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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 258

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Stöcker, die Juden und die Anarchie
Date
1886-04-29
Page
258 (sequence 2)
Language
German
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258 einander erfüllen, dann würde auch ihm sich die kommunistische Lehre als das Evangelium einer neuen Zukunft, als der einzige Weg zur Erlösung darstellen, und auch er sich den Anarchisten zugesellen, welche in dem gewaltsamen Umsturz des Bestehenden mit vollem Rechte die einzige Möglichkeit zur Verwirklichung jener Lehre erblicken. Die Stöckcr'sche Rede würde demgemäß auch von dem cnragirtestcn Kommunisten und Anarchisten gehalten werden können, und man möchte ihn selbst nach derselben zu den Anarchisten xur sang־ zählen, wenn er nicht in eigenthümlicher und ihn von diesen unterscheidenden Weise nur dem in jüdischem Besitze befindlichcn Kapital und den jüdischen Kapitalisten den Kamps verkündete. Eine solche Unterscheidung zwischen nichtjüdischem und jüdischem Kapital ist unseres Wissens von den Kommunisten und Anarchisten noch nicht gemacht worden und kann auch vor der kommunistischen Doktrin nicht bestehen; selbst wenn der zelotische Most noch Mitglied des Reichstags sein sollte, so hätte er doch niemals diese Rede halten können. Die feine Distinktion zwischen jüdischem und christlichem Kapital und jüdischen und christlichen ״Millionären und Milliardärcn" gehört überhaupt nicht der cigenthumsfeindlichcn Lehre an, sic ist vielmehr eine eminent praktische Frage, die jeder wissenschaftlichen Erörterung spottet und ihre sehr glückliche praktische Lösung nur in den mit Mord und Brand verbundenen Plünderungen jüdischen EigenthumS, welche die Geschichte der Barbarei und des Fanatismus, von der leider noch nicht die letzten Seiten geschrieben zu sein scheinen, aufzuweisen hat. Weil wir nach dem offenen Geständniß des Abgeordneten Stöcker in ihm einen Feind des jüdischen Kapitals zu erkennen haben, er sich auch nicht des Bekenntnisses scheut, daß ״auf der Seite des Judenthums" der Kapitalismus ihm ״bis zur absoluten Unerträglichkeit gewachsen ist", und nicht davor zurückbebt, die jüdischen ״Millionäre und Milliardäre" vor den Augen der ganzen Welt zu dcnunziren, so dürfte zwischen der anarchistischen und Stöcker'schen Lehre schwerlich ein anderer Unterschied zu erkennen sein, als daß nach jener der Besitz und die Macht, welche der Besitz verleiht, überhaupt als eine gesellschaftliche Gefahr erklärt wird, und die Millionäre und Milliardäre überhaupt zur gelegentlichen Ausplünderung entpfohlen werden, während nach dieser die Konfession des Besitzes und der Besitzer Kapital und Eigenthümer achtet. Das jüdische Kapital hat demnach von der anarchistischen und Stöcker'schen Doktrin die gleiche liebevolle Be- Handlung zu erwarten, uns Juden kann es darum jedenfalls völlig gleich sein, ob wir die Konsequenzen der anarchistischen oder Stöcker'schen Theorie zu kosten haben. Wir sind aber auch der Meinung, daß der Stöcker'schc Standpunkt den Bestand - der Gesellschaft überhaupt nicht minder bedroht als der anarchistische. Wenn es auch dem Begründer -er Stöcker'schen Lehre gelingen sollte, dieselbe wissenschaftlich zu rechtfertigen, und er selbst bei einer etwaigen praktischen Betheiligung gewissenhaft dieselbe ausschließlich auf die jüdischen Kapitalisten beschränken würde, so möchte eS doch billiger Weise sehr zu bezweifeln sein, ob die zur praktischen Verwirklichung seiner Theorie aufgcbotenen Mächte ebenso streng gewissenhaft die Unterscheidung zwischem jüdischem und nichtjüdischem Kapital respektiren werden. Der gewöhnliche Menschenverstand möchte der Stöcker'schen Dressur spotten und argumentiren: wenn das jüdische Kapital, der jüdische Millionär und Milliardär ein Nebel sind, dessen Beseitigung staatserhaltende Pflicht ist, so sinauch das Kapital überhaupt und der Millionär und Milliardär überhaupt ein nicht geringeres Nebel, dessen Beseitigung keine geringere staatserhallende Pflicht ist. So wenig eine beutesüchtige, zur Plünderung anfgereizte Menge nur die Millionäre und Milliardäre von den nach ihrer Meinung gefährlichen Millionen und Milliarden entlastet und sich erst eine genaue Vermögensbilanz vorlegen läßt, ob an der Million nicht etwa einige Tausende fehlen, bevor sie zu dem heilsamen AuSglcichSgeschäft schreitet, so wenig wird sie den Taufschein des Besitzers zu prüfen Muße finden. Sie wird vielmehr bestimmt ihrer entfesselten Menschenfeindlichen Wnth keinen Halt gebieten können und unterschiedlos von dcrKonfiszirnng der nach Stöckcr'scher Lehre gefährlichen Million un- Milliarde der Juden zu den Millionen und Milliarden des Christen schreiten. Im Ucbrigcn aber möchten wir von Herrn Stöcker'S gewissenhafter Wahrhaftigkeit neben dem noch schuldigen Erweis von der Gefährlichkeit gerade des jüdischen Kapitals auch einmal erfahren, wo denn die jüdischen Milliardäre zu finden sind. So stark sind unseres Wissens die Milliardäre nicht vertreten, daß Jemand, der sich herausnimmt, vor dem deutschen Volke von ihnen zu reden, sic nicht kennen sollte, und insbesondere die Milliardäre des kleinen jüdischen Kreises, denen er ganz speziell eingehende Studien gewidmet haben muß. Herr Stöcker nenne uns auch nur einen einzigen jüdischen Milliardär. Wir sind der Meinung, daß die Tribüne dcS deutschen Parlaments eine viel zu erhabene Stelle ist, als daß man sie für nicht durchaus auf authentischer Wahrheit beruhende Kundgebungen gebrauchen dürfte. Wir erwarten demgemäß Herrn Stöckers Mittheilung der Namen jener gefährlichen jüdischen Milliardäre; er muß sie doch kennen, sonst könnte er nicht von ihnen reden, sonst könnte er aus ihrer Existenz nicht die Ursache seiner antijübischen Agitationen herleiten. Er wird doch nicht den Glauben erwecken wollen, als ob ein Mitglied des

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