Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-12-31 · Heft 53 (31.12.1885) · p. 835

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 53 (31.12.1885)
Article
Moses Mendelssohn
Date
1885-12-31
Page
835 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933153-2963887--20724-2963926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

835 Gebote stand. Aber gerade die Thätigkeit auf dem allgemeinen Gebiete der Wissenschaft brachte ihn in enge Beziehung zu den bedeutendsten Männern seiner Zeit, welche ihn als einen der Ihrigen begrüßten, wie Lcssing, Lavatcr, Snlzer, Adbt, Nikolai, Dohm, Bonnet, u. a. m. und gab ihm nngcsncht Veranlassung zur energischen Vertretung des Judenthums und Richtigstellung dessen Verhältnisses zum Christenthnm und Gelegenheit zu einem LVN dessen Segen wir noch heute empfinden. Und hier betreten wir das Gebiet, auf welchem die unsterblichen Verdienste Mendelssohns für das jüdische Volk in vollstem Lichte strahlen. In seinem offenen Schreiben ״An die Freunde Lessing'6" spricht er sich folgendermaßen ans: ״Auch ist das Judenthum keine Offenbarung von Lehrsätzen und ewigen Wahrheiten, die zu glauben befohlen werden. Es bestehet einzig und allein in geoffenbarten Gesetzen des Gottesdienstes, und setzet natürliche und vcrnunftmäßige Uebcrzeugnng von ReligionS- Wahrheiten voraus, ohne welche leine göttliche Gesetzgebnng statthabcn kann. — Mau kann mir wider meine Argumente Zweifel erregen, mir in denselben Schlußfehler zeigen, und meine Uebcrzeugnng bleibt dennoch unerschütterlich.- Ich von meiner Seite bleibe bei meinem jüdischen Unglauben, traue keinem Sterblichen einen cngclreinen Mund zu, möchte selbst von der Autorität eines Erzcngels nicht abhängen, wenn von ewigen Wahrheiten die Rede ist, auf welche sich des Menschen Glückseligkcit gründet, und muß also schon hierin auf eigenen Füßen stehen oder fallen; oder vielmehr, ׳da wir Alle, wie Herr Jacob! sagt, im Glauben geboren sind, so kehre auch ich zum Glauben meiner Väter zurück, welcher nach der ersten ursprünglichen Bedeutung des Wortes, nicht in Glauben an Lehre und Meinung, sondern in Vertrauen und Zuversicht aus die Eigenschaften Gottes bestehet. Ich setze das volle, uneingeschränkte Vertrauen in die Allmacht Gottes, daß sie dem Menschen die Kräfte habe verleihen können, die Wahrheiten,, auf welche sich seine Glückseligligkeit gründet, ohne Autoritär zu erkennen, und hege die kindliche Zuversicht zu seiner Allbarm Herzigkeit, daß sie mir diese Kräfte habe verleihen wollen. Von diesem unwankenden Glauben gestärkt, juche ich Belehrung und Uebcrzeugung, wo ich sie finde. Und, Preis sei der selignrachenden Allgütigfeit meines Schöpfers, ich glaube sie gefunden zu haben, und glaube, daß Jeder sie finden könne, der mit offenen Äugen sucht, und sich nicht selbst das Licht verstellen will."- Man Lese in seinem Schreiben an Lavater Stellen wie die folgenden: ״In der Lage, in welcher ich mich befand, durfte ich von Len Wissenschaften nicht den mindesten zeitlichen Dortheil erwarten. Ich wußte gar wohl, daß für mich ein glückliches Fortkommen in der Welt auf diesem Wege nicht zu finden sei. Und Vergnügung? — O mein werthgeschätzter Menschenfreund! Der Stand, welcher meinen GlaubcnSbrüdern im bürgerlichen Leben angewiesen worden, ist so weit von aller freien Uebung der Geisteskräfte entfernt, daß man seine Zufriedenheit gewiß nicht vermehrt, wenn man die Rechte der Menschheit von ihrer wahren Seite kennen lernt." ״Wäre nach diesem vicljährigen Forschen die Entscheidung nicht völlig zum Lorthcile meiner Religion ausgefallen, so hätte sie nothwendig durch eine öffentliche Handlung bekannt werden müssen. Ich begreife nicht, was mich an eine, dem Ansehen nach so übe?- strenge, so allgemein verachtete Religion fesseln könnte, wenn ich nicht im Herzen von ihrer Wahrheit überzeugt wäre." — ״Sie sehen also, daß ohne aufrichtige Ueberzengnng von meiner Religion der Erfolg meiner Untersuchung sich in einer öffentlichen Thnihaudtnng hätte zeigen müssen. Da sie mich aber in Den! bestärkte, was meiner Väter ist, so konnte ich meinen Weg im Stillen fortwandcln, ohne der Welt von meiner Ueberzengnng Rechenschaft ablegen zu dürfen. Von dem Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sic, oder Herr Bonnct, nur immer von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, Ihrem und meinem Schöpfer und Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschrift beschworen haben, daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, so lange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt.". Oder in der Nacherinnerung zu Lavater's Antwort an ihn: ״Nur die öffentliche Gesetzgebung konnte nach unserer Lehre befriedigende Gewißheit geben, weil hier kein Kreditiv des Gesandten nöthig war, indem die gesammte Nation den göttlichen Auftrag mit ihren Ohren vernommen hat. Hier sollten nicht Wahrheiten durch Thalhandlungen, nicht Lehren durch Wunderwerke bestätigt werden, sondern man sollte glauben, die götlliche Erscheinung habe diesen Propheten zu ihrem Gesandten ernannt, weil Jedermann diese Ernennung selbst gehört hat.. Daher es auch heißt (2. Mos. 19,9): Und der Herr sprach zu Mose, siehe, ich will zu Dir kommen in einer dicken Wolke, bannt das Volk höre, daß ich mit Dir rede, und auch Dir glaube ewiglich; und an einem andern Orte (das. 3, 12): Dieses wird Dir zum Beweise dienen, daß ich Dich gesendet habe, wenn Du das Volk auS Aegypten geführt hast, sollt ihr Gott anbetcn auf diesem Berge. Nicht auf Wunder-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.