Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1886)
- Article
- Zum Purimfeste
- Date
- 1886-03-18
- Page
- 162 (sequence 2)
- Language
- German
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162 Stamm mit einem Streiche zu vernichten sich anschickte, Anklagen und Beschuldigungen, zu welchen der Witz aller Judenfeinde bis zum heutigen Tage nichts Neues zu fügen wußte. *);אמר רנא לינא דידע לישנא בישא נחס, in der Kunst der Verleumdung übertrisft Niemand den alten Haman, meint Raba. Und in der That sind alle Nachfolger des persischen Judenfeindes seine Nachtreter, die in ihm das Ideal des ächten Judenhasses verehren. In dem christlich-sozial-deutschcn Antisemitismus, dem stavisch-magyarisch-rumänisch-antijüdischen Rassenhaß, in den Rohling, Stöcker, Hartmann. Jstoczi, Bratianu. Jgnatiew, wie in allen ihren Genossen der Gegenwart und Vergangenheit, wiederholt sich nur der alte Haman mit seinem Hasse und seiner VcrnichtungSgier gegen die Inden. Der alte Haman ist das Urbild aller Hamane aller Zeiten, ob sie nun Groß- Inquisitoren, Minister, Hofprediger oder Professoren, ob sie Heiden, Christen oder Muselmänner sind — eS ist immer der alte Haman mit seinen stereotypen Anklagen, die seinem Hasse und seiner Wuth als Feigen- Matt dienen sollen. Der Vortrag, welchen der allmächtige Großvezir Haman vor seinem von ihm beherrschten Monarchen zu Susan vor zweiundzwanzighundert Jahren über die ,.Judenfrage" hielt, umfaßt Alles, was seitdem in den ״Judenfragen" der verschicdenstcn Zeitalter und Länder argumentirt worden ist. Die berühmte Haman'sche Rede ישנו עם אחר der Megillath Ester ist das Kompendium aller ..entdeckten Jndemhümcr" aller ״Talmudjuden", aller ״Judenspiegel", aller ״Beleuchtungen der Judenfragc", aller Brand- und Hetzreden von! Katheder, von der Parla׳ mcntstribnnc, von der Bierhauskanzel. Der alte Meister Naba gicbt einen erschöpfenden Kommentar zu derselben. Bei jenem denkwürdigen Vortrage hatte der Monarch seinem Minister Hainan zur Erwägung gegeben תא ניכלינחו; ist das Jndeuvolk in der That so gemeingefährlich und staatsschädlich, so wäre ja das Eichfachstc, es offen dem Henker zu überantworten, die bewaffnete Macht gegen es anszubieten und es regelrecht zu vertilgen. Es wäre ja ein ein fach er Akt der Gerechtigkeit, eine lobeuswürdige, heilbringende Waltnng meines königlichen Amtes. Und in der That hatte ja der König Recht. Sind die jndenfeindlichen Behauptungen begründet, warum wird nicht ans die Hinrichtung aller Inden nach Gesetz und Recht für Hoch-, Staats-׳ und Landesverrütherangctragen? Warum den Schleichweg der Massenaufwicgelnng, der kleinlichen Verfolgung und Bedrückung emschlagen, warum nicht offen vor aller Welt die Juden zum Tode verurtheilen und diesen Nichterspruch.vollstrecken? -מגילה. יג (* אמר ליה מסתפיגא מאלקיו דלא ליעביד כדעגד בקמאי. Das wagte Haman nicht, und das wagen auch seine Nachfolger nicht; davor schrecken sie zurück. Selbst der alte Pharao wagte es nicht, die Vertilgung der Juden offen zu vollziehen, und auch Haman scheute davor und hielt eS für angezeigt, den Pöbel auf die Juden zu Hetzen, daß dieser sie ansplündere und massakrire. Es wäre doch eine zu starke Herausfordernng des göttlichen Strafgerichts, so argumentirt Hainan, wollte man durch einen königlichen Akt die Juden zum Tode verurtheilen und hinrichten lassen. Der ägyptische König, welcher mit seinem Heere zur offenen Vernichtung der Inden anözog, fand seinen Untergang in des Meeres Flnthen. Es ist eigenthümlich, aber nicht in Abrede zu nehmen, meinte Haman, der Judengott beschirmt doch sein Volk und straft den offenen Jlidemnord an dem Mörder. Haman erachtete den Erlaß eines in gesetzlicher Form gekleideten Urtheils zur Ausrottung der Juden für inopportun, so sehr auch dadurch dem Gelüste seines Hasses Genüge geleistet wäre. Der König regte darum den Gedanken an, die Inden ״unblutig todt- Zuschlägen", d. h. sie zum Aufgeben ihrer Religion staatsscitig zu zwingen; אמר ליה ישנו מן המצות. Das ״jüdische Nitualgcsetz" sei aufzuhebcn und den Inden die Befolgung desselben zu untersagen, so werde ihre Vernichtung sicher herbeigeführt. ES ist dieses eine staatsmännische Idee, welche nicht vor zwcinndzwanzig Jahrhunderten allein ventilirt worden ist. Wiederholt, lange nachdem die persischeMajestät imGrabe modert, hat man diesen Gedanken wieder ausgenommen. Haman aber war kein Stümper in der hohen Politik. Er besaß einen scharfen Blick für die Eigenthnmlichkeit der Verhältnisse und war weiser als viele seiner Nachfolger. Er crfamitc, daß auf diesem Wege absolut nichts zu machen wäre. אית בהו רבנן lautet sein Ein wand. Die Lehrer und Führer der Inden haben eS verstanden, die Treue uno Anhänglichkeit für die Gesetze der Religion in den Herzen des Volkes so zu befestigen, daß es nicht von den מצות lassen wird. Alle Negiernngsmaßregeln werden sich in dieser Hinsicht als wirkungslos erweisen. Wenn auch Manche unter ihnen waren, שנהנו מסעודתו של אותו רשע, die sich als die Vornehmen und Aufgeklärten über das jüdische Nitualgesetz hinweggesetzt, das Volk im Großen und Ganzen würde einem solchen Verbote des Königs Widerstand leisten. Haman erkannte, daß dem jüdischen Volke sein Hciligthum, das Gesetz Gottes, nicht zu entreißen war, und daß ein Zwang in dieser Richtung ein- Martyrium erzeugen müßte, welches die Begeisterung für das Jndeuthum mir stärken und erhöhen würde. Mit den Waffen der Rechtspflege, mit Religionsverfolgung sei den Juden nicht beizukommen,