Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1886)
- Article
- Nach dem Feste
- Date
- 1886-06-17
- Page
- 370 (sequence 2)
- Language
- German
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370 als Diener Gottes, Herolde Seines Gesetzes, Vollstreckcr Seines Willens. Und wenn wir nun ans den Gotteshäusern in unsere Hütten und von dem Feste zu unserer gewohnten Arbeit zurückkehren, dann müßten wir zur Wahrheit machen, was wir gestern in den Tempeln in festlicher Stimmung bekannt. Dann müßten wir der Stimme der Lüge und des Abfalls unser Ohr verschließen, dann dürften wir uns nicht bethören lassen von den Einflüsterungen des Zweifels, des Leichtsinns und einer falschen Klug׳ heit, dann müßte der Segen deS Festes, mn welchen wir vor Gott gefleht, והשיאנו את ברכת מועדיך, in dem Entschlüsse gipfeln: ganze Juden zu sein; und die Erfüllung dieses Entschlusses würde uns dann die heiß׳ ersehnten Güter, חיים שלום שמחה ששון, Leben, Frieden Freude und Wonne bringen. So lange noch eine Kluft zwischen FesttagSbekenntniß und WerktagSgesinnung, zwischen Tcmpclgelöbuiß und Lebensbethätigung, zwischen Lehre und Leben, Theorie und Praxis, Wissen und Glauben, oder wie sonst immer die Gegensätze lauten, in welchen daS einheitliche Meuschenwescn sich zweispaltig darstellt, vorhanden ist, so lange reift uns dieser Segen deö Festes nicht. So lauge schwanken wir von Täuschung zu Irrthum und suchen vergebens nach dem inncrn Frieden, nach jener Harmonie unseres Wesens, welche allein wahrhaftige Befriedigung gewährt; und was wir Freude und Wonne nennen, ist lärmende Lust zur Betäubung der inneren Unruhe, zur Täuschung über die innere Leere, wir wandeln durch daS Diesseits, ohne einen Augenblick gelebt, für wahrhaftes Leben gewirkt zu haben. Lüge war unser Idol, Tand unser Streben, freudlos und friedlos unsere irdische PilgerschafL. DaS Sehnen unseres Herzens, das Ahnen unseres Geistes hatte niemals Befriedigung gefunden, weil wir uns niemals zu erheben verstanden zur Erkenntniß der Wahrheit, weil wir der Zweifel in unserer Brust niemals Herr geworden, weil wir nicht im Dienste Gottes, sondern als Sklaven unserer eigenen Thorheit aus Erden gewandelt. Israel hat keine Wahl. Entweder hält es zu Gott und Seinem Gesetze in vollem Ernste und un* verbrnchlicher Treue und wird קדש ישראל לד׳, ganz Gott geweiht und Ihm sich ganz hingebend, ראשית תבואתו, und also die erste reife Frucht der von Seiner Erziehung des Menschengeschlechts erhofften Ernte, in welcher die gesammte Menschheit als קדש לדי. als ein sich in freier Entschließung Gott weihendes Heiligthum, dereinst sich begreift, oder cS entfernt sich von Gott וילכו אחרי ההבל ויתבלו, und in dieser Entfernung wendet eS sich dem Nichtigen zu und wird nichtig. Ist eS eine Wahrheit, daß Gott zu nnS am Sinai gesprochen und uns das Gesetz gegeben, auf daß wir eS erfüllen und durch seine Erfüllung die Gottesherrschaft auf Erden den übrigen Menschengeschlechter« verkünden sollen, und sind sind wir gewillt zu sein, wozu Gott uns berufen ממלכת בחנים ונוי קדוש, Priester und Herold für die Menschheit — so sollte uns das gestrige Fest zu dem Entschlüsse begeistern, nun auch zu verwirklichen, was Gott uns aufgctragen, zu verlassen die Altäre, die die Menschen sich errichtet, und jeden Tropfen Bluts in unfern Adern, und jede Regung unseres Herzens, und jeden Gedanken unseres Geistes, und jede Freude und jeden Genuß auf Gottes Altar weihend uiederzulegen, auf daß wir mit allen was wir sind und haben, schassen und streben, nichts Anderes bezwecken als דיה ניחוח לדי als einen WillfahrungsauSdruck fstr Gottes Willen. Wohl sind Biele unter uns, durch falsche Lehren bethört, Unmündigen gleich, die daö Wort der Wahrheit nicht begreifen können, die ungläubig lächeln, wenn man zu ihnen spricht: Wollt Ihr in Wahrheit Juden sein, so habet Ihr die Gebote Gottes zu erfüllen, d. h. die sämmtlichen sechShundertunddreizchn Gebote und Verbote ganz in der Weise, wie Gott eS verlangt, und Er verlangt es also, wie Er es Moses verkündet und wie eS Moses unfern Vätern und unsere Väter uns in treuer gew׳׳ftuhaftcr Mittheilung überliefert. Nicht Ihr und Eure Lehrer haben diesen göttlichen Ge- und Verboten einen andern Inhalt, eine andere Deutung zu geben. Wenn Gott z. B. verlangt, den Sabbath zu hüten und zu heiligen so hütet und heiligt Ihr den Sabbath nur, wenn Ihr Eure gesammte Erwerbsthätigkeit einstellt, nicht irgend einen Gegenstand vom Einzelgcbiet in den allgemeinen Raum traget u. s. w. Und wohl sind Viele unter uns, die da sprechen; man dars dem Volke nicht solche Lehren bringen, man muß die Lehre mit dem Leben auöglcichen und daS Judenthum den Erfordernissen der Zeit gemäß umgcstaltcn u. s. w. u. s. w. Wir sind nicht so vermessen, der Hoffnung Raum zu geben, daß eS unseren schwachen Worten gelingen könnte, von diesen irre gegangenen Brüdern mehrere ihres Jrrthums so zu überzeugen, daß sie von ihrem Wahne ließen. Wenn Gott der schwachen Rede eines Staubgeborenen solchen Segen ertheilen wollte, so würde daö der beglückendste Gnadenakt sein, den Er an einem Sterblichen übte. Wohl aber möchten wir eö wagen, an diejenigen, die als die שרידי ד׳, als das עשיריה, als die in dem sie umgebenden Abfall Gott Treugeblicbenen, die daS שאר יעקב, den Rest der ächten Iakoböenkel bilden und החרדים אל דבר ד׳ ובמצות אלדינו sorgsam warten wollen des Wortes Gottes und Seiner Gebote, die Mahnung zu entsenden, mit aller Energie und ohne jegliche irdische Rücksichtnahme in lauterem Eifer für Gott und unser Heiligthum sich zusammenzuschaaren um das Banner des Iudenthums und für eS einzustehen, sonder Furcht.