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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-04-29
Page
262 (sequence 2)
Language
German
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262 von schlanken Akazienbäumen mit runden, dichten Kronen so nahe an den gigantischen Pappeln gepflanzt wurde, erschien der vornehmen Dame als ein wahres Attentat auf die Gesetze der Aesthetik. Schließlich enthob die über alle Maßen zuvorkommende Hausfrau ihren vornehmen Gast der Mühe, durch das verbindende und unausbleibliche ..Aber" die Brücke zwischen Lob und Tadel der kritischen Bemerkungen herzustellen. So oft nämlich Frau Gerichtsrath Colmar sich belobend über das Eine oder Andere ausgelassen hatte, intonirte Frau Doktor Friede in stiller Schwermut!): ״Freilich, — aber — leider.... das und jenes." Der Rittmeister führte eine halsbrecherische Kavalkade auf, er ritt alle möglichen und unmöglichen Phrasen zu Tode und bestrich seine reizende Begleiterin mit ' einem Hagel von funkensprühcnden, pikanten Geisteskartätschen, die ein ganzes Husarenbataillon hätte zu Grunde richten können. Aber merkwürdig — Hedwig war stärker als ein Husarenbataillon. der fürchterliche Angriff vermochte nicht einmal sie in Verwirrung zu bringen, mit einem ruhigen, vergnügten Lächeln hielt sie ihm Stand. Aber ein Bischen Blut kostete cs sie doch — dasjenige, welches in ihre Wangen stieg und sic mit der sanften Röthe reifer Erdbeeren übergoß. Wo Alles die Sprechorgane in Bewegung setzte, dort konnte der windbeutelige Backfisch doch nicht allein schweigen. ״Sie haben mir wie aus der Seele gesprochen, Herr Bergbach," sprudelte cs während des Gehens über die Kirjchenlippcn Ella'S. ״So oft ich ans der Gasse so einen alten, nngestaltigen Professor im laugen, schwarzen Rock mit den weißen Silbcrlocken und dem thurmhohen, abgcschosscnen Zylinder begegne, befällt mich ein unsagbar andächtiges Gefühl und ich möchte am liebsten hingehen und dem alten Manne die verwelkte Hand küssen." ״Wenn Sie das doch einmal auch wirklich thun wollten, Fräulein," sagte Rafael. ״Die Herren der Wissenschaft haben es sich um uns verdient gemacht, daß wir sie schätzen und lieben. Sie können es. kaum ahnen, welche Glückseligkeit Sie durch eine solche Hnldigung den armen Märtyrern bereiten würden, unter denen cs viele giebt, deren LcbenSpfad kein einziger Sonnenstrahl der Liebe je vergoldet har. Aber hüten Sie sich, ähnliche Gedanken vor Ihrem Herrn Bruder laut werden zu lassen." ״Meinen Sie, ich fürchte mich vor ihm?" sagte Ella, ihren Madonncnkops mit trotzigem Stolz emporwerfend und die Lippen stülpend. Für den giebt's nichts, wie Pferde, Manöver und schöne Frauen, denen er den Kopf verdrehen kann; alles Andere lacht er aus." Mitlcrweile war die Gesellschaft auf der Veranda angelangt, über welche man von rückwärts in die Villa gelangte. Ein Korridor führte von der Veranda in das Treppenhaus, auS welchem man über eine breite Treppe ans bläulichem, weiß geadertem Marmor in die Gemächer des oberen Stockes gelangen konnte, wo. auch der Salon sich befand. Man konnte schon hier einen schwachen Vorbcgriff von der luxuriösen Pracht bekommen, welche in dem Innern dieses Hauses herrschte. Ein schön kolorirtcr Mosaik mit künstlerischen Ornamentalzcichnungen bedeckte den Fußboden, den Plafond zierten sinnige Rcliesfiguren und dort, wo die mattbraun gemalten Wände Ecken bildeten, waren gewölbte Nieschcn auSgcbrochen, in welchen weiße Marmorstatuen standen. Ein kostbarer, prachtvoll geblümter Sammettcppich lief über die Treppe. Der Salon war ein großes, lichtes Zimmer mit silberweiß getünchten, glatten Wänden, an welcher mit achter Goldfarbc gemalte Leisten hcrnmlicfen. Die Winkel der Wände und das Plafond waren mit ebenfalls in Gold ausgcführten Arabesken ansgcfüllt. UebrigcnS war in dem großen Gemache die ganze Herrlichkeit vereinigt, die nur immer um׳ vieles Geld zu haben ist. Bcnctianische Spiegel, welche von der Decke bis zum Boden reichten, hingen an den Wänden, ächte persische Teppiche lagen über dem Fußboden und der Uebcrzng der Möbel war ein flimmernder Goldbrokat. Ella und Hedwig ließen die Andern voraus in den Salon gehen, während sie selbst in das Boudoir der Letzteren eilten, wo diese in Gegenwart Ella'S ihre Frisur in die alten Ehren entsetzen wollte. Nach einigen Minuten erschienen auch sic im Salon und Hedwig setzte sich an den Flügel. Sie trug mit großer Virtuosität einige Lieder vor, welche sic mit ihrer klang- und gefnhlrcichen, kräftigen Stimme begleitete. Die günstigen aktistischcn Verhältnisse des Saales ließen die volle Schönheit ihres Spiels und Gesangs zur Geltung!online» und der Zauber der erhabenen Töne, welche den Raum dnrchwallten und auSfülltcn, übten auf alle Zuhörer einen tiefen, sichtbaren Eindruck aus. Nur daß diese Wirkung bei Jedem auf eine besondere, wohl auch sonderbare Art sich äußerte. Die Frau GcrichtSrath hatte die feinen Lippen fest auf einander gepreßt und der hochmüthige Ausdruck ihrer Angen hatte sich in einen schlecht verhehlten Unmuth verwandelt. Sie hatte beabsichtigt, Ella aufzufordern, sich ebenfalls ans Klavier zu setzen, hatte sich auch im Voraus heimlich an dem Gedanken gefreut, wie glänzend die Superiorität ihrer Tochter über die cmporgekommcne Jüdin sich manifcstire» werde. Sie war aber besonnen genug, nach dem Gehörten von dieser Vornahme abzustchen.... Der Rittmeister pfiff leise mit kaum merklich gespitzten Lippen die scelcncrhcbende Melodie des Zapfen-

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