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Jeschurun · 1886-04-15 · Heft 15-16 (15.4.1886) · p. 237

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 15-16 (15.4.1886)
Article
Zwei Briefe eines jüdischen Getauften [Rezension]
Date
1886-04-15
Page
237 (sequence 3)
Language
German
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er, wenn er thcttsächlich Gebrauche des Judenrhums übt, mit Recht als Glaubensspötter angesehen und dehandelt wird, wahrend, wenn er aus dem Thoraworte und eben diesen Mizwoth das mit den sieben menschheitlichen Pflichten Zusammenhängende folgert und übt, er eine sehr hohe Linse einnimnu. ״Nicht der Cohen, Levi, Israel, sondern der Mensch übe sie, dag er lebe, sagt die Schrift", so erklärte dort der Talmud, dessen ״Atem kernjin Adam" man so oft mißverstandenem. Auch Noah's Tugend besieht nach den Worten Nab's in der Erfüllung der sogenannten sieben Pflichten. Weshalb die Thora mm, da sie den Ger Zedek- und den thorafreundlichen Nochri so hoch hebt, die eine Schranke nicht zerbrach? Weshalb sie uns nicht befohlen hat. Andere zu bekehren? Damit würde uns Menschen eine gefährliche Waffe in die Hand gedrückt worden sein,, die wir leicht vermeintlich zur größeren Ehre Gottes, aber daneben zur Bedrückung und Geistesknechtnng unserer Mitmenschen anwenden könnten. ׳ Zur Befolgung jener sieben Pflichten dürfen wir die Menschen bekehren, und es muß uns sogar eine hohe Pflicht sein, dieselben auszubreiten. Wird doch zu diesem Zwecke Jona nach׳ Ninive geschickt und, indem die dortigen Sünder den Anforderungen Gottes hinzngebcn sich entschließen, wird das Berhültniß zur Gottheit wieder hergestcllt. Wie viel Elend wäre der Welt erspart geblieben, wenn alle Glaubensgenossenschafieu, wo es heißt, Andere hinüber zu ziehen, der gleichen wohlwollenden Engherzigfeit sich beflissen hätten. Wohl verkündet das Indenthum die Heilesznknttst der Menschheit, wohl strömt der Prophetemuuud über von der Schilderung ihrer Herrlichkeit, -- das Gesetz aber erheischt vom Juden nichts Anderes als die Förderung des Gottesreichs auf Erden, als den unerschütterlichen Gehorsam gegen Gottes Willen im eigenen Thun und Lassen. Diese Heileszuknnft winket der gesammten Menschheit, Niemand, selbst der Verschnittene, der Lsariß, ist von diesem .Bunde ausgeschlossen, das Jerusalem der Zukunft bedarf weder der'Meßschnur, noch der Mauern. Unser Haupt gebet an den Bnßfesten erfleht diese Zukunst; in den Erörterungen um die Malchnjotsätze Rösch haschaun wo R. Jehuda mib N Jose streiten, soll nach einer Ansicht das kein recht geeigneter Satz sein, der nur von dem einstigen Gottesreichc in Israel spricht, während der Andere denselben für den Anfang jener herrlichen Zeit als bezeichnend ansieht. Gefährlich sowohl für das Bestehen des Juden- Lhums, als auch für das Heil und die Freiheit der Menschheit wäre es gewesen, wenn Gott die zweischneidige Waffe der Zwangsbeglückuug durch den (glauben in die Hände der Sterblichen gelegt hätte. Wir haben in unserer Mitte ans die uns eigenthümlichc Weise das Göttliche zu pflegen, außerdem aber müssen wir dem sieghaften Einflüsse unserer Lehre Vertrauen schenken,' und dem Worte, welches nie trügt. Wie könnten die Gesetze des Jndenthmns, ein Dorn im Auge des Verfassers, da als Gegensatz zu dem Bilde der Zukunst betrachtet werden? Das hat aber der Verfasser in seinem blmbcii Zorne gegen den angestammten Glauben gethan. Ben Asai hat den andeutungsweise gegebenen Satz des Rabbi Akiba, das Wort von der Liebe, ausdrücklich aus alle Menschen ausgedehnt. Folgerungen soll er daraus, worüber der Verfasser sich gewundert, nicht gezogen haben, das heißt, er hat das bestehende Judenthmn nicht über Bord geworfen, soll demnach jenen Latz von der Einheit aller Menschen in halber Bewußtlosigkeit und ohne Ahnung der darin liegenden hohen Bedeutsamkeit geäußert haben. Was wird der Verfasser. nun sagen, wenn wir ihm den Satz Asai's ans Abot anführen: Beachte die kleinste Pflicht und scheue die lieberj tretung, denn ans einer Pflichterfüllung'wachst die andere, und ans einer Uebertretnng die andere; denn der Lohn der Pslichtersüllung ist die Pflichterfüllung, und die Strafe der Uebertretung ist die Uebertretnng. Ben | Asai war somit von der sittigenden Eiinvirknng des ganzen Gesetzes, von dein hohen Werthe nneigennützigen Handelns ebenso überzengt, wie uou der Noth- Wendigkeit der allgenteinen Menschenliebe. Muß ihm, wenn er die letztere anerkennt. nicht besonders viel daran liegen, die Mittel, durch welche die Thora ihre Bekenner veredelt, zu erhalten und zu festigen? Wenn Hillel dem Heiden nach Verkündigltng des bcrühntten Satzes zürnst: Geh' hin und lerne! so erkennt unser bekehrter Bekehrer darin mit eben so nngrimdlichem Schlüsse einen Mangel an Folgerichtigkeit und eine Rückkehr zur Engherzigkeit, die den Werth des Aussprnches überhaupt anfznheben geeignet wäre. Also Menschenliebe gegen Alle heißt voll jetzt alt unbedingte Aufhebung jeder Beschäftigung mit dem Gesetze? Weit über das Ziel schießt der Verfasser wieder nun hinaus und zeigt sich auch als Menfch voll nicht voriheilhasier Seite, indem er dem Hillel zwei Anssprüche nehmen uub dem Stifter des Ehristenthnms als nrsprüngliches Eigcnthnm zusprechen tvill. Hub doch stehen gerade diese beiden Siche in so unzertrennbarer Beziehung;11 einander, daß es Wunder nehmen muß, wie man später gerade eine so gute Wahl treffen und gerade dieses unter so viel Anderem dem Hillel zneigncn mochte, linier Briefsteller will dem sanstmüthigen Weisen offenbar nicht wohl. In seinem Munde sollen itämlich bcsagte Aussprüche, selbst wenn sie sein Eigenthnm waren, keineswegs den weltgeschichtlichen Werth haben, wie im neuen Testamente, und zwar, weil sie — mir gelegentlieh austreten. Wie kann das aber bei der Anlage

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