwen," erwiderte sie und sprach ihrem freundlichen Beschützer nochmals ihren Dank aus. Er zog grüßend den Hut und entfernte sich. ES war in den Mittagsstunden des folgenden Tages. Der Sanitätsrath befand sich mit seiner Familie beim Speisen. Sein Sohn hatte ihm soeben, seiner Aufforderung entsprechend, das Resultat seiner gestrigen Besprechung mitgetheilt, als Albert-ine ihn lächelnd unterbrach. ״O, Du Scheinheiliger," neckte sie, ״machst uns glauben, es handele sich um eine hochwichtige Konferenz und schließlich läuft die ganze Geschichte auf ein Rendezvous heraus." ״Ich verstehe Dich nicht." ״Nicht? nicht?" fuhr sie neckend fort, ״o, Du dreifacher Heuchler, willst mich glauben machen, Du hättest Dein gestriges Rendezvous , mit der schönen Dame auf der Promenade bereits vergessen?" ״Ich hatte im Augenblick in Wirklichkeit nicht daran gedacht; doch gut, daß Du mich erinnerst. Johann," wandte er sich an den Diener, der eben ins Zimmer trat, ״wenn eine Dame nach mir fragen sollte, so führen Sie sie wohl in mein Zimmer und benachrichtigen mich." ״Ich wollte gerade mittheilcn, daß eine Dame nach dem Herrn Doktor verlangt." ״So führen Sie sie in mein Zimmer, ich komme sogleich. Darf ich bitten, das Tischgebet verrichten zu lassen?" ״Wenn eine Dame auf Dich wartet, dürfen wir Dich nicht zurückhalten; darf ich Sie ersuchen, lieber Vater —״ Der SanitätSrath sprach das Tischgebet; sobald eS beendet, verließ Walther das Zimmer. ״Um des Himmels Willen, Bella, was ist Ihnen?" Das junge Mädchen kämpfte sichtlich gegen eine Ohnmacht. ״Eine Raupe." flüsterte sie mit kreidebleichen Lippen, ״eine abscheuliche Raupe — ich kann sie nicht sehen." Der SanitätSrath griff nach ihrem Puls und drückte dabei ihre Hand. ״Es wird gleich vorüber sein, Kind, hier, nimm ein paar Tropfen." Albcrtine und ihr Mann suchten vergebens nach dem verhaßten Reptil, sie fanden keins. ״Sie müssen sich geirrt haben, Bella, hier ist keine Raupe." ״Nicht? — so muß-ich sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sic ohne Veranlassung erschreckt habe — aber die Raupen sind mir so sehr zuwider." Walther hatte sich inzwischen in sein Zimmer begeben, wo die mehrfach erwähnte Dame auf ihn wartete. Er grüßte freundlich und erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als sie versicherte, daß sie sich bereits vollkommen erholt habe, bat er sie, sofort ihm die Angelegenheit mitzutheilcn, im, der sie seinen Rath wünsche. Sie geriet!) in sichtliche Verlegenheit; eS schien ihr unendlich schwer zu werden. Sie habe noch mit keinem Menschen über ihre Verhältnisse gesprochen, aber seit gestern habe der Gedanke, sie könne sterben und ihr Kind unversorgt znrücklassen, sie mit solcher Heftigkeit ergriffen, daß sie sich desselben nicht mehr erwehren könne ״Und in welcher Beziehung wünschen Sie meinen Rath?" Ihre Verlegenheit steigerte sich. ״Ich muß sehr,, muß vielmals um Entschuldigung bitten, daß ich Ihre . Zeit und Ihre Geduld so sehr in Anspruch nehme, aber — eS wird mir so schwer — so unsäglich schwer." ״Und dennoch muß ich ersuchen, so schwer eS Ihnen auch werden mag, mir einen möglichst klaren Einblick in Ihre Verhältnisse zu gestatten. Nur wenn ich im Stande sein werde, die Sachlage klar zu beurtheileu, werde ich, wie ich cs sehn liehst wünsche, Ihnen mit meinem Rathc dienen können." ״Ich weiß cö, Herr Doktor, und ich vertraue Ihnen — und werde Ihnen in möglicher Kürze das Unerläßliche mittheilen. — Ich war," fuhr sie nach kurzer Pause, in der sic sichtlich bemüht war, sich zu sammeln, fort, ״ich bin die Schwiegertochter deö vor ungefähr drittchalb Jahren verstorbenen Herrn Jakob Müller, Besitzer des Gasthofcs ,Zum Löweiü. — Ich war mit seinem ältesten Sohne verheirathet. Im Jahre 1866 wurde sowohl mein. Mann als auch sein um drei Jahre jüngerer Bruder einberufen. Mein armer Mann fiel bei Köuiggrätz, sein Bruder war verschollen, ich lebte als Wittwe mit meinem Kinde im Hause meiner Schwiegereltern. — Bevor mein Schwiegervater starb, forderte er mich dringend auf, den Werbungen eines Freundes, den er auch zum Vormund meines Sohnes ernannt hatte, Gehör zu geben. Bald nach seinem Ableben entsprach ich seinem Verlangen und verlobte mich mit dem Ihnen vielleicht bekannten Arzte, Doktor Werner. Der zu unserer 1 Vermählung bestimmte Tag war gekommen, wir be-