Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Bemerkungen zu Wiese's Memoiren [Rezension]
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 jüdische Hehrer speziell erscheinen, daß sie ihm die Fähigkeit eines idealen StrebenS gänzlich absprechcn! Und doch möchte eS wohl keinen Menschenstamm geben, welcher in treuer Hingabe an die Verwirklichung der höchsten Idee dem jüdischen überlegen ist. Man nenne doch einen solchen, der gleich bcm jüdischen für das höchste Gut der Menschheit, die Religion, Opfer gebracht hat, die dem tausendjährigen Martyrium zu vergleichen wären, das Israel erduldet. Und das Streben nach Erkenntniß und Wissen um der Erkenntnig und des Wissens willen, nicht rvcgcn greifbarer Bortheilc und schnöden GewinnsteS, sollte dein Inden so fremd fein, daß selbst der Jude, welcher die Wissen-- schaft und deren Pflege und Verbreitung zu seinem besonderen Lebenszwecke erkürte, der jüdische Lehrer, ״gar nicht anders kann, als auch ans dem Lehren ein Geschäft machen?" Schaut doch einmal hin auf das reiche geistige Leben, welches im jüdischen Kreise seit Jahrtausenden mächtig pnlsirt, und zeigt uns noch ein ähnliches Beispiel, daß eine ganze Menschenfamilie unanSgcsctzt 1111b unbeirrt durch die widrigsten Schicksale Wissenschaft gepflegt, im Erkennen die höchste Bestiedignng gesucht und in seiner Mitte sich vor keinem andern Adel gebeugt, als den Wissenschaft und Tugend verleihen. Zeigt uns noch einmal einen Kreis, in welchem Lehrer und Schüler in so reiner Gesinnung sich der Wissenschaft gewidniet, in welchem eine solche selbstlose Hingebung an die Wissenschaft nicht von einzelncn besonders hervorragenden Männern, sondern von einem ganzen Volke seit Jahrtausenden bethätigt worden ist. Man zeige nnö noch einmal einen Kreis, in welchem die materiellen Güter also in den Dienst des Idealen gestellt werden, wie im jüdischen, einen Kreis, in welchem uneigennützigstes Wirken für die Interessen der Gesammthcit, der Humanität und der Wissenschaft also an der Tagesordnung ist. wie im jüdischen, bevor man cS wagt, den Juden Schachergeist anzudichten, so daß selbst der jüdische Lehrer ״gar nicht anders kann, als aus dem Lehren ein Geschäft zu machen", wie die Herren v. Bcthmann-Hollwcg und Wiese meinen. Einem solchen die Ehre der jüdischen Lehrer vernnglimpscitden Ausspruch dürfen wir wohl mit aller Entschiedenheit und aus tiefster Ueberzcngnng die Be- Häuptling entgcgcnstellcn: der jüdische Lehrer ist dem christlichen vollkommen ebenbürtig an Charakteranlage und Tngeudübnng und an reiner Begeisterung für seinen Lehrberuf. Man strafe nnö Lügen, wenn man solches vermag. Diese das Judenthum nnd die Juden verkennende und mißachtende Anschauung ward auch anscheinend von dem auf v. Bethmann-Hollweg im Unterrichts- Ministerium folgenden Herrn v. Mühl er getheilt, welcher sich aber trotzdem der Konsequenzen der den Inden versassungSmäßig zustehenden Rechte nicht ganz entziehen konnte und, wenn auch innerlich widerstrebend, doch zngcstehen mußte, daß ״vom Standpunkt cvangelischer Toleranz in einzelnen Fällen auch die Anstellung jüdischer Lehrer genehmigt werden könne." ') Immerhin ein Fortschritt auf der Bahn der Gerecht tigkeit, die ihn auch veranlagte, den beiden jüdischen Realschulen in Frankfurt a. M. die Gleichberechtigung mit dm anderen Realschulen zu gewähren.-') Daß aber auch christliche Schüler durch die QualifikationS- Zeugnisse dieser jüdischen Anstalten für den einjährigen Militärdienst berechtigt sein sollten, wurde gegen den Willen des Ministers v. Mühler seitens des Reichskanzleramtö verfügt.׳') Der Mühlcr'sche Entwuf eines UnterrichtSgcsetzcö enthält die Bestimmung: ״Lehrer, welche nicht einer der anerkannten christlichen Rcligions- Parteien angehören, können nur für solche Unterrichtsgegenstände zugelassen werden, auf deren Behandlung das religiöse Bekcnntniß nicht einen maßgebenden Einfluß hat."^) Mit einer solchen Bestimmung wäre allerdings die zugeslandenc AnstellungSfähigkeit jüdischer Lehrer an öffentlichen höheren Schulen, mit Ausnahme besonderer jüdischer Anstalten, völlig illusorisch zu machen sein, wenn z. B. die Ausführung des Gesetzes im Wiese'schen Geiste erfolgen sollte. Dieser ist der Ansicht, daß ״unter den Lehrobjckten nur wenige sich völlig von der Religion isoliren lassen und cs unmöglich bei allen sei, die ethischer Natur sind, also auch bei allen, die mit der Geschichte und Literatur zu thun haben."'') Auf v. Mühler folgte Falk, über welchen Wiese klagt, daß er im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die cS für ihre Pflicht erachteten, ״gegenüber den die volle Konsequenz der bürgerlichen Gleichstellung verlangenden Inden und Judenfrennde die Idee der deutschen und christlichen Schule zu schützen, auf die andere Seite trat."") Wiese erkennt also an, daß die von den frühern Ministern und ihm versagte Gleichberechtigung der jüdischen Lehrer mit dem Geiste der Verfassung im Widerspruch steht. — ein frcimüthigcS aber eigenthümlicheS Bekcnntniß eines so hohen Staatsbeamten! Herr Dr. Falk ist ihm deshalb auch gar kein wirklicher Kultusminister, sondern nur ein politischer Minister, welchem gegenüber er den nationalen, ethischen und religiösen Standpunkt bei verschiedenen Gelegenhciten betonte, meistens aber ohne damit besonderen Eindruck auf den Minister ansznüben. Die Mittheilnngen, welche Herr Wiese über sein Verhältniß zu ') 1. Band, Seite 301. -) 1. Band, Seite 302. 3) 1. Band, Seite 303. ,*) 1, Band, Seite 314.;'•׳*) X. Band, Seite 232. c) 2. Bänd, Seite 70.