Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 15-16 (15.4.1886)
- Article
- Zwei Briefe eines jüdischen Getauften [Rezension]
- Date
- 1886-04-15
- Page
- 236 (sequence 2)
- Language
- German
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236 tage — sie erinnern allesammt an das eine große Ereignis;, ba$ uns zn ewigen Schuldnern der Gottheit macht. Was wir auch seitdem geworden sind, — Er hat ״die Schlafenden geweckt, die Stummen beredt gemacht, die Gefesselten befreit, Fallende erhoben und Gebeugte aufrecht erhalten". Auö dieser Erinnerung folgert die Thora nicht Rachegcsetze, wie sie die Nachempfindung solchen Elends erzeugen könnte, vielmehr gebietet sie deshalb Milde, Wohlthätigkeit, Gerechtigkeit. Daraus folgt mit stecht der vom Verfasser nur als geistreiche Redewendung behandelte Hillel'sche Satz: Was Du nicht willst, das; matt Dir thu', das fug' auch keinem Andern zn. Mit gleichein Rechte hätte ja sonst die Thora ans der Nachetttpsinduttg der cghptischcn Sklavengnalen den Nachegedanken folgern köntten. Sind wir titln mit dein Auszüge aus Egypten im BorattS genügend belohnt, ja, ist uns darin unverdiente Gnade zu Thcil gewordeit, so folgt daraus die Fordcrutlg. uneigennützig unsere Pflicht zu erfüllen, die eigene Uuzulnliglichkeit zur Abtragung der großen Dankesschuld in Bescheidenheit zu erkennen; deshalb müssen wir Ihm alle Kräfte weihen, um feinem Dienste näher zn kommen. Buße, Gebet und Wohlthätigkeit wenden nach unseru Nosch haschanagebetcn Unheil von u!tS ab. Der Sauerteig in uns hindert uns, wie der Talmud Berachot k 7 sagt, an der rechten Ausführung dieser Pflichten. Buße lind giite Werte sind tiach Nawa, einem bei* letzten babytonischen Aiiioräer, der Zweck des Gesetzes. Das Bewnßtsciu der Buße bietet nach den Pirkc Abot größere Freude, als das Jenseits. Wie selbst die Fortschaffuiig deS Sauerteigs vor Peßach verstanden werden soll, davon berichteil unS verschiedene von N. Ehisda und den Schülern N. Isinaels Peßachim 7 angeführte BoraithaS. Daselbst 8 b. oben wird, wer in Hoffnung auf das Jenseits oder auf daS Glück seiner Kinder Gutes übt, nur mit Mühe in die Klasse der Frommen anfgeuommen. Die Tossasistcn bringen diesen AuSsprach mit dem dem Antigouos in Ausgleich — ein Beweis, daß es ihnen mit der Dttrchführnug dieser Uncigtnnützigkeit wahrhaftiger und heiliger Ernst war. Hat der Jlide also ans seinen Satzungen die Größe seiner Dankespslichl gegen Gott zu erkennen, so tonnte auch der Verfasser vorliegender Schrift, wenn er nicht seine Kräfte im Leben zum Nutzen der GotteSwelt bislang anwendete, auf dem Boden des JndenthumS zum Bewußtsein des dabei verfehlten Zieles konnneu. Das Judcnthunl konnte ihm die strengen Forderungen der Besserung wohl bieten — eS bcgtiügle sich aber, so wenig, wie irgend eine recht erfaßte Glaubenslehre, mit süßlichem Sündenbcwnßtscin unb dcmuthsvoller BessernngScmpsindsamkeit. Letzteres blickt nämlich mit großer Selbstbespiegelung anS vorliegender Schrift heraus. Der Verfasser ist mit sich und seinem Heilsbcdürfniß so zufrieden, daß ihm kaiim noch Anderes uöthig scheint. Er würde sein Geschäft nicht gut verstanden haben, wenn er nicht die Ausschließlichkeit deS Judcnthums für seine Bekenner ins Gefecht geführt hätte. Kaum wahrt er sich noch vor jenen rechtgläubigen Kreisen einen Rest der Hochachtung vor dm alten BuudcSschriften. In ihnen äußert sich demnach die Gottheit nur halb unbemußt — das Ehristenthum wird dem Verfasser die Entwicklnng und Vollendung des Judcnthums. Freunde des Glaubens dürften, nachdem was die neuere Wissenschaft als daS Wesen der Entwicklung atlfstellt, in Sachen des Glaubens von einer solchen nicht reden. Soll man in dem Geofsenbarten etwas Entwickeltes sehen, so muß doch die immer mehr reifende Anschauung der Menschen dabei maßgebend sein, und Alles, was der Zeitgeist auf diesem Wege siudct, dürste man dann als Glaübenssatznng hinstellcir. Wo wäre, wenn jedes Jahrhundert ans dem Bestehenden folgern und entwickeln könnte, ein Ziel der Umwandlungen abznsehen? Der Festigkeit des Glaubens hätte der Verfasser weit besser gedient, wenn er das Ehristenthum als eine vom jüdischeu Standpunkte unmeßbarc und davon gesonderte Offenbarung dargestellt Hütte, nicht als höhere Potenz einer vorangehenden Entwickelung. DaS Ehristenthum soll nicht, wie die Thora, zugleich Staatsgesctz sein und konnte deshalb, nach dem Verfasser, in seinen Grundschriftcn völlig dem überirdischen Zuge folgen. Diese hineingeklügelte Entwicklung dient zwar den BekehrungSzwecken, aber im Vortheil wird immer derjenige sein, welcher eitlen solchen Fortgang in himmlischen Dingen nicht zugiebt. Was ist es aber überhaupt mit dieser Ausschließlichkeit des Judcnthums für seine Kreise? Wohl nimult der Nichtjnde am Pcßachopfer nicht Theil — aber die Thora schärst an derselben Stelle ein, daß man daraus nicht etwa die Rechtlosigkeit des Fremdlings folgern möge. Schemoth Rabba, IN. Abschnitt, erklärt die Ansschließlichkeit des Peßachopsers für die Inden dadurch, daß nur, wer gelitten hat, sich der Befreiilng von den Schmerzen freuen kann. Wie kommt im selben Abschnitte Nab Simtai dazu, beu Gerim der Zukunft Brot uttd Gewand, das heißt Pricsterspeise und Priester, kleid, znzusprechen? 7a! Mach'.'.sa sind die Weisen darüber befremdet, daß Niemand in der Stadt zum Jndenthume übergeht. Das sind Beweise, daß man den Ger Zcdek liebte, trotzdent aber dem gesetzlichen Verbote gemäß, keine VclehrnngSvcrsuchc machte Bekaimt ist jene in Sanhedrin Perek Arba Mißoth vorkolnnrende Erörterung über den Nichtjnden, der sich mit der Thora beschäftigt. Nach einer Ansicht ist er des Todes schuldig, nach einer andern dem Hohen- Priester vorzuziehen Der Ausgleich besteht darin, daß