Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1886)
- Article
- Die jüdischen Mittelschulen in Ungarn
- Date
- 1886-07-22
- Page
- 453 (sequence 2)
- Language
- German
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453 nicht zustimmen, welche hiervon eine Neubelebnng des wirklichen, nicht nur in Phrasen und Redensarten bestehenden jüdischen Geistes bei der studirenden Jugend erwarten — dazu kennen wir die Verhältnisse in Ungarn zu gut. Wir wußten uns sehr irren, wenn die Männer, welche diese Bewegung in die Hand genommen, andere Motive leiteten, als ihre Kinder dem unerträglich gewordenen äußeren Druck zu entziehen, oder um auf den letzten unerhört brüsken Schlag, welchen der Kultusminister Ungarns dem Judenthum versetzt und dessen dcmüthigende Bedeutung Alle, Alle empfinden, die den Namen Jude nicht abschüttcln können, mit einer trotzigen That zu antworten. Und dennoch begrüßen wir diese Bewegung mit Lebhafter Freude, weil wir nicht vcrkennen, daß sic bei richtiger Handhabung von unberechenbarem Nutzen auch sür das eigentliche tradilionclle Judenthnm sein kann. Der vorzügliche Zweck dieser Zeilen soll sein, diese Bedeutung der Sache den orthodoxen Kreisen in Ungarn vor die Augen zu rücken und sie eindringlichst zu ermahnen, nicht, wie schon so oft, die günstige Gelegenheit auch diesmal unbenutzt zu lassen. Wir sind der Uebcrzeugnng. daß sich hier eine Gelegenheit dargebotcn hat, um manche der von den Orthodoxen begangenen traurigen Untcrlassungssünden wieder zu sühnen. Und wir hegen um so fester die Hoffnung, daß dies gegenwärtig auch wirklich geschehen wird, da uns ja heute schon die Fruchte der alten Fehler reif in den Schooß fallen. Wir sehen, was die Folgen der — sagen wir — nnbegrclftichen Zugeknöpftheit waren, als eS sich um die Hebung des TalmudstudinmS gehandelt hat. Was haben die unklugen Eiferer damit erreicht, daß sie Hunderte hoffnungsvoller junger Kräfte in einer, mit den Anforderungen unserer Zeit absolut nicht in Einklang zu bringenden Einseitigkeit verkümmern ließen, daß sie sich gescheut, den weisen Satz unserer großen Lehrer: טוב תורת עם דרך£ארץ offen aus die Fahne der Orthodoxie zu schreiben? Und weshalb bekannten sie sich zu diesen Grundsätzen? Um das Thorastudium nicht zu verkürzen, um das religiöse Bewußtsein der Bachurim vor einem zersetzenden Element zu bewahren und Gott weiß, aus wie viel anderen Bedenken noch. Nun sehen wir doch, wie die Dinge sich seit jener Zeit gestaltet haben. Hat das Thorastudium seitdem an Tiefe oder Ausdehnung gewonnen? Keines von Beiden. ES gicbt weder Ln Ungarn überhaupt noch auch in der ersten Jeschiwa des Landes, in Prcßburg, heute eine nur annähernd so große Zahl ״guter" Vachnrim, wie einst, und daß der junge Nachwuchs mit jedem Jahre karger wird, ist eine allbekannte Thatsache. Nun ist eö ja wohl gewagt zu behaupten, daß es Lm andern Falle um Tiefe und. Ausbreitung des Thorastudiums heute besser bestelltwäre; jedenfalls kann es in Zweifel gezogen werden. Aber schlimmer wäre eS unbedingt auch nicht, und daneben hatte man die Beruhigung, sich sagen zu können, seine verantwortungSreiche Pflicht so vielen jungen Existenzen gegenüber ernst erfaßt zu haben. Unsere private Meinung freilich ist eS, daß eS nicht nur nicht schlimmer, sondern entschieden besser stünde, und wir sind überzeugt, mit diesem Glauben nicht allein dazustchen. Die Frage, die nun unversehens aufs Tapet gekommen ist, ist fast identisch mit der anderen .!mH nicht minder wichtig als jene, ja vielleicht noch wichtiger, weil sie ungleich weitere Kreise angeht. Hier handelt cs sich darum: soll man ruhig zugeben, daß jenen jüdischen Kindern, die nicht den Sabbath entweihen wollen, der Zutritt zum Gymnasium und mittelbar zu jedem gelehrten Beruf versperrt werde? ES giebt nur eine Antwort auf diese Frage und nur eine Art der Abhülfe: die Gründung jüdischer Gymnasien. Der Schwerpunkt der Sache liegt, wie wir betont, in der Sorge um jene Kinder, die ans religiösen Häuserü stammend, in der Schule die vom Hause mitgevrachtcn Grundsätze verleugnen müßten. Es handelt sich also vorwiegend um eine Konservirung vorhandener Fonds und nicht um die Eroberung neuer, die uns sehr unwahrscheinlich scheint. Es müßte erst ganz anders sein, bevor man sich der schönen Hoffnung hingeben könnte, die Kinder werden frommer sein als die Eltern, werden sich mit Ucberzeugungstrcne Normen anschlicßen, welche sie von den Eltern stündlich mißachtet sehen. Wie es schon unzählige Male mit vollem Rechte betont wurde: wenn eine religiöse Erziehung auf die Kinder einen Einfluß ansüben soll, dann muß vor Allem das Elternhaus eine durchgreifende Wendung erfahren, und diese Wirkung glauben wir von dem Erlasse Trefort's denn doch nicht erwarten zu dürfen! Es ist für uns sehr nothwendig, dies mit aller Schärfe hervorzuhcbcn, denn wenn die Besserung der Kinder ans nnreligiösen Häusern als ein Hauptmotiv und Ziel der Gründung jüdischer Gymnasien angesehen werden sott, dann steht zu befürchten, daß Viele, die AussichtSlosigkcit dieses Strcbens einschend, sich gleichgültig von der ganzen Idee abwcnden werden. Das ist eS ja aber gar nicht, was wir als Hauptzweck betrachten sollen! Für uns ist das wichtigste Moment, den' wahrhaft religiösen Kindern und Eltern Zufluchtsstätten zu schaffen, wo sie frei und unbehindert ihre Religion bekennen und in derselben sogar Kräftigung erhalten können. Das ist uns das Erste und Nächstliegende; und wir hoffen alsdann auch für die Weckung des wahrhaft jüdischen Bewußtseins in Kreisen, wo eS bereits erloschen. Ja, werden aber Manche kopfschüttelnd sagen.