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Jeschurun · 1885-12-31 · Heft 53 (31.12.1885) · p. 838

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 53 (31.12.1885)
Article
Moses Mendelssohn
Date
1885-12-31
Page
838 (sequence 6)
Language
German
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838 gilt, an seiner heutigen Gedächtnißfeier daS Andenken! des edlen MoseS Mendelssohn von der Verunglimpfung zu reinigen, welche Diejenigen an ihm üben, die ihn zum Reformator des IudenthnmS stempeln und ihn als den Vater der späteren bis in die Gegenwart hineinragenden Nesormbcstrebnngen machen möchten. Für Moses Mendelssohn gab eS keine unvereinbaren Gegensähe zwischen Judenthum und allgemeiner Bildung und Wissenschaft. In seinem Kopfe war eS Helle, in seinem Busen herrschte kein Zweispalt, kein Kampf. Seine Weisheit gipfelte in der festen Ueberzeugung der jüdischeu Wahrheit. Man lese seine Einleitung in ״Ritualgesetzt der Juden", wo er die Verbindlichkeit dcS schrift״ lichen und mündlichen Gesetzes und der rabbinischen Anordnung betont, oder Stellen wie die folgenden in seinem ..Jerusalem": ״Diese Gesetze wurden geosseubart, d. i. von Gott durch Worte und Schrift bekannt gemacht. Jedoch ist nur daS Wesentlichste davon den Buchstaben cmvcrtrant worden; und auch diese nicdergcschricbenen Gesetze sind, ohne die ungeschriebenen, mündlich überlieferten und durch mündlichen, lebendigen Unterricht fortznpflcmzcttdcn Erläuterungen, Einschränkungen und näheren Bestimmungcn, größtenteils unverständlich, oder mußten eS mit der Zeit werden, weil alle Worte und Schrift- Zeichen kein Menschcnaltcr hindurch ihren Sinn unvcrändert behalten." ״Und noch jetzt kann dem Hause JalobS kein weiserer Rath erthcilt werden, als eben dieser. Schicket euch in die Sitten und in die Verfassung dcS Landes, in welches ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Traget beider basten, so gut ihr könnet! Man erschweret euch zwar von der einen Seite die Bürde deö bürgerlichen Lebens, um der Religion willen, der ihr treu bleibet, und von der anderen Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer NeligionSgcsctze, in mancher Bctrachtung, lästiger als sie sind. Haltet nichts desto weniger ans, stehet unerschüllcrt auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen und lasset alles über euch ergehen, wie euch euer Gesetzgeber lange vorher verkündigt hat." ״In der That sehe ich nicht, wie Diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgend eine gewissenhaste Weise vom Gesetze entledigen können. ES ist unS erlaubt, über das Gesetz nachzudcnkcn, seinen Geist zu erforschen, hier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vcrmuthcn, der vielleicht an Zeit und Ort und Umstände gebunden gewesen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umständen verändert werden kann — wenn es bcm allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber zu. erkennen zu geben: so laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als er das Gesetz selbst gegeben hat. So lange dieses nicht geschieht, so lange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelet nicht von dem strengen Gehorsam befreien, zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf." ..Und ihr, lieben Brüder und Mitmenschen! die ihr der Lehre Jesu folget, solltet nnS verargen, wenn wir das thun. was der Stifter eurer Religion selbst gethan und durch sein Ansehen bewährt hat? Ihr solltet glauben, uns nicht bürgerlich wieder lieben, euch mit uns nicht bürgerlich vereinigen zu können, so lange wir uns durch das Zcremonialgesetz äußerlich unterscheiden, nicht mit euch essen, nicht von euch heirathen, das, so viel wir cinsehcn können, der Stifter cjircr Religion selbst weder gethan, noch uns erlaubt haben würde? — Wenn dieses, wie wir von christlich gesinnten Männern nicht vcrmuthcn können, eure wahre Gesinnung sein und bleiben sollte; wenn die bürgerlichc Vereinigung unter keiner anderen Bedingung zu erhalten, als wenn wir von dem Gesetze abweichen, das wir für uns noch für verbindlich halten, so thut eS uns herzlich leid, was wir zu erklären für nöthig erachten: so müssen wir lieber aus bürgerliche Vereinigung Verzicht thun; so mag der Menschenfreund Dohm vergebcns geschrieben haben, und alles in. dem leidlichen Zustande bleiben, in welchem cs jetzt ist, oder in welchem es eure Menschenliebe zu versetzen für gut findet. Es steht nicht bei uns, hierin nachzugcben; aber eS steht bei uns, wenn wir rechtschaffen sind, euch dennoch brüderlich zu lieben, und brüderlich zu flehen, unsere Lasten, so viel ihr könnet, erträglich zu machen. Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigstens als Mitmeuschcn und Mitcinwohner des Landes. Zeiget uns; Wege und gebet uns Mittel an die Hand, wie wir bessere Mitcinwohner werden können,, und lasset uns, so viel es Zeit und Umstände erlauben, die Rechte der Menschheit mit genießen. Von dem Gesetze können wir mit gutem Gewissen nicht weichen, und was nützen euch Mitbürger ohne Gewissen?" Und dann frage man sich, ob die Herren von der heutigen Reform sich cntblödcn dürfen. MoseS Mendelssohu's reinen Namen auf ihr Banner zu schreiben und unter seiner Acgidc den Kampf gegen das alte gesetzestreue Judenthum, dem er mit ganzem Herzen und ganzer Seele in Gesinnung und That angehörte, auszun eh men. Diejenigen, welche seinen Namen gemißbraucht und sich fälschlicher und 60maßender Weise seine Schüler und Nachfolger nannten, sie haben es verschuldet, wenn seinerzeit treue Söhne des Indcnthums sich der von Mendelssohn KnzebcchrUcn Vermählung des irdischen

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