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Jeschurun · 1886-07-22 · Heft 29 (22.7.1886) · p. 454

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 29 (22.7.1886)
Article
Die jüdischen Mittelschulen in Ungarn
Date
1886-07-22
Page
454 (sequence 3)
Language
German
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454 anstatt daß die Andern besser werden ׳sollten, werden unsere Kinder durch den Umgang mit Jenen schlechter werden. Es ist noch etwas ganz Anderes, wenn unsere Kinder ihren Glauben und Volksstamm von christlichen Lehrern und Mitschülern -schmähen sehen, als von jüdischen. ES ist ein großer Unterschied, ob unser Kind von christlichen Kollegen dafür verpönt wird, daß es sich zum Brote wäscht, oder von lauter Eohn'S, Lewi'S und Aronsohn's. Sehr wahr. DaS ist cS auch gerade, was uns bewegt. Dieser Gefahr vorzubengcn und die nöthige Garantie zur Sicherung des traditionellen JudcnthumS zu schassen, ■־ dafür möchten wir die gcsetzcStrcncn Kreise Ungarns hiermit eiudringlichst ausgefordc'rt haben. Wir bitten nämlich die GesetzeStreucn Ungarns recht inständigst und so eindringlich, wie nur die treueste Antheilnähme eS vermag, bei dieser Gelegenheit endlich die alte nicht sehr-rühmliche Unzugänglichkeit und Abstinenz- Politik aufzngebcn imb sich mit aller Kraft und Macht der in Fluß gerochenen Bewegung anzuschließcn, so zwar, daß ihnen nur die größte Unbilligkeit einen bestimmenden Einfluß auf die weitere Gestaltung' der Angelegenheit versagen könnte. Ist aber erst die Leitung der jüdischen Gymnasien und der Religionsunterricht von Holsen! sittlichen Ernst erfüllten Männern anvertraut,- dann glauben wir, ist nach der angedentcten Richtung jede Gefahr ausgeschlossen. DaS orthodoxe Judcnthnm in Ungarn ist ein völlig dem Reformjud'enthum staatlich gleich anerkannter Faktor. Man muß seinen ernstlichen Anforderungen Rechnung tragen, und so kann eö. wenn gefordert, nicht fehlen, daß die maßgebenden Posten, wenn auch nicht an allen, so doch an einem Thcile der zu kreircndcn jüdischen Gymnasien im Geiste des orthodoxen JudenthumS besetzt und die Anstalten in diesem Sinne geleitet werden. Wir sind auch der Ucbcrzcugnng, daß man diesem Bestreben von anderer Seite nicht sehr feindselig entgegenstehen, ja vielleicht gar cntgegcnkommcn werde. Da man rinn einmal Institutionen mit prononzirt jüdischem Gepräge schaffen muß, so dürfte nian doch wohl nicht abgeneigt sein, der orthodoxen Gemeinschaft gerecht zu werden Auch wird wohl ein großer Thcil des überlegenen Dünkels, mit welchem man sonst ans uns und unseren Separatismus herabznblickcn pflegte, sich unter den! ernüchternden Einflüsse der letzten Ereignisse verflüchtigt haben. Heute, wo man cinznsehcu ansüngt, daß man mit aller SelbstpreiSgebnng nichts erreicht, dürfte es fast unbegreiflich sein, wenn man uns, die wir. treu zu unseren großen Vermächtnissen gehalten haben, nicht wenigstens mit achtungsvolleren Blicken betrachten sollte. Deshalb fort mit der fatalistischen Unbeweglichkeit und sich frisch und kalupfcSfreudig dem vollen Strom in die Arme geworfen! Geändert wird ja durch das rühmlose Abseitsstehen doch nichts. Die einzige Folge ist, daß sich Alles, in völliger Unabhängigkeit von uns und im schroffsten Gegensatz zu unS vollzieht.' In einer der letzten Nummer der ״Oesterr. Wochenschrift" spricht sich auch Herr Dr. Güdemann aus Wien über die Angelegenheit aus. Unter Anderem meint er, nran dürfe nicht in dm Fehler der Antisemiten derfallen und die zu gründenden Schulen nicht für ansschließlich jüdische bezeichnen. Man müsse sich darauf beschränken, daß die Leitung eine jüdische' sei, während die Schulbänke und das Katheder auch den Christen offen bleiben. Obwohl Dr. Güdemann bloS für Wien und über Wien schreibt, so denkt er zweifellos dabei au' sämmtliche jüdische Mittelschulen welchen Landes imnicr. Der erste Punkt, die Aufnahme christlicher' Schüler betreffend (vorausgesetzt,, daß sich solche wirklich an einer jüdischen Schule melden werden, was noch sehr problematisch ist) bedarf, seiner Selbstverständlichkeit wegen, keiner weiteren Erörterung.׳ Wir können auch die Anstellung christlicher Professoren zugestehen. Wir spüren keine Lust, der antisemitischen Bornirthcit, die ans angeblich religiösen Befürchtnngcn den Inden nicht einmal bei der Mathematik dulden will, die Palme, streitig zu machen. Christliche Lehrer an jüdischen Lehranstalten sind unjüdischen Lehrern israelitischer Abstammung entschieden vorzuziehen. Wenn aber Dr. Güdcmann von der ',Anstcllnng christlicher Professoren an jüdischen Anstalten eine Versöhnung des Antisemitismus erhofft, so sind wir nicht so sanguinischer Art. Dieser läßt sich nicht durch solche moralische Mittel entwaffnen, wie er ja auch keineswegs auf moralische Ursachen znrückzufnhrcn ist. Ich halte den Antisemitismus für einen blöden barbarischen Instinkt, für eine Vernunftlose Elementargewalt, deren Entladungen wir kaum anders als mit verschränkten Armen gegenübcrstchen können. Wenn wir ihn mit den Massen des Geistes und der Moral bekämpfen, so dürfen wir schwerlich der Hoffnung Raum geben, ihn zu überzeugen. Wir leisten höchstens dem Umsichgreifen desselben vielleicht einen Widerstand. Sehen wir denn nicht an zahlreichen Beispielen klar vor Augen, daß die Antisemiten in einer andern moralischen (?) LcbcnSsphäre athmen als wir. Sollen wir an TiSza Eßlar und Anderes erinnern? Denken sic über Meineid, Betrug, Diebstahl, Haß und Neid so wie wir? Müssen wir nicht jeden Tag das Erscheinen einer neuen autisemitischcn Morallehre erwarten, deren erste Gebote sein werden: Du sollst falsch schwören, Du sollst lügen. Du sollst stehlen, rauben und morden, Du sollst Deinen Ncbenmenschcn hassen. Du sollst Deine Leidenschaften entfesseln und Dich rückhaltlos in ihren Schlamm wälzen!!! Und diese Leute sollen'wir

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