Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1886)
- Article
- Über die Kolonisationsbestrebungen für das Heilige Land
- Date
- 1886-05-20
- Page
- 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 Das wäre selbst der Fall, wenn man nur diesen Jrrthum mit dem an und für sich gewiß hohen Lobes würdigen HülfSwerke in Verbindung brächte, sonst aber keine unlautere Nebenabsicht hegte; wenn man selbst alle Veranstaltungen dafür in Rücksicht auf das Re׳ ligionsgesctz träfe und Sorge tragen würde, daß die Kolonieen jüdische Ansiedelungen würden, in welchen die Gebote des IudenthumS in vollstem Umfange zur Ausübung gelangen, aus welchen vor Allem der Geist der Leichtfertigkeit und der Untreue, — wie dieser sich in Europa leider in jüdischen Kreisen nur allzuoft unter den Namen ״Reform", ״Aufklärung", ״Selbstcmanzipation", ״Bildung" u. A. m. offenbart — ge-- bannt bleibe. Wenn aber, — wie es nach manchen Kundgebungen für einen Theil dieser KolonisationSbestrebungen allerdings bedauerlichst nicht ganz ausgeschlossen zu sein scheint — mit der Propaganda für. diese palästinensischen Ansiedelungen nicht allein jene Verirrung eines vermeintlichen nationalen Unternehmens zur Herbeiführung der messianischen Zeit, sondern in der That auch die noch verderblichere verbunden sein sollte, daß der Gehorsam gegen das Neligionsgesetz nicht die allerhöchste und heiligste Pflicht eines jeden Juden sei und es einen Dispens von der unauslöSlichen Verbindlichkeit zur Erfüllung aller Anordnungen dieses Gesetzes wohl gäbe, und zwar wenn der Aussicht auf äußere materielle Vortheile das Gesetz sich entgegenstellen würde, wenn man z. B. glauben sollte, daß die besonders für das Heilige Hand in Anwendung gelangenden Gebote, oder die allgemeinen Sabbathgesetze u. dcrgl. m. vor der vermeintlich nationalen Kolonisation znrücktreten könnten, so daß die Ansiedler davon befreit wären, weil sie die Prosperität der Kolonisation schädigten — dann wäre es heilige Pflicht, gegen diese Kolonisationsbestrebungen mit aller Energie zu wirken. Es gäbe nichts Verwerflicheres, nichts was also das ״natiönaljüdische" Bewußtsein verletzte, als dem Heiligen Lande sich in solcher Untreue nahen zu wollen, als es zu wagen, den Boden Palästinas aufs Neue zu cnt< weihen durch Ungehorsam und Abfall. Wir haben ihn verloren, weil wir nicht in ganzer Treue Gottes Gebot Gehorsam geleistet, und wir tragen noch die Folgen dieses Ungehorsams, der den Untergang des Gottes- Hauses auf Zion und das unsägliche tausendjährige Leid des Galnth veranlaßte, — und da könnten wir so wahnbefangcn sein, dieser alten noch ungcsühnten Schuld die neue Angesichts der Trümmern dieses Gotteshauses hinznzufügcn?? Ein größerer Hohn, eine vollendetere Verkennung Israels und seiner erhabenen Aufgabe kann nicht gedacht werden. Wir fassen das bisher Gesagte demnach dahin zusammen: Die Ansiedelung arnier Inden in Palästina, als ein Werk brüderlicher Liebe geübt, ist wie jedes Unternehmen zur Hülfe und Unterstützung unserer verfolgten und bedrückten Brüder, falls Aussicht für das Gedeihen der Ansiedelung vorhanden, in jeglicher Hinsicht zu fördern, wenn zugleich die. größtmögliche Sorge dafür getroffen wird, daß die Kolonieen zu Stätten einer getreuen Erfüllung des Religionsgesetzes erblühen. Solche Bestrebungen aber, welche von der fälschlichcn Idee getragen werden, durch diese Ansiedelungen die verheißene גאלה zu fördern und damit den ersten Grundstein zu קבוץ גליות zu legen, sind entschieden verwerflich. Werden sie aber gar in der ausdrücklichen oder stillschweigenden Voraussetzung gehegt, auch nur eine Satzung des IudenthumS zu vernachlässigen, so geben sie sich als eine Verhöhnung nnd Verleugnung des IudenthumS und können nicht entschieden genug bekämpft werden. KMrkMgen \\\ Mtse's Memirru. (Fortsetzung.) Das Judenthum stellt ja thatsächlich das ganze Leben von der Wiege bis zum Grabe in den Dienst, der Religion und verlangt ja in unvergleichlicher Weise die Bethätigung des GottcSbewnßlseins nicht durch Lippenwort und HerzenSregung allein, sondern durch eine in die konkreteste Erscheinung tretende Handlung in jeder Minute. Somit wird gerade im Judenthume nicht nur die von Wiese als höchstes Ideal erstrebte Einheit des geistigen Lebens, sondern die Einheit des gesammten Menschenwesens nicht allein erstrebt, sondern auch gefunden. Hat 'Wiese in seinem langen Leben nicht Muße finden können, das Judenthum und die Inden zu studiren? Mußte auch ein solcher Mann in dem Banne eines unvernünftigen Vorurtheils verharren nnd prüfungstos die traurige Erbschaft durch sein ganzes Leben mitschlcppen, in welche er sich mit der großen gedankenlosen Menge theilt? Die Geistesarbeit eines hochentwickelten Menschenstammes, dessen Kultur nach Jahrtausenden zählt, hat keinen andern Ausgangs- und Endpunkt, als den GotteSgedanken, und erzeugte eine reiche Literatur, welche die herrlichste Schöpfung des Gott erkennenden und Ihm huldigenden MenschcngcniuS ist, während dieser Menschcnstamm ein so kräftiges, von einem einheitlichen Geiste durchdrungenes, Gottes Gebot durch freien Gehorsam verwirklichmdes Leben entfaltete, daß die Einheit seines Wesens in seiner besonderen Eigcnthümlichkeit nicht durch die widrigsten äußeren Verhältnisse zerstört werden konnte, und der jüngste Enkel im fernen Westen noch