Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1885)
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1885-12-31
- Page
- 834 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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834 Männer wie Moses Mendelssohn gehören der Menschheit an; was sie geleistet, trägt nicht die Schranken von Raun! und Zeit, ihr Angedenken ist ein Legen für Alle, die nach Weisheit, Wahrheit und Tugend streben. Die Kreise aber, denen sie zunächst gestanden, deren Abstammung und Sprache sie getheilt, wissen vor allen Andern ihren Werth und ihre Bedeutung zu schätzen, sie bewahren vor allen Andern die unauslöschliche Dankbarkeit und Verehrung für ihr heiliges Gedächtniß und empfinden das Bedürfnis, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Darum begeht das deutsche Volk in ernster Feier die Erinnerung an Moses Mendelssohn und knüpft äußerlich diese Erinnerung sinnig an den Moment, da sein LebcnSfaden abgesponnen, damit bckündend, daß über Zeit und Raun! hinaus das Leben dieses Großen reicht, den es in gerechtem Hochgefühl den Seinen nennt, daß er zu den Unsterblichen ihm zählt, die von ihrem Geiste der Lebensseele ihres Volkes rnitgethcilt, und Moses Mendelssohns Genius fort und fort in der deutschen Volksseele webt. Näher jedoch als dem deutschen Volke im Großen und Ganzen steht ihm der Kreis im deutschen Volke, dem er insbesondere durch Geburt und RcligionSbckcnntniß angchörte. Moses Mendelssohn war Jude, deutscher Jude in dem vollsten Umfange des Begriffes. Darum geziemt cs vor Allem der deutschen Judenhcit, sein Gedächtniß zu ehren und dem Tribut der Dank-- barkeit heute Ausdruck zu verleihen. Dieser Tribut dürfte nicht würdiger und vollgültiger abgetragen werden, als durch die Vergegenwärtigung dessen, was uns Moses Mendelssohn ist, was dieser Welt weise für uns, die deutschen Juden, gewirkt, auf daß wir die dankbare Bewunderung und Verehrung seines Namens unfern Kindern und Enkeln als kostbares Erbe vermachen, und auch sic sich erheben an seiner Größe. Moses Mendelssohn würde sich verwahren gegen ein ihm von seinen jüdischen Brüdern errichtetes Denkmal ans Erz oder Stein, welches das Bild seiner irdischen Hülle der Nachwelt überliefert. Er würde einem solchen Vorhaben entgegeutretcn mit dem Hinweise ans das GotteSgesctz, welches die plastische Darstellung des göttlichen Ebenbildes verpönt, dcS Gesetzes, dcsicn treuester Sohn er bis znm letzten Athemznge gewesen, für welches er in hoher Begeisterung und männlichem Muthe cingctrctcn ist und eö verherrlicht hat vor aller Welt mit der Weisheit seines Geistes und mit der Wahrheit seiner heiligsten Ueberzcugung. Was Moses McndelssoSn für uns gewirkt? Er war eS. der Ln unfern Kreis den reinen deutscheu Ausdruck heimisch gemacht und uns damit den Schlüssel übermittelt hat zur Aneignung des Wahren und Guten der allgemeinen Bildung und Wissenschaft. Seine deutsche Uebersetzung der heiligen Schrift hat uns die Kenntniß und das Vcrständniß des deutschen Sprachschatzes gebracht und uns die Hallen der allgemeinen Bildung und Wiffenschaft zugängig gemacht, in welche die Juden Deutschlands an der Hand der ihnen durch Mendelssohn gereichten deutschen Uebertragung der Bibel, die zum Eigenthum der jüdischen Familien Deutschlands geworden, nunmehr eintraten. Mendelssohn hat mit seiner epochemachenden Bibel- Übertragung nicht das jüdische Wissen seiner Glaubensgenossen gemehrt, er hat sie der deutschen Bildung und Wissenschaft zngeführt und sie dadurch befähigt, die Früchte zu pflücken, welche an dem Baume der außer ihren! eigensten Gedankenkreise gepflegten menschlichen Erkenntniß gereift. Fortan erfüllt der Dust und der Glanz der Geistesblüthen nichtjüdischer Denker und Dichter auch die jüdische Hütte, und das deutsche Israel eignete sich zu seinem Heile die Wahrheiten an, welche von nichtjüdischen Geistern auf den! Grunde der alten jüdischen Wahrheit entwickelt worden waren. Während Mendelssohn dergestalt die Bekanntschaft des japhetischen Geistes für Sems Zelte vermittelte, verbreitete er andererseits die Kenntniß und Anerkennung der jüdischen Wahrheit in weiteste!! Kreisen des dentschcn Volkes und der abendländischen Welt und trug nicht wenig dazu bei, das Vornrthcil gegen das Judenthum zu berichtigen und ihm Achtung nach Außen zu verschaffen. Er wirkte hierfür theils direkt durch Wort und Schrift, wie durch sein ״Jerusalem", seine ״Nitualgesetze der Inden" u. a. m., theils indirekt, indem er von jüdischen Philosophen entwickelte Wahrhciten und Anschauungen über Gott und Unsterblichkeit in nichtjüdischen Kreisen verbreitete und für dieselben durch die überzeugende Weisheit seines Gcdankenbans und die klare, herrliche Form seiner Darstellung Freunde warb. (Phüdon, Morgenstunden, Wissenschaftliche Begriffe über das Dasein Gottes, Von der Unkörpert ichleit der menschlichen Seele, Sache Gottes oder die gerettete Vorsehung n. a.!!!.) So rang er den europäischen Völkern die lange versagte Achtung vor dem jüdischen Geiste ab und crhöhte dieselbe durch den unwiderstehlichen Einfluß seiner Persönlichkeit, welche 'von dem Lichtglanze der reinsten Tugend, der lautersten Menschenliebe, der umfassendsten Gelehrsamkeit, der tiefsten Weisheit, der nnbeschreiblichsten Milde und der herzgewinnendsten LiebenS- Würdigkeit umflossen war. Mendelssohns eigentliche Gedankenthätigkcit bewegle sich freilich auf dem allgemeinen philosophischen, namentlich metaphysischen und ästhetischen Gebiete, und er hat für den innern Auf- und Weiterbau der Wissen׳ schast weniger geleistet, als z. B. sein Zeitgenosse Wessely, dem leider die deutsche Sprache nicht zu