Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1885)
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1885-12-31
- Page
- 836 (sequence 4)
- Language
- German
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836 werke also, auf die Gesetzgebung gründet sich unser Glaube an eine Offenbarung." Und in der Korrespondenz mit Bonnet: ״Mit der Sendung Mosis hat cs eine andere Bcwandtniß. Diese gründet sich nicht bloß aus Wunderwerke, denn, ich wiederhole eS, Wunderwerke sind trüg׳- lich und von MoscS selbst als trüglich angegeben worden. Sic beruhete vielmehr auf einem weit sicherer» Grunde. Die gcsammte Nation selbst, an welche die Sendung gerichtet war, hat die große göttliche Erscheinung mit Angen gesehen und mit ihren Ohren gehöret, wie Gott MoseS zu seinem Gesandten und Dolmetscher eingesetzt hat. Die Israeliten waren also sämmtlich Augen- und Ohrenzeugen von dem göttlichen Berufe dieses Propheten, und sie bedurften weder eines fcrvercn Zeugnisses, noch Beweises. Daher 'es auch heißt (Exod.!9, 9): Und der Herr sprach zu Mose, siehe, ich will zu Dir kommen in einer dicken Wolke, damit das Volk höre, daß ich mit Dir rede, und auch Dir glauben möge ewiglich, und an einem andern Orte: Dieses wird Dir zum Beweise dienen, daß ich Dich gesendet habe, wenn Du daö Volk aus Aegypten geführt hast, sollt ihr Gott anbeten ans diesem Berge (ibicl. 3, 12). Die öffentliche Gesetzgebung war also der stärkste Beweis von der Sendung Mosis, der alle Zweifel und Ungewißheit, welche durch Wunderwerke nicht gehoben werden können, unmöglich machte. Es ist wahr, Moses hat sehr große Wunder gethan, allein nach der Gesetzgebung nicht mehr als Beweise von der Wahrheit seiner Sendung, sondern so oft es die Umstände und die Bedürfnisse der Nation erforderten. Er berief sich aber allezeit mehr auf die göttliche Erschcinnng, als ans seine Wunderthaten, wenn er der Nation ihren Unglauben verweisen wollte." Ferner in seinen Betrachtungen über Bonnet's Palingenesie: ״Also ist eine Offenbarung unuöthig? — Für alle die Völker, die keine gehabt haben. Ganz sicher würde sich ihnen das heilige Wort offenbaret haben, wenn sic ohne Offenbarung den Zweck ihres Daseins nicht erfüllen könnten. Er hat den Israeliten eine Offenbarung gegeben, nicht, weil die Menschen als Menschen ohne Offenbarung nicht glückselig sein könnten; sondern, weil eS seine weisen Absichten erforderten, dieses besondere Volk einer besonderen Gnade zu würdigen. Alle Völker auf der Erde können und sollen nach jüdischer Glaubenslehre nach dem Lichte der Natur leben und zur Seligkeit gelangen. Nur diesen! bestimmten Volke hat der Schöpfer, aus ganz besonderen Absichten, für gut befunden, besondere Gesetze zu offenbaren, nach welche» sic leben, regiert werden und zur Glückseligkeit gelangen sollen. Nunmehr ist cS diesem Volke freilich nicht mehr erlaubt, seine Scliglcit auf einem anderen als dem von Gott ihnr vorgcschriebcnen Wege zu suchen. Nunmehr muß dieses Volk alle Schmach, Unterdrückung, Verspottung, Verfolgung, die es auf diesem Wege antrifft, mit Geduld und Ergebenheit in den göttlichen Willen ertragen, ohne einen Schritt breit davon zu weichen. Der Israelit will nicht das einzige Geschöpf sein, daS Gott zur Glückseligkeit berufen, aber das Einzige, das nicht anders als auf diesen! Wege zur Glückseligkeit gelangen kann, und daS allerdings für den Gehorsam, den cs dem göttlichen Befehle leistet, sich auch eine besondere Belohnung versprechen kann, weil ihm Gott diese besondere Offenbarung nicht umsonst gegeben haben wird." ..Allein, so sehr die Zeugnisse sich, einander widersprechen, so kommen sie darin überein, daß einst ein gewisser Moses von Gott unmittelbar den Auftrag gehabt, ein gewisses Volk ans der Sklaverei zu befreien, daß dieser Gesandte Gottes dieses Vorhaben vor den Augen und wider den Dank einer großen und mächtigen Nation ansgeführt, und dabei Wunder verrichtete, die aber alle menschlichen Begriffe überstiegen, daß der Gesetzgeber der Natur diesem ganzen, an einem Orte versammelten Volke öffentlich in seiner ganzen Majestät erschienen und ihm Gesetze gegeben hat. Viele tausend Augenzeugen haben diese göttliche Erscheinung mit Augen gesehen, und haben cs ihren Kindern erzählet. Alle Wunder, die irgend in einem Winke! der Erde geschehen sind, oder sein sollen, sind mit dieser großen Gott anständigen Erscheinung nicht zu vergleichen. Auch wird derselben durch kein uns bekanntes Zeugniß von einiger Gültigkeit widersprochen. Hier habe ich also eine GeschichtSsache. an die ich mich sicher halten kann. Bon hier kann ich ausgehen. Was dieser Geschichtssache widerspricht, ist Unwahrheit. Die Zeugnisse für Dasselbe können nicht wichtiger sein, als die Begebenheit, der es widerspricht. Hat der Gesetzgeber diese Gesetze aufgehoben? — Keineswegs! Er hat in einer großen öffentlichen Erschcinung vernehmliche Worte gesprochen; er würde in einer eben so großen öffentlichen Erscheinung, durch vernehmliche Worte, sein Gesetz aufgehoben haben. Nun crftnne ich von der anderen Seite, daß eben diese große Erscheinung die Sendung Moses bekräftiget, und alle Gesetze, die uns dieser Gesandte Gottes gegeben, mit dem Stempel der Gültigkeit gcprägct hat. Sv lange also dieser allerhöchste Gesetzgeber nicht durch eine eben so große öffentliche Erscheinung einer gcsammtcn Nation seinen Willen kund werden läßt, so sind keine Zeugnisse von Wundern hinreichend, mich zu überführen, daß Gott diese Gesetze aufgehoben, und ich muß fortfahren, diese Gesetze unverbrüchlich zu halten. Andere Völker können ihre Gesetze nach den Zeiten, Umständen, Bedürfnissen, und Annehmlichkeiten ad-