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Jeschurun · 1886-05-27 · Heft 21 (27.5.1886) · p. 323

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 21 (27.5.1886)
Article
Bemerkungen zu Wiese's Memoiren [Rezension]
Date
1886-05-27
Page
323 (sequence 3)
Language
German
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»23 Herrn Falk in dieser Hinsicht macht, sind zu charaktcristisch, als daß wir es uns versagen könnten, solche hier wörtlich anzusühren: ״Dm konfessionellen Charakter einer höheren schule, wo ein solcher überhaupt anzuerlcrrncn, sah er (Falk) durch die Anstellung einzelner jüdischer Lehrer nicht bceinrrächtigt. Die Einheit des Geistes im Lehrerkollegium als höchstes Ersordcrniß für den Erziehungsberuf der Schule war ihm, verglichen mit der wissenschaftlichen Unterrichtsausgabe, das weniger Wichtige, und bei nachgcwicscucr Befähigung wollte er. jüdische SchulamtSkandidaten und Lehrer von keinem Unterrichtsgegenstände, außer der christlichen Religion, ausgeschlossen wissen. Er hatte Geduld mit meinen Ein׳- Wendungen, aber sie machten ihn in seiner Ausfassung nicht irre. Daß von allen BewegungSkräften der Weltgeschichtc die stärkste immer die Religion gewesen, und daß die Entwickelung des deutschen Volksthumnur durch das Christcuthum verständlich sei, wolle er mir nicht bestreiten, sagte er; aber darum brauche sich der Bortrag der Weltgeschichte durch einen Juden in nichts von dem eines Christen zu unterscheiden. Ebenso wenig kam seiner Meinung nach bei der Interpretation der alten Autoren das Religiöse und Ethische sonderlich in Betracht. Ich wies aus die griechischen Tragödien, auf platonische Dialoge und auf Schriften wie Ciccro's TuSculanen und Osfieia hin, die herkömmlich in Prima gelesen werden, und erklärte eine auf die sprachliche Seite beschränkte Behandlung für unzureichend: solche Lektüre erfülle ihren Zweck erst, wenn den Schülern ein Verstau dniß deS Unterschiedes eröffnet wird, der zwischen den religiösen und ethischen Vorstellungen der Alten und dem christlichen Glauben und daher auch den sittlichen Prinzipien der christlichen Welt besteht. Darüber, z. B. gelegentlich der genannten Schriften Cicero's, sie über das Verhältnis der antiken Kardinal« Lugenden zu den christlichen zu belehren, sei aber ein Jude nicht wohl geeignet; wenigstens in der Schule nicht, auf der Universität vielleicht. Der Minister entgegnetc: jeder gute Philolog, ohne Unterschied des Glaubens, würde dem Bcdürfniß der Schule darin genügen können. Auch den deutschen Unterricht in allen Klaffen wollte er jüdischen Lehrern nicht vorcnthaltcn. Zwar einige Erbieten von solchen, sich an der Heraus-- gäbe eines allgemeinen deutschen Lesebuchs zu bctheiligcn, lehnte er ab; aber stilistischen Unterricht und die Einführnng in die deutsche Literatur ihnen zu übertragen, fand er unbedenklich. Es half mir auch nichts, daß ich darauf hinwicS, wie der jüdische Lehrer schon in der Wahl der Aussatzthcmata beschränkt sei, ebenso wenig, daß ich auf die Eigenschaften der Schreib- und DarstellungSweisc aufmerksam machte, welche den jüdischen Schriftstellern unserer Literatur charakteristisch sind, und daß einer von ihnen, Lassalle, selbst gesagt: ״die Inden verderben das Deutsche"; auch nicht, daß in SchulvcrwaltungSbcrichten aus der Provinz Posen wiederholt über den schädlichen Einfluß geklagt worden sei, den eine starke Mischung der Klasscnfreqncnz mit jüdischen Elementen auf die Sprach- und Schreibweise der anderen Schüler habe. Der Minester lachte darüber. Ebenso wenig machte eö einen Eindruck auf ihn, daß mir ein von ihm geachteter, selbst äuS einer ehemals jüdischen Familie stammender Gymnasialdirektor in einem Briefe die Bitte ausgesprochen hatte, doch ja zn verhüten, daß Sprachunterricht oder Geschichte jüdischen Lehrern übertragen werde. Der Schluß solcher Gespräche war gewöhnlich seinerseits: ״Sie sollen sehen, was ich für unbestreitbares Recht der Juden halten, wird wenig zur Anwendung kommen." Wir schließen unsere Bemerkungen zn diesen höchst belehrenden Lcbenscnuncruugcn und Amtserfahrungen, welche einen sehr wcrthvollen Beitrag zum Berständniß der ''Zeitgeschichte, insbesondere aber auch für eine Geisteörichtung liefert, die uns nicht günstig ist. So betrübend cS ist, dieselbe gerade in den höheren GescttschaftSkrciscn gewahren zu müssen, so bleibt cs doch erfreulich, daß die mit den Juden im regen Wechselverkehr stehenden größeren Volksschichten von dieser Strömung noch nicht allzusehr ergriffen sind. Man gebe sich jedoch ob dieser Wahrnehmung nicht Täuschungen hin. Der Einfluß der geistig Höherstehenden ist für die Gestaltung der Volksanschauung sehr bedeutend und weitreichend. Was die midjftc Zukunft bieten wird, wer vermöchte cS zu bestimmen? DaS Endziel der mcnschcngeschichtlichcn Entwickelung aber ist längst enthüllt, cS heißt: Sieg der Wahrheit über Wahn und Vorurtheil. a Aus der AKstrrdlMtt Gemeinde 1705—1812. (Fortsetzung.) Als diese letzteren ins Palais kamen, fragte sie der Portier, wen sie verträten. Sic antworteten: .,Wir kommen für die Neue jüdische Gemeinde." Er ersuchte sie zu warten. Darauf kam der Kultusminister zu ihnen und thcilte ihnen im Namen des Königs mit, daß Sr. Majestät nur zwei Gemeinden kenne: die portugiesische jüdische Gemeinde und die hochdeutsche jüdische Gemeinde und ersuchte sic, sich den Dep'utirtcn der alten jüdischen Gemeinde, welche sich bereits im Nudienzsaale befanden, anzuschließen. -Hier half kein Widerspruch, und sie verfügten sich denn auch zu unserer

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