Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-12-31 · Heft 53 (31.12.1885) · p. 839

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 53 (31.12.1885)
Article
Moses Mendelssohn
Date
1885-12-31
Page
839 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933153-2963887--20728-2963930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Geistes mit dem Wahren und Schönen, das außerhalb des jüdischen Kreises erblüht, widersetzten. Jene Pygmäen hatten diese allgemeine Bildung und Wissenschaft verdächtig gemacht. Sic hatten, unähnlich dcS großen Moses Mendelssohn, das Judenthum mißachtet und sich von der treuen Beachtung LeS Gesetzes losgesagt, und verlangten im Gegensatz zu ihm Abstreifung des jüdischen Lebens, um in der allgemeinen Bildung aufzugehen, eine Zumnthung, gegen welche Niemand energischer Protest eingelegt hat, wie gerade MoseS Mendelssohn. UnS aber bleibe Moses Mendelssohn stets der große edle Jude, dem wir ewig dankbar sind für das, was er für uns geleistet: die Aneignung der allgemeinen Bildung, die Achtung des jüdischen Namens, die Vertretung des ganzen JudeuthumS nach Außen und Innen, das erhabene Vorbild eines Lcht jüdischen, gesetzestreuen Wandels und einer innigen, opferbereiten Ueberzeugung für das ganze ungeschmälerte biblisch-rabbinische Judenthum Hand in Hand mit umfassendsten Wissen und tiefer Erkenntniß ans allen Gebieten der Wissenschaft. Zur rumSnifdjeu IrMsrage. Die offiziellen und offiziösen Stimmen leugnen zwar, daß die Juden im Königreiche Rumänien bedrückt und verfolgt werden, die seit langen Jahren mit Eifer und Konsequenz geübten barbarischen Handlungen der Legislative und Exekutive strafen aber diese Behauptung Lügen. Das Hausirgesetz, die Entziehung des Schankgewerbes, die Vertreibung von dem stachen Lande, die Ausweisungen, die brutalen Mißhandlungen, die NechtSversagungen, die Heimathlosigkeitserklärung fast der gesammteu zahlreichen jüdischen Eingeborenen sind Thatsachen, welche in den Blättern der rumänischen Geschichte und der Spezialgeschichte des jüdischen Stammes unauslöschlich eingetragen sind. Dem gegenüber ist jede Leugnung ein Hohn der Wahrheit, und es ist eine lächerliche Mohrenwäsche, wenn man mit dreister Stirn sich unterfängt, den Schandflecken der ausgesuchtesten Judenverfolgung von dem Schilde des jungen rumänischen Reiches auszutilgen. Sehnsüchtigen VlickeS schweift der Blick des rumänischen Juden, der dem heimischen Boden und seinen Bewohnern trotz aller Verfolgung und Bedrückung in aufrichtiger, rührender Liebe zngethan ist und zu den besten Patrioten zählt, über die Grenze nach Oesterreich und der Türkei und wünscht sich die Begegnung seitens seiner Regierung und Mitbürger, welcher seine österreichischen ׳und türkischen Glaubensgenossen von ihren Behörden und Landsleuten zu erfreuen haben. Der Rumäne ist in! Allgemeinen faul, unwissend und lüdcrlich, der rumänische Jude dagegen betriebsam, intelligent und ordentlich. Der Rumäne läßt Alles verkommen, seine Gesundheit, seine Familie, seine Habe; der Jude pflegt sich besser, sorgt für die Seinigcn und spart. Unter den Rumänen sind uneheliche Geburten, Aborticidien, Trunkenheit, ehelicher Zwist nichts weniger als selten, das Gegenthcil in diesem Allen ist bei den Juden der Fall. Der Rumäne bekümmert sich wenig um die Erziehung und den Unterricht seiner Kinder, der Jude kennt kein wichtigeres Anliegen als die Crtüchtigung der Jugend. Daraus folgt, daß der Rumäne immer tiefer herabkonlmt, daß seine wirth׳ schaftlichen Verhältnisse verwahrlosen, daß Krankheit und Schwäche in der Anlage erblich werden, daß er auch numerisch sinkt, während der Jude vorwärts kommt, und seine Zahl sich mehrt. Und daraus resnltirt die alte ägyptische Staatsweiöheit: seht, das Volk der Juden wird zn zahlreich und stark für uns, wir müssen ihm mit schlauer Berechnung entgegentreten, seine Ausbreitung hemmen, dazu laßt uns auf geeignete vexatorische Maßregeln sinnen, um den Quell seiner Prosperität versiegen zu machen. Und das verstehen die Rumänen vortrefflich von Hoch bis Nieder, und darüber sind sie Alle, Liberale wie Konservative, eines Sinnes. Die breite Basis für diese gewaltthätige Unterdrückung und Mißhandlung bildet aber der kecke Satz׳ die ׳Juden sind Fremde. Seit Jahrhunderten im Lande ansässig, daselbst geboren und erzogen, dieselbe Sprache redend wie die anderen Eingeborenen und dennoch fremd! Den Inden soll einzeln daö Jndigenat verliehen werden, um dem völkerrechtlichen Akte des europäischen AreopagS, der Grundlage der Existenz des rumänischen Reichs, anscheinend Genüge zu leisten. Aber von den Hunderttausenden Inden erthcilt man nur einigen Dutzend das Bürgerrecht! Hier muß man cinsetzen, wenn man dieser unserer Zivilisation und allen RechtSbegriffen Hohn sprechenden Behandlung der Inden Rumäniensein Ende machen will. Und dafür ist in Wirklichkeit die Ehre Europas verpfändet. Dem Konzert der europäischen Großmächte verdankt Rumänien seine Existenz, und auf dem Berliner Kongresse wurden ihm die Bedingungen für seine Existenz genau vorgezeichnet. Nur insofern und so lange lange dieselben erfüllt werden, hat dieser Staat ein Recht zu existiren. Die Gleichstellung der Juden mit den anderen Staatsangehörigen ist aber eine der wesentlichsten Bestimmungen mit der magna Charta, welche Europa dem rumänischen Staate gegeben. Jede Verletzung oder Umgehung derselben ist eine Auflehnung gegen Europa, eine Verhöhnung der! großmüthigen Mächte, welche Rumänien geschaffen. > Diese haben -das Recht und die Pflicht es vor ihren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.