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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 250

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Die heilige Sprache und der moderne Zionismus
Date
1886-04-29
Page
250 (sequence 2)
Language
German
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250 die wahren Gründe zu erspüren, warum in der hebräischen Dichterhalle nur so wenige Stimmen erklingen, soll in den folgenden Zeilen versucht werden. Die in unserer heiligen, altehrwürdigen Midraschliteratnr nicdergelcgte Geschichtsforschung, welche, meines Erachtens, viel zu wenig gewürdigt, sich die Aufgabe stellt, aus dem sittlichen Zustande der Menschen und Völker und deren sozialem Verhalten, die Geschickesgcstaltungcn derselben zu begreifen, individuelle und nationale Blüthe und Verfall zu erklären, hat, nach unserem Motto, auf die Nothwendigkeit von vier Tugenden bei den in Aegypten geknechteten Israeliten geschlossen, durch welche sie ihren Uebergang von doppelt unfreien Sklaven zu einem doppelt freien, zum Träger der Gotteöidee befähigten Volke vorbereiteten. — — Sie schämten sich weder ihrer hebräischen Namen, noch ihrer hebräischen Sprache und bewahrten sich vor jeder sittlichen Verwilderung in Wort und That. Und zwar kamen diesem Bestreben die Verhältnisse, in welchen sie sich befanden, nicht fördernd entgegen, sondern sie mußten in gewolltem Gegensatz gegen die sie überwiegende Umgebung, in vollem Bewußtsein dessen, daß sie nach natürlicher Berechnung ihre Lage hierdurch nicht verbesserten sondern verschlimmerten, diese Tugend pflegen. Denn sowie ein geistesbeschränkter Herr den ihn an Verstand überlegenen Sklaven gefühlloser behandeln wird, als den stupiden Knecht, um ihm seine Abhängigkeit nur noch fühlbarer zu machen, so wird auch einem sittlich verkommenen Gebieter die Sittenstrenge seiner Leibeigenen nur zu größerer Grausamkeit gegen dieselben ausstachcln, um das durch die Sittlichkeit geschaffene Sclbstbewußtsein zu vernichten und eine körperliche und geistige Entartung herbeizuführen. Daß den klugen Aegyptern diese psychologische Erkcnntniß fern geblieben sein sollte, und die Pharaonen und ihre Schergen eine ans solchen Beweggründen entstehende marlervolle Behandlung den Israeliten erspart haben sollten, werden wir wohl nicht annehmen können. Die Israeliten aber glichen, um das Bild des hohen Liedes zu gebrauchen, einem verschlossenen Garten, den eine hohe, starke Mauer sicher umgiebt, und dessen fest cingekliukte Pforte nur von Einem zu öffnen ist, in den von außen ohne Witten des Eigners nichts hinein- .;»bringen ist. dessen Erträgnisse aber, hinauögedracht, auch Anderen zu Gute kommen können. Die Blumen, die in solchem Garten aus reiner, unvermischter Saat emporsprießen, spenden, ohne Beimengung widrigen Hauches, ihren balsamischen Duft in den Aether, und die Bäume, die dort erwachsen, tragen, ungepfropft mit anderer Art, gesunde, der Fäulniß nicht ausgesetzte Frucht. Nein und klar ist dort AlleS^ die Lust, der Boden, die Frucht und die Blume. So hielt auch Israel den Garten seines Herzens wohl verschloffen nnd achtete auf die Blume seiner Tugend, daß sie an Zartheit und Würze nicht verliere. Bei Tage arbeitete es in dem Frohndienst seiner harten Peiniger, und am Abend kehrte es heim und erquickte seinen geschundenen Leib, mehr als durch Speise und Trank, durch den Blumenhauch ans dem Eden seiner Seele. Ans diesem sog es sich neues Mark in seine Glieder, aus diesem neue Kraft in seinen Geist, unter dem Druck nicht zu erliegen und jede Verlockung, durch Anbequemung an der Aegypter Brauch und Mißbrauch sein Schicksal zu erleichtern, zu besiegen. Hätten sie ihre hebräischen Namen gegen ägyptische vertauscht (die im Midrasch aufgeführtcn griechischen und römischen Namen sind nur als Namen berühmter Männer, die zu tragen eine Ehre scheinen dürste, aus-- geführt), hätten sie ihren Herren dadurch geschmeichelt, daß sie ihren Kindern deren Namen deigelegt; hätten sic sich nicht gesträubt, da dieses Sträuben doch sicher als Trotz ihnen gedeutet und demgemäß durch Züchtigung vergolten wurde, sich der ägyptischen Landesspräche Zu bedienen, der Sprache, in welcher ihnen die Frohnarbeit anfgetragcn wurde, und deren Vermeiden ihrerseits ihre Peiniger glauben machen mußte, daß sie aus Haß gegen die Sprecher die Sprache verpönten; hätten sie sich zur Unsittlichkeit verstanden, hierdurch ihren gesunden Keim zerstört- und damit bei ihren Gegnern die Furcht vor einer erfolgreichen Empörung eines durch sittlichen Verfall nicht entarteten Menschenstammevermindert; nnd hätten sic endlich Ver-- leumdung und Angeberei unter sich heimisch werden lassen und so den Aegyptern Vertrauen zu ihrer, der Israeliten, gegenseitigen Kontrolle eingeflößt, so hätten sie nicht nur ohne Zweifel ihre furchtbaren Leiden gemildert, sondern auch allmählich die Wachsamkeit ihrer Vögte und Gebieter, die sich von einer so gefügigen Sklaveukolonie keines Widerstandes und keiner Auflchnung weiter versehen hätten, eingcschläfert und dann glauben dürfen, die sicher gemachten Feinde zu überrumpeln und zu einer geeigneten Zeit deren Ketten zu brechen und nach eigenem Willen und aus eigener Kraft sich die Freiheit zu gewinnen. » So aber war nicht ihr Beginnen, und wie ein achter Israelssproß noch hellte denkt und empsindet, so dachten und empfanden unsere Ahnen in Aegypten; über der Klugheit stand ihnen die Biederkeit, über der Berechnung das Recht. Und so erzählten sie denn in ihren kurzen Mußestunden ihren NcübenS und Simeon«, ihren Josephs und BinjaminS von den Ureltern, deren Namen sie führten, erzählten ihnen vielleicht von dem Hirtenleben in der Heimath, das ihren Urgroßeltern schon nur noch eine schattenhafte Erinnerung gewesen, so nührlen sie in ihnen einen selbständigen, von Kriecherei freien Geist und machten sie zu Herrschern

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