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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 259

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Stöcker, die Juden und die Anarchie
Date
1886-04-29
Page
259 (sequence 3)
Language
German
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259 hohen Reichstags die Tribüne desselben zu aufreizenden Ueberlreibungen mißbrauchen könnte. Aber auch die jüdischen Millionäre, die er so genau erkannt haben muß, daß er sic ebenfalls für eine ungesunde Erscheinung hält, möge er doch einer öffentlichen Spczialanalyse unterziehen. Wir sind der Ansicht, daß Wohlhabenheit und Reichthum der Bürger ein Zeichen von Gesundheit. des Staates ist. Das ganze Erwerbsleben der Nation ist auf Mehrung der Güter, auf reichlichen Ertrag des Fleißes, auf Hebung des Wohlstands gerichtet, und da sollte gerade die Mehrung der Güter eines jüdischen Deutschen, der Ertrag des jüdischen Fleißes, die Hebung des Wohlstandes eines jüdischen Staatsbürgers ein liebet sein? Herr Stöcker muß den Widersinn dieser seiner Behauptung im Augenblicke ihres AuSsprecheuS empfunden haben. Er weiß sich aber schnell zu fassen und scheut nicht vor dem Saltomortale zurück, der vermeintlichen Gesährlichkcit des jüdischen Wohlstandes, die ״schürenden, aufhetzeuden, revolutionären Kräfte", welche aus dem Judenthnme kommen sollen, bcizugescllen, um dann in die Welt hinaus zu donnern: ״das ist etwas, was keine Nation ertragen kann, das ist eine Persidie des öffentlichen Lebens, die gen Himmel schreit!" Wunderbar! Kapitalismus und Sozialdemokratie sind sonst zwei sich gegenseitig bckäinpscnde Potenzen, dem Judenthum will aber Stöcker imputiren, daß cS beide erzeugt und zwar in so bedeutendem Maße, daß keine Nation solches ertragen kann! Nun eine aufreizendere, schurrendcre, revolutionärere Agitation ist wohl kaum denkbar. Was will der Abgeordnete Stöcker der Menge entgegenhalten, womit will er sic beschwichtigen, wenn sie mit dieser seiner Parlamentsrede auf der Fahne über die Juden herfällt׳ und sie massakrirt? Wenn von der einen Seite mit der Stöckcr'schcn Parole von der Gesährtichkeit des jüdischen Kapitals die Sozialdemokraten heranstürmen und von der anderen Seite die konservativen Bürger und Bauern unter der Stöcker'schcn Devise von dem jüdischen Anarchismus — will sich da Stöcker ihnen 'entgegenwerfeu und der Mord- und Raubgier Einhalt gebieten? ״Du willst uns hindern, das Vaterland zu retten?" schallt cS ihm von beiden Seiten entgegen. ..Wir führen ja nur das aus, was Du angeregt hast! Auf, stelle Dich an unsere Spitze und schleudere bic erste Brandfackel auf die jüdische Million, — auf, sei unser Anführer und strecke die ersten Inden nieder, die Anarchisten.und Staatsunter- Wühler!" So könnten beide inihm ihr geistiges Oberhaupt erblicken und sich als die gelehrigen Schüler seiner Lehre wähnen. Wir wissen absolut nicht, welche Kapitalisten und Anarchisten jüdischen Bekenntnisses Stöcker im Auge gehabt hat, als er deren furchtbare Gefährlichkeit im Reichstage dem deutschen Volke vor die Seele führte — das aber wissen wir, daß kein Jude heute in Deutschland lebt, welcher eine solche Rede in einer solchen Versammlung gehalten, die also geeignet ist, das Volk gegen einen Theit der Staatsangehörigen aufzureizen. Wir sind der Meinung, daß dem Anarchismns durch solche Reden Vorschub geleistet werden muß. Wenn dem Volke gesagt wird, daß Reichthum in der Hand einer Minorität eine ungesunde Erscheinung ist, so sagt es sich, daß die Neichen überhaupt eine kleine Minorität bilden und die Majorität demnach wohl daran thut, eine solche ״ungesunde Erscheinung des öffentlichen Lebens״ zu beseitigen. Ist daö nicht Anarchie? Wenn man sagt, aus diesem oder jenem Kreise sind Sozialdemokraten und Anarchisten hcrvorgegangen, deshalb muß man jene Kreise in die Acht erklären — predigt mau da nicht die völlige Gesetzlosigkeit? Gesetzt, die begabtesten und energischsten Führer der Sozialdemokraten wären zufällig Sachsen, Bayern oder Preußen und mau schürt deshalb gegen die Sachsen, Bayern oder Preußen überhaupt und wollte gegen die Sachsen, Bayern oder Preußen überhaupt AuSnahmSgcsctze verlaugen — predigte man da nicht den Rassenhaß und die schreiendste Ungerechtigkeit? Wenn aber Jemand in dem Reichstage aufstäude und sagte: £. und A sind Christen und Milliardäre, A. und B. sind Christen und Anarchisten — in der einen Hand den Kapitalismus, in der andern den Anarchismus, also steht daö Christenthum da — würde da nicht ein Hohngelächter solch tollhäuSterische Argumentation begleiten?'? Nun, das Judenthum hat so wenig mit dem Kapitalismus und dem Anarchismus etwas zu thun wie das ׳Christenthum. Und wie eS uuö ein Verbrechen dünkte, wollte man das Christenthum oder die Christenheit dafür verantwortlich machen, wenn ein oder mehrere Christen die Macht dcS Kapitals mißbrauchen, ebenso erscheint eS uns ein Verbrechen, für den etwaigen Mißbrauch der Kapitalmacht eines oder mehrerer Juden das Judenthum oder die Judenheit zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht minder gilt dieses von christlichen oder jüdischen Anarchisten. Bevor der Abgeordnete Hofpredigcr Stöcker nicht den unwiderleglichen überzeugenden Beweis gebracht hat, daß der Besitz in der Hand der Juden im Allgemeinen mehr mißbraucht wird, als in der Hand der Nichtjuden, und daß die meisten Juden Millionäre sind — und bevor es nicht ebenso klar nachgewiesen, daß die Revolutionäre, Anarchisten und Sozialdemokraten zumeist Juden sind, und daß die meisten Juden Revolutionäre, Anarchisten und Sozialdemokraten sind, so lange legen wir entschieden Verwahrung ein gegen solche Anschuldigungen, wie in seiner Rede vom 30. März gegen Juden und Judenthum erhoben worden sind. So lange müssen wir eS

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