Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 264 (sequence 4)
- Language
- German
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264 stohlmm. forschenden Blick auf da« Gesicht ihrer Nachdarin und gewahrte zu ihrem Verdruß, daß sie sich vollständig geirrt habe. Frau Friede machte eine so harmlose, mütterlich wohlwollende Miene, ais sie ihrer Tochter die Bemerkung mitthcilte, welche die Frau Gerichtsrath zu äußern im Begriffe stand, daß an eine sarkastische Nebenansicht gar nicht gedacht werden konnte. Ja, die hochwohlgcborenc Dame ärgerte sich ganz aufrichtig. Haben denn diese Leute das Gefühl in eine Ähinvzeroöhaut cingenaht, daß Alles an ihnen abgleitet? Kann man auf keinerlei Art sie dcmüthigen, ihnen ihre Inferiorität vor Angen führen? Ella verblieb ebenfalls auf ihrem Platze, ihr Gesichtsausdrnck war noch verdrossener geworden. Die Worte Nafael'S an Hedwig hatten ihrem Herzen einen tiefen Stich versetzt. O, was für ein bcncidcnswerthes LooS, über einen so edlen Geist eine so große Herrschaft auSüben zu können- Aus den Schatzkammern Griechenlands holte er die Diamanten herbei, welche er als Diadem der Verherrlichung ihr um die stolze Stirne legte. Und wie wenig wußte sie diese Glückseligkeit zu würdigen! Ihr entging nicht die empörende Geringschätzung, mit welcher Hedwig die Huldigung des edlen Jünglings vergalt, und sie faßte einen Liesen Groll gegen sie, gegen sich selbst und gegen das Schicksal. Warum besaß sic nicht die Macht, Rafael zu solcher Begeisterung Hinzureißen, durch die Worte, welche jene nicht einmal der Beachtung würdigte, hätte sie sich bis zu den Wolken erhoben gefühlt. — Ist das gerecht? — Sie mußte alle ihre Energie zusammennehmen, um nicht dort vor aller Welt in Thrauen auSzndrcchcn. Es war eine Erleichterung für sie, als sie sah, daß die Mama sich zum Abschied erhebe. Rafael entfernte sich ebenfalls mit ihnen zugleich. Vor dem vergoldeten Thorgittcr trennte sich Rafael von der hochwohlgeborenen Familie, und als er Ella die Hand küßte, machte sie ihm als Gcgcngcfälligkei einen sehr artigen und freundlichen Knix. Einen Moment ׳ gaukelte ihr sogar eine angenehme Illusion vor, sie stehe vor einem der ehrwürdigen alten Gelehrten, mit (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 22. April. Streich auf Streich trifft das Haupt unseres ehrwürdigen Freundes Stöcker. Nicht genug, daß von Seiten der chrenwerthestm Männer dem Herrn Hosprediger fortwährend der Text gelesen wird, ist er jetzt auch bei dem schönen Geschlecht in unsterbliche Ungnade gefallen. In letzterer Zeit hatte nämlich die christlich-soziale Partei versucht, sich der Arbeiterinnm-Bewegung zu nähern. Doch ein glänzender ״Neinfall" beglückte die biedern Antisemiten, natürlich wieder auf Kosten ihres Führers und Meisters. In der am Montag Abend stattgehabten Arbeiterinnen- Versammlung im Etablissement ״Sanssouci" bemerkte zunächst Frau Dr. H 0 f f m a n n im Laufe ihrer Rede: ״Weit bedenklicher wurde jedoch die Krisis, als sich die christlich soziale Partei der Arbeiterinncn-Bewegung näherte. Ich muß offen gestehen, es hat selten etwas auf mich einen größeren Abscheu erregt, als die antisemitische Agitation." Bei diesen Worten erhob sich lebhafter Beifall, welcher noch stürmischer wurde, als die Nednerin sagte: ״Eine Bewegung, die den Neid und Haß gegen Andersgläubige aufzurcizen sucht, die an die schlechtesten Leidenschaften apellirt, wird von jedem anständigen Menschen verabscheut werden. Dieser Abscheu wird aber um so größer, wenn der Leiter dieser traurigen Bewegung sich in den Mantel der christlichen Demuth hüllt." Sie führte dann ferner in Bezug auf die Unterstützungen, welche die christlichsoziale Partei dm Arbeiterinnen angeboten habe, aus: ״Wir akzeptircn mit Freuden jede Unterstützung in diesen unseren Bestrebungen, von welcher Seite sie uns auch sein wird. Allein von einer Partei, wie der christlich-sozialen, die den Rassen- und Glaubenhaß auf aus ihre Fahne geschrieben, müssen wir jede Unterstützung mit Entrüstung zurückiveiscn." Auch noch von anderen Rednern wurde dem Herrn Hofprediger eine kräflige Lektion ertheilt. So sagte der Tischler Zubei! unter Anderem: ״Ich finde es ebenfalls für höchst chebäuerlich, daß Leiterinnen der Mäntel-Näherinnen- Bewegung von einer Partei Unterstützungen angenommen haben, die dm Namen ,Stöckel trägt. Ich bin der Meinung, wenn ein ehrlicher Konservativer^ oder ein Liberaler die Lohnbewegung der Arbeiterinnen unterstützt, dann ist diese Unterstützung nicht von der Hand zu weisen, niemals aber dürfen die Arbeiterinnen eine Unterstützung von einer Partei annchmm, die den Klassen- und Glaubenhaß schürt und unserem Vaterlande die größte Schmach augcthan hat." Als nun schließlich ein Schriftsteller Willberg sagte: ״Meine Damen und Herren, ich bin Mitglied der christlichsozialen Partei. Ja sogar Mitglied deS deutschen Antisemitenbundes." Da ertönte ein lautes ״Ah!" durch den Saal, und die Unruhe wurde so groß, daß der beaufsichtigende Polizei-Ofsizier die Versammlung auflöste. — Die Wuth über die Antisemiten war so groß, daß man den antisemitischen Redner Willberg bedrohte. — Nun, Herr Stöcker, ich bewundere Sie, . wie sehr Sie vom Volke gefeiert werden!