Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1886)
- Article
- Der Neujahrsgruß der Kreuzzeitung
- Date
- 1886-02-11
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 zum Beispiel und Vorbild werde, weil ich vielmehr ein Staat sein wollte wie Assyrien, Babylonien, Aegypten, Griechenland und Nom, — da war ich nicht schlechter und verworfener, als die Böller, welchen Du zu meiner Züchtigung mich preisgabst. Nur gegen Dich trug ich eine schwere Schuld, die Feinde aber, welche mich bckämpften, hatten kein Anrecht an mich. Indem sie mich peinigten, luden sie eine schwere Schuld auf sich. Sie sind nutergcgangcn, mich aber hast Du gnädig erhalten und mich auf den Fittig Deiner Liebe und Deiner Allmacht gehoben, daß ich alle Leiden ertragen konnte und nicht der gänzlichen Vernichtung anheimfiel. Du führtest mich auch in dieses Land, wo ich friedlich!veilen wollte neben meinen Mitbrüdern und Mitlncchten. Lange bevor sie Deinen heiligen Namen bekannten, lange bevor sie sich vor Dir beugten, lange bevor sic ans Deiner mir anvertrantcn Offenbarung die Grundlehren unnahinen, welche sie zur Gestaltung ihres Lebens in Liebe, Gerechtigkeit und Sitte werden ließen, verkündete ich Deinen Namen, betete ich Dich au, diente ich Dir. Sie aber versagten mir die volle Liebe, die volle Gerechtigkeit. Sie verachteten mich und setzten mich zurück und unterdrückten!!!ich Jahr- Hunderte lang. Wo ich mich bücken ließ, da schmähte man mich. In meinem redlichen Streben zur Fristuug meines Daseins hinderte inan uiich. Man schloß mich ans von jeglicher I5i)1־e. Man belastete mich mit nngerechten Bürden. Ja, oftmals fiel man über!!!ich her und plünderte 111 id) aus, vertrieb mich aus der Hütte, die ich mir mühselig erbaut hatte. Oftmals erhob mau falsche Anschuldigungen wider mich, und überantwortete meine Männer und Frauen, meine Söhne und Töchter dem Henker und einen! wüthigen Pöbel. So führte ich ein elendes und trauriges Leben in diesem Lande, voller Sorge und Kummer, in steter Angst,unter beständigem Druck, verachtet und geschmäht. Herr, Dir ist es ja offenbar. Und offenbar ist Dir auch, daß in meinen! Herzen kein Haß und keine Feindschast gegen meinen Mitbrnder und Milkn-echt, der mir so übel begegnete, eine Stätte gefunden. Ich liebte ihn brüderlich, ich freute mich mit seinem Glücke und trauerte, wenn Mißgeschick ihn traf. Ich tröstete ihn in seinem Leid, ich unterstützte ihn in seiner Armnth, niemals wandte er sich vergeblich an meine Bruderliebe. Da lenktest Du seinen Sinn. Er wurde endlich gerechter und liebevoller. Weise Fürsten standen auf und linderten mein trauriges LooS. Als Du aber einem seiner besten Könige Sieg und Heil verliehest und er das große und schone Reich begründete von den Alpen bis zum Meere, da verkündete dieser goltesfürchtigc, gerechte Monarch die volle Gleichheit aller seiner Unterthanen, und auch mir ward endlich Befreinng von jeglicher Zurücksetzung und Mißachtung. Ich fühlte mich so glücklich und dankbar. In meiner Seele blieb keine Spur von Bitterkeit ob der ehedem erlittenen Unbitl, — das ist nicht nur Dir, Allwissender, offenbar, das wissen anch meine Milbrüder und Mitkncchte alle. Ich arbeitete getreulich mit an der Wohlfahrt des Landes, ich nahm redlichen Antheil an allen Bestrebungen zu seinem Heile. Bald aber erwachte in dem Herzen dieser hier vor Dir stehenden Mitbrnder und Mitknechte, die meine Kläger sind, Neid und Mißgunst. Weil ich von dem mir endlich zngestandcnett Rechte Gebrauch mache n!td meiner Pstichtcn mich nicht entziehe, weil meine Söhne in dem Rath der Städte, des Landes und des Reiches ihre Stimme nach bestem Wissen und Glauben erheben, weil sie den Wissettschasten. sich hingebcu und dadurch zu Aemtern und Würden gelangen können, weil Du sie segnest in ihrer Thätigkeit und viele von ihnen ihren Wohlstand mehren, darum behaupten diese Kläger, daß ich sie ividcrrechtlich schädige, und daß es gerecht ist, mich aufs Nene zu unterdrücken, zn beschränken und zu mißachten. Nichte Du, o Herr, über diese Klage! Sie schelten und schntähen mich ohne Grund, sie fordern von mir eilte Schuld, da ich ihnen für nichts verschuldet bin. Ja, nwlltc ich mit ihnen rechnen, so wären sic mir schuldig, denn ich bin ja so lange des vollen Rechtes und der vollen Liebe beraubt gewesen. — Ich erwarte in Demuth Deinen Spruch. — — — Wahrlich, die ״Krenzzeitnng" und die von ihr vertretenen Ehrisllich-Sozialcn mögen vor Gottes, des all gerechten Richters, Spruch ihre Klage gegen das Judenthum und die Inden rechtfertigen. Er ist der Einzige, vor dessen Urtheil wir uns zn beugen haben. Nicht die von Leidenschaft erhitzte Beenge, nicht die von Neid und Bornrtheil, übelbcrathcne geistige und soziale Elite sind die kompetente Instanz. Mögen sie doch endlich die Phrase verstummen lassen und der Mißgunst Einhalt gebieten, mögen sie doch endlich einmal klar legen was sic an 11 nö zn fordern haben. Wo wir gleich ihnen menschlich fehlen und vor Gott gleich ihnen verschutdct sind, da haben sic zu schweigen. Wie sie die göttliche Barmherzigkeit und Gnade in Anspruch nehmen, so rechnen anch wir darauf und sind ihrer ebenso sicher wie sie. Wahrlich, cs;engt nicht von einer strengeren Gerechtigkcit und höheren Sittlichkeit, als sie uns zngestehen, wenn die ״Krcnzzcitnng" die traurige Enthüllung macht, daß ״jener bekannte Skandalprozeß gegen Stöcker" die christlich-soziale Bewegung gegen die Inden und das Jndenthnm ״nur gestärkt und vertieft" habe. ׳Wenn sie diesen Prozeß einen ״Skandalprozcß" nennt, so trifft der Borwurf des Skandals auf keinem Fall die Inden und das Jndenthnm. Wenn sie aber dehanptet, daß Stöcker noch diesem 'Skandalprozeß ״rein