Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-04-15 · Heft 15-16 (15.4.1886) · p. 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 15-16 (15.4.1886)
Article
Zwei Briefe eines jüdischen Getauften [Rezension]
Date
1886-04-15
Page
238 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933170-2965207--21681-2965279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 unserer altjüdischen Schriftwerke anders sein? Wer mit solchen Mitteln arbeitet, dem blendet der Haß das Allste; da er sich aber so krampfhaft in die Verachtung seines früheren Glaubens und in die Verkennung seiner Lichtseiten hincinrcdet, so gicbt er damit gerade keinen Beweis von der Festigkeit seines neuen Bekenntnisses. Weshalb kann er cs sonst dem Nabbi Akiba übel nehmen, daß er auf die Einwendungen der Ungläubigen hin die Hoheit des McnschthumS, der israelitischen Glaubensziele und die Göttlichkeit der Thora verthcidigt? Wollten wir lieben dieser Ungründlichkcit des UrtheilenS und FolgernS noch die wissenschaftlichen Halbheilen der vorliegenden Schrift berühren, so müßten wir weit auSholcn. Scheint cS ihm doch möglich, daß R. Sinllai an eine endliche Aufhebung der gesetzlichen Bestimmungen glaubt und gehl der naheliegenden Er׳ klärnng des Ausspruches in Makot absichiSvoll aus dein Wege! Dann hätte dieser Rabbiner sich, wie Pcßachim am Schlüsse berichtet wird, nicht jo viel KopfbrcchenS um die Frage bei der Berith Mila machen müssen. Und Nab Nachman bar Iizchak, einer der abschließenden Anlvräer. der Acharoinm im babylonischen Talmud, soll dem Gerechten ein Leben inr Glauben nach christlicher Ausfassung als Hauptzweck zugesprochen haben! Das nennt n!an sich geschickt die Hülsskänlpfer suchen! Enlnna heißt an der angegebenen Stelle iu Habaknk Festigkeit, denn cS ist von den Wirren des chaldäischen AnstnrnlS die Rede. Wie würde auch sonst .beim AnialckSkampfe: ..Und die Hände MosiS waren Enlnna" übersetzt werden? Beweist daS nicht genug, daß die wahrhaft wissenschaftliche Vorsicht dem Verfasser gerade bei Abfassung dieser Schrift abhanden gekommen ist und einem planlosen Eisern gegen daS Gesetz der Väter Platz geu:acht hat? Bot sonlit das Indenthnm dem neuen Christen nicht die rechte Anregung znm Schuldbewußtsein vor Gott, nicht die Mittel zur Versöhnung mit dem verletzten Schöpfer? Ist er sicher, indem er sich jetzt mit großer Selbstgefälligkeit in der Erkenntniß deö GnadenbedürfnisscS wiegt, — und er wird sich wohl noch lange mit dieser, wenn auch gewiß nicht recht christlichen, so doch süßen und bequemen Empfindung begnügen, — dem Schöpfer die Dankesschuld für die erlangten Fähigkeiten und Seelenkräfte schneller abtragen zu können? Thal kraft nicht nur im Beginnen, sondern auch im AuSsühren, Anwendung der erlangten Kenntnisse zum Nutzen der Welt, — das verlangt von ihm das Iudcnthnm, wie jede andere Lehre; ohne dies aber gelangt er nirgends zu seinem Ziele. Geben wir zum Schlüsse noch die Erklärung einer von ihm gänzlich mißverstandenen, für uns grnndlegenden Mischna in Makkot: Nabbi Ehananja ben Akaschja sagte: Gott wollte Israel veredeln, deshalb gab er ihnen viele Lehren und Gebote, denn es heißt: Der Ewige will, seiner Gerechtigkeit wegen, daß die Thora stark und mächtig sei. Was heißt das anders, als: Die Menge der Pflichten, welche dem Schwächling eine nnnöthige Last zu sein scheinen, sind für Israel ein Fittig, sich zur Veredelung empor zu heben. Deshalb eben tritt der Gesetzgeber vergeistigend und heiligend an alle Lebens« Verhältnisse heran, und dasselbe, was sonst den Menschen herabzieht. Genuß und That, muß zur Erhebung Israels dienen. Die Thora muß groß und mächtig sein, wenn die GotteSziclc in Israel sich erfüllen sollen. Wer mit Gott sich vom Lager erhebt und im Gedanken an ihn sich niederlegt, wer jeden Genuß erst heiligt durch das DankcSwort und durch die gesetzliche Sclbstbcschränknng, wer am Sabbath den Weltcigner und Befreier feiert; in wessen HauS das Passah jemals Freude und Hoffnung gebracht, wen daS Schowuoth an die Erhabenheit des Gesetzes gemahnt, wer durch das Sukkotfcsr das wahre Gottvertrauen und daS ächte GlückSbewnßlscin in sich kräftigt; wer in den Bußtagen die ernste Stimme des zur Buße mahnenden Richters je vernahm; wer je über Israels Vergehen, vor Zions Trümmern geweint und daraus heilsame Entschlüsse gezogen hat; wer dabei nicht etwa der tönenden Worte, sondern der Selbstverleugnung und deö wahren Opfermrrthcs fähig ist — der findet im Indenthume Trost und Ermnthignng. der fühlt seine Strcbekrast in Erforschung und thatkräftiger Bethätignng der Lehre befriedigt, und jo dient er als Jude der Menschheit. Verführerische Stimmen verhallen vor ihm, und mit ihm blickt das Iudcnthnm, welches ächte Diener seiner Ziele noch nie verloren hat, ruhig der Zukunft entgegen.*) Erkiamlit Immgen. Bon Samuel Bert hold Rosner. (׳?Ule Nechre vorbei,alte«.) (Fortsetzung.) Franz v. Colmar wieder ärgerte sich über die geistreichen Phrasen Rafaels, weil er ans ihnen einen fein verhüllten Hieb heranSfühlte und noch mehr weil er, der keckste Reiter des Regiments, der sich, auf welchem Gebiete immer, eben so unübertrefflich hielt, *) Unser geehrter Herr Mitarbeiter hat besondere Beranlassnng, die sofortige Berösfeutlichnng dieses uns soeben zukommcndeu Aussatzes zu wünschen. Wir willfahren ihm gern und 1 haben eine andere Abhandlung deshalb znrnckgestellt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.