Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- Stöcker, die Juden und die Anarchie
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 260 (sequence 4)
- Language
- German
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260 als ein ungerechtfertigtes, verwerfliches Gebühren erklären, wenn man den jüdischen Namen verunglimpfen will. Der Stöcker'schcn Behauptung setzen wir die Erklärung entgegen: die Juden sind nicht schlechter als die anderen Staatsangehörigen, sie haben als solche weder den Vorwurf des Kapitalismus zu dulden, noch sich die Schmähung gefallen zu lassen, daß sie den Umsturz fördern. Wir halten es für eine himmelschreiende Perfidie, wenn man das öffentliche Leben der Nation durch unberechtigte Anschuldigungen eines ihrer Theile vergiftet. Mcherschau. Deutsches Gebetbuch für die israelitische Jugend, herausgegeben von Oskar Wal deck, unter Mitwirkung der Herren: Dr. Adolf Brüll, Pred. Di׳. Nehem. Brüll, Dr. L. A. Frankl, Dr. M. Friedländer, Dr. S. Heller, Prof. Dr. Seligm. Heller, Dr. B. Placzck, Al. Pollak, Pred. Dr. Schmiedl, N'abb. D1\ I. Unger, Jos. Ritter von Wertheimer. Wien, Druck und Verlag von Wilhelm Köhler. Ein Blick auf das Titelblatt dieses Büchleins genügt, um uns Gewißheit über die Tendenz desselben zu verschaffen. Deutsches Gebetbuch für die israelitischc Jugend — zu welchem Zwecke? Neben unserer alten Tefillah? Ei, bei der heutigen Uebcrbürdung unserer Jugend, wollen wir die armen Kleinen neben dem nothwendigen Erlernen unserer althergebrachten Gebete noch mit dem Memoriren von langathmigen Poemen quälen? Das wäre ja ganz gegen alle Regeln der Pädagogik, die bestrebt ist, die das zarte Alter drückende Last der Schulaufgaben rc. möglichst auf das geringste Maß hcrabzndrücken. Und dann, wozu so fromm sein, wozu den vorgeschriebenen Gebeten noch neue hinzufügen? — Wir glauben daher wohl dreist behaupten zu können, daß eS den oben genanten ehrenwcrthen Herren darum zu thun war, für unsere ja längst sich überlebt habende, für unsere Altvordcren seligen Andenkens wohl, angemessene, für unser aufgeklärtes Jahrhundert iudeß durchaus abgeschmackte Tefillah einen — natürlich, wo cS nur einigermaßen anging — sich an das angeblich obsolete Original haltenden Ersatz zu schaffen. Und da fingen sie denn zuerst bei den Kleinen an, indem sie aus ihrer eigenen Erfahrung sicherlich wohl zur Genüge wußten, daß man,-wenn man größer und älter wird, gar bald das Beten verlernt, und brachten eine Tefillah in artigen VerSlein — ganz dem kindlichen Gemüthe angepaßt — zu Stande. Natürlich, schok ehe wir überhaupt eines der Gebetbüchlein angesehen, sind wir fest davon überzeugt, daß sie, wo sie sich aü das Original anlehnen, dasselbe bei Weitem übertreffen! ES ist dies ja gewöhnlich die Regel. Die Leser wissen ja weit besser, als die Verfasser, was letztere wohl gemeint haben — oder was sie etwa, wenn sie einige hundert Jährchen später gelebt hätten, in dieselben Worte hineingelegt haben würden. ES kommt ja eben nur darauf an, welche Brille man zufällig beim Optikus gekauft hat, mit welcher man alsdann die Gegenstände betrachtet. — Und nun treten wir ein in die heiligen Hallen und besehen uns die Pflänzlein etwas näher. Da wird uns gleich im Eingänge eilte kleine musikalische Ueberraschung zu Theil in Gestalt eines musikalischen Morgengebets. Die Herren haben es wirklich unseren Kleinen sehr bequem gemacht. Sie schreiben sogar die Stimmung vor, in welcher sie sich beim Erwachen, nach welchem natürlich das Gebet zu verrichten ist, zu befinden haben: ״bewegt, frot)״׳. Da fällt mir aber ein: Was soll nun das arme Kind beten, welches zufällig Nachts schlecht gelegen und — wie man zu sagen pflegt — Morgens mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen ist? Du armes Kind! Doch dies nur nebenbei. Es muß in der Thal wirklich rührend sein, aus den zarten Kindcrkehlen jenen lieblichen Gesang ertönen zu hören. Aber was ist das? Da steht ja auch eine Baßstimme. So viel wir wissen, singen ja die Kinder gewöhnlich keinen Baß. Wozu also dies? Sehr einfach, der Herr Papa hat die lieben Kleinen zu begleiten. Muß das nicht ein reizendes Familienbild abgcben, würdig, einen! großen Maler zum Vorwurf zu dienen? Betrachten wir mm den Text ein wenig näher. Derselbe lautet: ״Fort ist die finst're Nacht, hell scheint die Sonne nieder, durch Gottes Gnade wieder bin ich gesund erwacht. Es singt der Vögel Chor, es wehen frisch die Lüfte, und steigen Blumcndüfte wie Weihrauch still empor. Laß mein Gebet zu Dir sich dankend aufcrheben: Sei, lieber Gott, im Leben ein treuer Hirte mir." — Es soll wohl dies ein Surrogat für daß allbekannte kurze Gebetchen מודה אני לפניך מלך הי וקים שהחזרת בי נשמתי בחמלה וב״ו sein? Wie viel kürzer und dabei doch klarer bringen diese wenigen Worte dem Gemüthe des Kindes die Allmacht Gottes zum Bewußtsein, als jene von Blüthenbufr und Weihrauch geschwängerten Verse? Ferner scheint uns jenes Gebet eigentlich für den ewig lachenden Himmel Italiens bestimmt zu sein. Bei nnS würde das Gebet jedenfalls nur höchstens für einige Monate des Jahres passen. Mir wenigstens käme es geradezu lächerlich vor, im kalten Winter ein solches Gebet zu hören.