Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1886)
- Article
- Der neueste Erlaß des ungarischen Kultusministeriums in Betreff des Schreibens und Zeichnens an Sabbath [Nachricht]
- Date
- 1886-05-06
- Page
- 276 (sequence 4)
- Language
- German
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27k in Anwendung zu bringen, um die Aufhebung, dieser Erlasse unverzüglich herbeizuführen. Vor Allem aber sollten die Orthodoxen nicht ruhig zuschauen. ES wäre an der Zeit, eine große Landesversammlung abzuhalteu, um im Namen der gesammten Judenhcit ciuzustchen für das heiligste Gut. Wer diesen Erlassen gegenüber in Ungarn die Hände in den Schooß legt, der ladet eine Verantwortung auf sich, die schwer zu tragen ist. Wohlauf, ermannt Euch und tretet unerschrocken hin vor die Regierung und die Landcövertretung und kämpfet für das gefährdete Heiligthum. Es handelt sich um die Zukunft Eurer Kinder. Wenn Eure Kinder und Enkel dem Judenthum den Rücken wenden und die Gebote Gottes mit Füßen treten, so klagt ihre Sünde Euch an vor Gottes Thron, so Ihr verabsäumt für Gott und sein Gebot, für Eure Kinder und Enkel in die Schranken zu treten! קומו כי עליכם הדבר הזקו ועשו! Die heilige Sprache and der moderne ZiMisnlus. Von Rabbiner Dr. Jacobson in Schrimm. (Fortsetzung.) Betrachten wir das babylonische Exil, so können wir die sprachliche und sittliche Absperrung, wie sie nach den! Midrasch in Aegypten bestanden haben sollte, nicht in gleichcnr Maße dort vorfindcn. Wenn, auf der einen Seite das Galuth seinen Zweck, über welchen wir später eingehender sprechen werden, voll und ganz erfüllt und eine Befestigung des jüdischen Wesens herbeigeführt hat, so sind doch bei einem großen Thcile des Volkes durch den Aufenthalt in Babylon die Beziehungen zur religiöscn und nationalen Eigenthümlichkeit sehr gelockert und die Untugenden, welche die Ueberführung in die babylonische Gefangenschaft veranlaßt hatten, nicht nur nicht abgelegt, sondern manchmal noch verschärft und verstärkt worden. Israels Garten ward vom Euphrat nicht so segenspendend bewässert wie vom Nil, und die Weiden Babylons gewährten dein Kästchen, in welchem Israels Kleinod aufgehoben ist, weniger Schutz, als das Schilfgcsträuch am Ufer des ägyptischen Stromes. Hier blieb die Blume rein, rein an Ursprung und rein an auSgeströmtcm Duft, dort wurde schon der Keim verunreinigt, und was ans ihm erwuchs, das konnte dann auch nicht rein und lauter, sondern Makel sein. Wir entnehmen aus den Worten NehemiaS zu Ende seines Buches, daß von den Exulanten viele Mischkhen geschlossen hatten, und daß die diesen Ehen entspryssemn Kinder des Hebräischen nur halb mächtig waren, da die heidnischen Mütter sie an ihre, der Mütter, Heimathssprache gewöhnt hatten und die Väter, nachdem sie in der Sittlichkeit die Schranke niedergerissen hatten, gewiß in Betreff der Sprache der nöthigen Energie ermangelten, um das Eindrängen fremder Ausdrücke in die Sprache ihrer Kinder zu verhüten. Mit der Sprache ging dann auch die jüdische Eigenthümlichkeit verloren, und sowie die erstere ein Kauderwelsch war, so war auch die letztere halb verwischt und halb erhalten; der Vater erzählte in hebräischer Sprache von jüdischem Wesem und den Aussichten in der Zukunft. und die Mutter plauderte mit ihren Kleinen von Aschdod's Art und nährte in ihnen die Anhänglichkcit an dessen Sitte. So war das starke Band der Liebe, das diese Kinderherzen an Israels Gott und dessen heiliges Wort fest knüpfen konnte, zu einem dünnen Faden geworden, den geringe Gegenkraft zerreißen und auseinaudersasern konnte. So war aber auch die Einigkeit gestört, und in dem Widerspruch der Interessen und in dem Gegensatz der Ausgangs- und Zielpunkte für die sozialen Bestrebungen die gefährliche Saat gestreut, aus welcher die jede Volksgemeinsainkeit untergrabende Selbstsucht erwächst. Darum läßt Jecheskccl, der Exilsprophet, im 37. Kapitel Israel klagen •יבשו עצמותינו אבדה תקותנו ״ ננזרנו לנוunser Gebein, unser Wcscnskcrn, ist vertrocknet, unsere Hoffnung, das uns mit Gott verknüpfende Band, ist verloren, wir sind uns abgcschnitten, wir sind Einer von den Anderen abgetrennt und in der Verfolgung uuserer Interessen allein begrenzt". Fragen wir uns nun nach dem Grunde dieser in Aegypten und Babylon verschiedenen Erscheinung, so werden wir nicht irre gehen, wenn wir ihn in den Lebcnsumstündcn suchen, in welchen sich die Israeliten befanden, als sic in die ägyptische Knechtschaft und als sie in die babylonische Gefangenschaft kamen. Denn es kann doch ohne Zweifel nicht ohne Einfluß auf das Verhalten des einzelnen Menschen und ׳des ganzen Volksstammcs sein, was er mit dem Aushören seiner persönlicheu Freiheit und nationalen Selbstständigkeit eiltgebüßt hat und welcher Verlust ihm in der Unfreihcit und Unterthünigkcit am meisten fühlbar wird. Ein an Reichthnm und Genuß gewöhntes Volk wird in der Gefangenschaft, beider beraubt, Armnth und Lebenscinfachheit schmerzlich empfinden und vor Allem seine Verhältnisse so zu gestalten suchen, daß sie ihm wieder üppige Behaglichkeit gewähren; ein in Mäßigkeit und Genügsamkeit geübtes Volk, das sich die Nothdurft des Lebens in schwerem Kampfe erringen mußte, das aber in einem reichen Geistesleben schwelgte und in Tugcndübung ungenügsam war. das wird sich mit den äußeren Beschränkungen und Entbehrungen, welche die Unfreiheit und Abhängigkeit ihm auferlegen, schnell ab-