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Jeschurun · 1886-05-06 · Heft 18 (6.5.1886) · p. 275

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 18 (6.5.1886)
Article
Der neueste Erlaß des ungarischen Kultusministeriums in Betreff des Schreibens und Zeichnens an Sabbath [Nachricht]
Date
1886-05-06
Page
275 (sequence 3)
Language
German
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278 zeichnen — der Kultusminister. der Hüter, Pfleger und Leiter aller geistigen Kulturmittel im Staate, will aber den größten Theil der jüdischen Jugend verleiten. Las heilige Gebot ihrer Religion zu verletzen, indem er die Beachtung desselben mit der härtesten Strafe, die ihm zur Verfügung steht, bedroht, mit der Ausschließung von der Schule überhaupt. Er, der bestellte Wächter der sittlichen und geistigen Interessen aller Bürger, führt mit seinem Dekrete den schwersten Schlag gegen diese unschätzbaren Güter. Seine Verfügung spricht zu dem jüdischen Knaben und Jünglinge: Tritt die Gebote deiner Religion mit Füßen, oder leiste Verzicht auf eine bessere Bildung; nur dem gewissenlosen Verächter der Religion öffnet sich die Pforte der Schule: die Treue gegen die Religion hast Ln mit dem ewigen Beharren in niederer Kultursphare zu bezahlen. Gilt im ungarischen Kultusnrinisterium das religiöse Moment so wenig, daß man leichten Herzens die Jugend einer ganzen Ncligionsgenossenschaft zu Vcrachtern ihrer angestammten Religion verführen will? Jawohl — verführen. Denn was ist cs Anders, als eine Verlockung znm Abfall und zur Untreue, wenn man einerseits der Jugend die Stätten der Bildung verschließen will, die solche um den Preis der lieber- Lretung göttlicher Verbote zu thcuer findet, andererseits aber den leichtsinnigen und gewissenlosen Schülern und Eltern das verführerische Bild aller Vorthcilc, die heute mehr denn in vergangenen Tagen das Wissen gewährt, als Lohn für die Sünde vor Augen führt? Was haben dennAutiochnsEpiphancs und dessen Epigonen Anderes gcthan als die Ucbertretung des jüdischen ReligionSgesetzcs mit irdischen Vorthcilen belohnt und die gewissenhafte Treue mit dem Tode bedroht? Freilich sind die Zeiten etwas milder. Herr Trcsort überantwortet deshalb auch nicht die gewissenhafte jüdische Jugend Ungarns dem Schaffst, er begnügt sich damit, sie zum bürgerlichen Tode zu vcrnrtheilen. Ausschluß von Bildung und Wissen heißt Acchtung und Vor- Hängung des bürgerlichen Todes, darüber kann Niemand weniger im Zweifel sein als ein Minister des Kultus und Unterrichts. Was soll die Ausnahme der Rabbinersöhnc und Rabbinatsaspiranten von dieser Aechtung? Ist Herrn Trcsort das jüdische Ncligiousgesetz so wenig bekannt, und ist kein Rath in seinem Ministerium vorhanden, der Gelegenheit hätte, ihn über dasselbe zu iuformiren, daß er der fast unglaublich scheinenden, sonderbaren Meinung sein könnte, cs gäbe für' Rabbinersöhnc cm besonderes Gesetz im Judcnthume? Wo findet sich denn ein solch widersinniges Gesetz irgend einer Religionsgenosscnschaft im ungarischen Reiche, das Herrn Trcsort auf den horrenden Gedanken gebracht haben möchte, daß das JuLenthmn zwischen Rabbinersöhnm und Söhnen anderer Inden in Betreff der Heiligung des SabbathS einen Unterschied ausgestellt hätte? Der Herr Minister des Kultus wird doch die Bücher deS Alten Testaments einmal gelesen haben. Wo ist in ihnen irgendwo eine leise Andeutung gegeben, daß den Söhnen von Rabbinern und den RabbincramtSaspiranten ein besonderes Sabbathgebot auferlegt wäre? Ist dieses aber nicht der Fall und verwahrt sich Herr Trcsort gegen die Unterstellung einer solchen Unwissen-׳ heit, die gewiß seiner Stellung unwürdig wäre, so bleibt sein Erlaß für den gewöhnlichen Menschen-׳ verstand unerklärlich und unfaßbar. Es erübrigte dann nur die nicht minder bedenkliche Annahme, als ob der Herr Minister von der Anschauung ausgcgangen wäre, daß eine gewissenhafte Befolgung der Religion ausschließlich nur den obersten Lehrern derselben und deren Angehörigen obläge, daß aber die Neligionögenossen überhaupt davon sich zu dispcnsiren hätten. Wir wagen cs kaum, auch nur hypothetisch dieser Annahme Raum zu gewähren, weil wir den Gedanken nicht zu fassen vermögen, daß ein ernsthafter Mensch eine solche vcrlvundcrliche Meinung von der Religion haben könnte. Wie wäre cS möglich, daß irgend eine Religion einer solchen Anschauung huldigen könnte? Sie höbe sich ja damit selbst auf. DaS Ehrwürdigste und Heiligste würde das Thörichste und Einfältigste, das Universellste schrumpstc zu dem Geringfügigsten zusammen. Wenn die Satzungen der Religion nur für deren oberste Lehrer und deren Kinder erlassen sein sollte, wozu wären sie dann über- Haupt da? Dann brauchte man auch keine Lehrer der Religion, weil deren Gebote ja nicht von dem Volke zu halten wären und dieses sie gar nicht zu lernen hätte. Dann werfe man die Religion sammt ihren Lehrern zu dem von der Bildung und Ausklärung der Gegenwart längst überholten alten Gerümpel, dann streiche man die Religion überhaupt aus den Kultur- Mitteln der Gegenwart und setze ..Schreiben und Zeichnen", welchen im ungarischen Kultusministerium eine so hohe Bedeutung beigemessen wird, an deren Stelle! So suchen wir vergebens ein Verständniß für den Gedankeugang des Herrn Trcsort zn erlangen. Wir vermögen weder Motiv, noch Zweck, noch Logik darin zu entdecken. Wir erblicken in diesen Erlassen aber die größte Schädigung der wichtigsten Interessen der ungarischen Judenheit. Dieselben bewirken, daß entweder die Heranwachsende Generation zu religionslosen Verächtern des JudenthnmS herangebitdct wird, oder daß ihr die Pforten der Bildung und Wissenschaft verschlossen bleiben. Wir erachten eS deshalb als die angelegentlichste und heiligste Pflicht aller"jüdischen Hausvater, aller jüdischen Gemeindevertretungen, aller Lehrer und Rabbiner, mit voller Energie alle gesetzlichen Mittel

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