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Jeschurun · 1886-05-20 · Heft 20 (20.5.1886) · p. 310

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 20 (20.5.1886)
Article
Die heilige Sprache und der moderne Zionismus
Date
1886-05-20
Page
310 (sequence 2)
Language
German
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310 stellen, die Anforderungen Zions und Jeruscholajims nicht bestehen, — kollidiren, mit einem Worte, patriotische Begeisterung und messianische Hoffnung? Man behauptet cs, und nicht erst seit heute und gestern; man behauptet, daß in Wirklichkeit der Israelit kein voller Patriot sein könne. Laß die wahre, ächte Liebe, zu dem gegenwärtigen Vaterland in den! Herzen erlöschen müsse vor der Alles überfluthenden Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines selbständigen jüdischen Reiches, und daß der messiaögläubige Jude kein ernsteres Interesse an dem Gedeihen und dem Glanze des ihn beherbergenden Landes und der ihm znr Zeit gebietenden Krone haben könne. Und da mögen die historischen Jahrbücher zehnmal diese Behauptung Lügen strafen und zu berichten wissen von der hcldenmüthigen Vertheidigung Neapels gegen Belisar. der Pyrenäen- Pässe gegen die Franken, von dem tapferen Ringen auf der Kleinseite von Prag und von den Tausenden von Jünglingen, die 1813 und 1814 freiwil lig auf deutscher Seite in den Kamps gegen ihren Befreier aus den Fesseln des Mittelalters, gegen Napoleon, zogen; da mögen wir Zeugnisse, wie die des preußischen Kanzlers Hardenberg, beibringen, der in einem Berichte vom 4. Jannar 1815 schrieb: ״Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffcugefahrten ihrer Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele dcS wahren HrldenmutheS und der rühmlichen Verachtnng der Todesgefahren aufzuweisen, sowie die Einwohncr (Berlins), namentlich auch die Frauen in Opfer jeder Art sich den Christen angeschlosscn haben;" da mögen wir Nachweisen, daß allein bei Belle-Alliame 55 jüdische Landwehroffiziere ihr Leben geopfert haben, da können wir die Liste der überzeugenden Thatsachen׳ auf Hundert und Tausend vermehren: die Gegner wird Solches nicht überzeugen, und in einer merkwürdigen Taktik werden sie sagen, wenn auch die Thatsachen scheinbar für ein vaterländisches Hochgefühl bei den Israeliten sprechen, der Geist des JudenthumS ist dagegen, und die durch Patriotismus motivirte Handlungsweise muß auf andere Beweggründe zurückgcführt werden, oder Diejenigen, welche sich zu ihr verstehen können, haben sich im Herzen ganz von Zion losgesagt. Meine Leser werden verzeihen, wenn ich, da es für unsere eigentliche Untersuchung nicht ganz ohne Bedeutung und an sich doch ohne Frage von sehr großer Wichtigkeit ist, der Erörterung etwas näher trete, was der Geist des JudenthumS über den Patriotismus dcS Juden .denkt, d. h. was unser Gesetz, der sixirte Geist, darüber verordnet. Das letzte Jahrzehnt mit seinen grausamen lieberraschungcn hat uns in die Lage gebracht, in verschicdenen Schriften die Aussprüche unserer alten Gesetzeslehrer über die Liebe und Treue zu Herrscher und Vaterland zusammenzutragen, und es kann darum genügen, auf diese Schriften hinzuweisen und deren wiederholte Lektüre zu empfehlen. Meine Aufgabe hier soll cS nur sein, zu zeigen, wie unsere großen Meister, im vollen Bewußtsein der möglichen Kollision von Vaterlandsgcfühl und ZionSsehnen ihre Patriotismus gebietenden Anssprüche gethan und damit in weiser Voraussicht jedes später vielleicht austauchende Bedenken im voraus niedergeschlagen haben. Jirmijahu schreibt an seine Brüder nach Babylon die oben angeführten Worte, die sehr eindringlich die Mitarbeit am Wohlergehen des babylonischen Reiches empfehlen; in demselben Briefe aber schreibt er: ״so spricht Gott: nach Verlauf von siebzig Jahren (von NebuchadnezarS Regierungsantritt bis zum Erscheinen des Cyrus gerechnet) werde ich eurer gedenken und an euch mein gutes Wort erfüllen, euch an diesen Ort (Jerusalem) zurückzubringen;" und zum Schluffe des Briefes wiederholt er noch einmal: ״es ist eine Heilung (das Galuth), bauet Häuser und wohnet darin, pflanzet Gärten und genießet ihre Frucht." Welch eine weise Zusammenstellung! Ihr werdet nach siebzig Jahren euer jetziges Wohnland verlassen dürfen und sollen, ihr werdet euren festen Besitz, eure Häuser, eure Gärten dann nicht mit fortnehmen können, ihr sollet für eure Enkel in Babylon nichts erwarten; was ihr dort leistet, wird ihnen nicht zu Gute kommen, eure Zukunft liegt in Palästina und nicht in Babylon, die Werke, die ihr dort schaffet, könnt ihr nur eine ganz bestimmt abgegrenzte Zeit genießen, für später habet ihr für Andere gearbeitet, — daö möchte euch stutzig und lässig machen — nein, trotz dieses Bewußtseins arbeitet froh, und frisch an der Kultureniwickcumg dcS Landes mit und suchet mit allen euren Kräften das Wohlergehen desselben zn fördern, denn nicht vom Eigennutz darf sich eure Pflichterfüllung abhändig machen, und das, was in der Zukunft eurer wartet, darf eure babylonischpatriotische Gesinnung nicht beeinflussen. Und wenn ihr glaubet, daß bei diesem Mitrathen und Mitthun für Babylons Wohl ihr Zion vergessen müßt, daß sich diese beiden Gesinnungen nicht vertragen, und daß die patriotische Begeisterung die Galuthgedanken ver- Nichten muß, so sage ich euch. ארכה היא בגו בתים ושבו ובו,, das Galuth kann ארבה sein und bleiben, wenn auch die Pflichten gegen das Vaterland nicht vernachlässigt werden, es kann seine heilsame Wirkung anSüben, ohne daß eure Seele darum muth- und kraftlos zu vaterlandsnützendem Willenöenlschluß wird. Freiheit im Galuth bedeutet nicht Galuth der Freiheit, der Freiheit, die von den Bergen herniedergekommen, von dem Gottesberg und vom Tempelberg, von Sinai und Morija. So ist Jirmijahus Gedankengang in seinem Briese-

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