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Jeschurun · 1886-05-20 · Heft 20 (20.5.1886) · p. 306

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 20 (20.5.1886)
Article
Über die Kolonisationsbestrebungen für das Heilige Land
Date
1886-05-20
Page
306 (sequence 2)
Language
German
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3YK währ bieten würden, daß eine größere Anzahl Emigranten dort eine ruhige Niederlassung und einen gesicherten Erwerb finden könnte, so verdiente die Förderung einer solchen gewiß die allgemeinste opferwillige Theilnahme. Wir sind nicht genugsam mit den einschlägigen Vorhältnisscn vertraut, um hierüber uns ein Uriheil zutrauen zu dürfen. Wir möchten deshalb um keinen Preis der Welt irgend welchen rein Menschenfreundlichen Bestrebungen, die durch die Ansiedelung unserer unglücklichen Brüder in Palästina deren Lage glücklich zu gestalten hoffen, entgcgentreten. 3m Gcgentheil, wir möchten gern nach Kräften dazu beitragen, ein solches LiebeSwerk zu fördern, wenn eS in diesem Wohlthätigkeitssinne unternommen und nach der Ansicht kundiger und vertrauenswürdiger Männer als ersprießlich bezeichnet wird. Zu unserer innigen Betrübniß haben wir jedoch wahrnehmen müssen, daß mit diesen KolonisationSbcstrebungcn für Palästina mannigfach irrige und deshalb verderbliche Anschauungen in Verbindung gebracht werden, welche in demselben nicht lediglich ein Werk der Hülfe für arme Vertriebene und Flüchtige zu fördern gedenken. Es sind in Deutschland, mehr aber noch in Oesterreich und Rußland, Stimmen laut geworden, welche mit der Kolonisation des Heiligen Landes durch diese jüdische Emigration eine nationale That, und zwar nicht in dem Sinne eines von der Gcsammtheit an den unglücklichen Brüdern geübten LiebeSwerks. sondern eine nationale Thai für die Verwirklichung der messianischen Verheißungen zu vollbringen vermeinen. Das ist aber eine Verirrung, die nicht scharf genug als solche bezeichnet und nicht energisch genug zurückgewiesen werden kann. In diesem Sinne geübt, wäre die Kolonisation Palästinas nicht nur kein nationales, sondern ein durchaus verkehrtes und nnheilvolles Unternehmen. Wir gewahren in manchen Kreisen eine Sprache in Betreff der sogenannten jüdischen NationalitätSidce, die von einer totalen Verkennung der Aufgabe Israels zeugt. Man will das jüdische Nationalbewußtsein erwecken und beleben durch äußere Mittel. Mau stiftet Vereine zu geselligen Vergnüguugen mit puerilen vermeintlich jüdisch-nationalen Allüren. Man sendet sich gegenseitig ״national-jüdische Brüdergrüße" und verrichtet andere ähnliche große Thaten, deren man sich als ״nationale" rühmt. Diese sich mit solchem national-jüdischen PatriotismuS Brüstenden weisen aber die gewissenhafte Beobachtung des jüdischen Gesetzes als einen überwundenen Standpunkt von sich und dünken sich über die Schulchan- Aruch-Juden weit erhaben. Sie führen gewaltige Reden im Munde und spielen sich als die Pfleger des wahren jüdischen Geistes aus. während sie das Judenthum selbst mißachten. Diese sich als die Begründer einer neuen Aera dünkenden Kreise haben auch der palastinen* fischen Kolonisation ihre besonderen Sympathieen zngewendet und vermeinen, daß dieselbe den ersten Schritt zur Wiederbegründung eines gesonderten jüdischen Staats sei. Die Herren sind sehr schlau. Sie wollen die schwere Pionirarbeit durch die armen Emigranten verrichten lasten, um dann später vielleicht als die Großen und Herrscher ihnen Nachkommen' zu können. Wenn aber ihnen wirklich die Kolonisation Palästinas eine hohe national-jüdische Pflicht ist, ei, warum machen sie sich dann nicht selbst an die Arbeit. Warum verlasten sic nicht ihre gesicherte und behagliche Stellung und wenden ihre große geistige und materielle Kraft an, selbst das Heilige Land zu bebauen? Warum überlassen sie dieses den Armen und Elenden? Das kann doch wahrlich keine hohe Nationalaufgabe sein, die nur von Solchen gefördert werden soll, denen sonst sich gar nichts auf weiter Erde darbietet. Aber es ist durch und durch unwahr, daß in solcher Farce sich eine jüdische Gesinnung ausprägt und mit der Kolonisation ein jüdisch-nationales Werk in diesem Sinne seiner Lösung entgegengeführt wird. Uns Juden liegt nur eine einzige Pflicht ob, die wir zur Förderung der Messiaözcit, der גאלה, zu vollziehen haben, und das ist הישובה ומעשים טובים. Wie der jüdische Staat nicht in Trümmer ging, weil cs an national-jüdischem Bewußtsein, an Patriotismus und Tapferkeit gemangelt, sondern weil wir unserer Ausgabe als ״ ממלכת נוהגים ונוי קדושPriesterreich und Gott geweihtes Volk" nicht gerecht geworden sind, also wird die verheißene גאלה, in welcher die Heileszukunft dcS Menschengeschlechts überhaupt wurzelt, nur dann durch uns gefördert, wenn wir in voller Aufrichtigkeit und Treue zu Gott zurückkehren, indem wir alle Gebote, die Er uns gegeben, erfüllen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und allen Kräften. Ein Anderes liegt uns nicht ob לקדב אה הגאלה, ein Anderes kann von uns nicht geleistet werden, ein Anderes darf von uns nicht geleistet werden. So lehrt eS das jüdische Gesetz, und so ist es gehalten worden allezeit, seitdem der Tempel auf Zion in Flammen loderte und Juda'S Söhne von dem triumphirenden Römer ins Exil getrieben wurden. Wenn die גאלה hereinzieht, dann wird sie Gottes Werk sein, nicht unser, wie die גאלת מצדים nicht durch unsere Hände geschafft worden ist. sondern die Hand Gottes in der Geschichte kund giebt. היום אם בקולי תשמעו, das ist Alles, was wir zu thun haben, nichts Anderes. So wäre - die Kolonisation, nicht als Werk der Wohlthätigkeit geübt, um den armen heimathloscn Brüdern eine Ruhestätte zu bereiten, sondern in der fälschlichen Meinung, dadurch die Lösung der rn^-Vcstimmung herbcizuführen, wegen dieser Gesinn nn g vielmehr geeignet לעבב אה הגאלה, die 1 verheißene Erlösung aufzuhalten.

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