Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 263 (sequence 3)
- Language
- German
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263 streichS vor sich hm, was bei ihm das Zeichen eines hohen Grades von Kunstenthusiasmus sein sollte, und führte in rhythmischen Bewegungen die Sporen an einander. Nur Ella und Nafael, und selbstverständlich auch die Mutter Hedwig's, benahmen sich so, wie die nreisten Menschenkinder in einer freudigen Extase sich zu benehmen Pflegen. Ihre Augen strahlten, ihre Wangen färbten sich tiefer, sie neigten sich unbewußt vor und lauschten mit augehaltencm Athen!. Als aber Ella einen flüchtigen Seitenblick auf Rafael warf und seine tiefe Versunkenheit im Kunstgenuß gewahrte, als sie auf seiner hohen Stirn den Abglanz einer überirdischen Wonne erblickte und die Flammen seiner Augen, welche sich von dem rofifcn Liederquell nicht abwenden konnten, von anbetender Bewunderung zu einer ungewöhnlich lebhaften Gluth angefacht sah, da hatte es ein Ende mit ihrer ungetrübten Entzückung. Ihre klaren Augen verdunkelten sich, und sie zog schmollend die Mund- Winkel abwärts. Die schönsten Akkorde vermochten nicht mehr, den Schatten in ihrem Antlitz aufzuhellen. Als der letzte Ton den Tasten entschwebte und ersterbend durch die Lust vibrirte, unterbrach sich auch Rittmeister Colmar in der pflichtgetrcucn Exckutirung des Zapfenstreichs. Er sprang sporenklirrend und säbelrasselnd auf und eilte zu Hedwig. ״Fräulein," sagte er, ihre Hand erfassend, ״sobald das Klavier bei der Militärkapelle eingeführt ist, erwirke ich Ihnen die Eruennnng zur Gencralvirtuosin der gcsammtcn Regimenter Seiner Majestät." ״Die Kavallerie mit einbegriffen?" ״Ei, freilich." Auch Rafael kam an das Klavier, um seine Huldignng darzubringen. Er konnte nicht so schnell auf die Füße springen wie Colmar, er brachte einige Sekünden damit zu, um seinen Geist aus jenen fernen Gebieten zurnckzurufen, in welche er von den ״Flügeln des Gesanges״ entführt worden. Er mußte sich sammein, mußte, so gut es in der Schnelligkeit eben ging, seine Seele von dem Zauber befreien, den die seraphischen Töne um sic gewoben hatte. Aber vollständig ernüchtert war er noch immer nicht, seine Augen glänzten noch immer so exaltirt, wie die eines Trunkenen. ״Fräulein Hedwig," sagte er mit aufgeregt zitterndcn Lippen, ״den Eindruck, den Ihr Spiel und Gesang auf mich ausübte, können Sie in meinem Gesichte erkennen und meinen Dank für die durchschwelgten Genüfle kann ich Ihnen nicht besser ausdrücken, als in folgenden Worten: Sokrates hat gesagt, daß die Weltweisheit die vortrefflichste Musik sei, Ihre Musik aber, mein Fräulein, ist die vortrcfflichste Weltweisheit." ״Ich beschwöre Sie, Fräulein, geben Sie das nicht zu," sagte der Rittmeister mit komischem Ernst, ״lassen Sie die apollonische Lyra nicht durch das abscheuliche Gefieder der Pallas Athene verunstalten. DaS fehlte uns noch — die Eule auf einer alabasternen Frauenschultcr! Herr Bergbach ist im Stande und macht noch einen philosophischen Blaustrumpf ans Ihnen, den kläglichsten aller Blaustrumpfarten!". ״Seien Sie beruhigt, Herr von Colmar," lachte Hedwig, ״cS ist keine Gefahr im Verzug. Ich spüre selbst keine große Neigung, mich in eine so hochgeschätzte, aber etwas zu steife Gesellschaft einsühren zu lassen." Der Husarenrittmcister warf einen triumphirenden Blick auf Nafael, welcher zu sagen schien: ״Das steck ein, das ist Dein unbestrittenes Eigcnthum. Geschieht Dir recht — wirst Dir's endlich einmal vergehen lassen, immer den Supergcscheidten und Geistreichen spielen zu wollen." Allein dieser Blick beraubte den Herrn Rittmeister eines großen ThcileS seiner Siegesfreude, denn er überzeugte ihn, daß der nrondsüchtige Schwärmer das Ganze überhört, verträumt habe und keine Ahnung hat von der empfindlichen Abweisung, die ihm zu Theil geworden. Er blickte träumerisch auf die Elscnbeintasten des Klaviers, über welche er spielend und ein schwaches Klingen erweckend die Finger gleiten ließ. Er blickte erst auf, als die seine, kalte Stimme der Frau Gerichtsrath an sein Ohr schlug. Sie rührte sich nicht von ihrem Platz und die Haltung ihres Kopfes und Oberkörpers war wenn möglich noch steifer, stolzer, wie gewöhnlich, als sie herüberrief: ״Ich danke Ihnen, meine Beste, für die Mühe, die Sie sich um uns genommen — Sie haben, seitdem ich Sie das letzte Mal spielen hörte, ganz bcinerkenswerthe Fortschritte gemacht. Ihre Stimme hat an Fülle und Kraft, ge- Wonnen, aber, wie es mich bedünken will, schleichen sich noch immer häufig sehr störende Gixcr ein. Mitten in der schönsten Klangwirkung entsteht oft eine Peinliche Dissonanz. Die Technik Ihres Spieles läßt an vielen Stellen nichts zu wünschen übrig —" Jetzt war die Reihe an dem obligaten ״aber": aber vielfach hinwieder vcrrathen Sie ciiic wahrhaft kindische Unbe- Holsen heit." Aber diesmal nahm ihr Frau Doktor Friede das ״aber" vor den! Munde weg. ״Aber freilich, in inanchen Partien bist Du noch zu unsicher, meine Tochter, Du mußt die Zeit bis zum Konzerte nach besten Kräften benutzen, um diese Scharten auszuglätten." Die hochwohlgeborene Frau von Colmar stutzte, ihre feinen, immer thätigen, geistigen Fühlhörner glaubten in den Worten der Hausfrau eine gelinde Reaktion erkennen zu dürfen. Sie warf einen, ver-