Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1885)
- Article
- Das Gutachten des Herrn Rabbiner Dr. Ehrenfeld
- Date
- 1885-12-17
- Page
- 803 (sequence 3)
- Language
- German
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803 schleuderte ״Infamie" (um mit Schillers eigenen Worten zn reden) auf das zurückgesührt, was sie in Wirklichkcit ist: ans ein albernes, aus im Laufe von Jahr- Hunderten verschobenen und entstellten Fakten entstandeneS Märchen. Wohl, es mag Faktum sein, daß ״die schreckliche Plage dieses Himmclstriches, der Aussatz", unter der geknechteten, zum Schmutz hinneigenden Urbevölkcrnng Aegyptens traurige Triumphe gefeiert habe, daß breite Volksschichten von ihr ergriffen gewesen seien, aber selbst in diesem Falle ist es unwahrscheinlich, daß auch die Hebräer dieser schrecklichen Plage unterlegen sind. Selbst in diesem Falle kann eS mit Benutzung dessen, was die Erfahrung unzählige Male bewiesen, in schnurgeradem Widerspruch zu der Behauptung Schillers als feststehend angenommen werden, daß die zähe Körperkonstitution und ihr bekannter Reinlichkeitssinn die Juden von dem Einstusse der Landplage entweder ganz ferngehaltm, oder doch in einem Maße bewahrt haben, daß sie eine Ausnahme von den V.rhältnissen des allgemeinen Bolkszustan-es eher zum Vorals zum Nachtheil gemacht haben. Konnte es Schiller unbekannt geblieben sein, daß, so oft Europa von Seuche und Pest hcimgcsucht wurde, namentlich aber während der unheimlichen Herrschaft des schwarzen Todes, man die Inden massenhaft als Zauberer oder Brunnen- Vergifter mordete und dies nur aus dem Grunde, weil sie zu den großen Menschcnhckatomben, die das Schicksal forderte, gar keinen oder einen auffallend geringen Tribut leisteten? Und zudem kennen wir die Wohnungen der Juden im Mittelalter aus umuittelbarer Wahrnehmung, wissen wir thatsachlich, daß die Ghetti den Juden einen Raum boten, der kaum für die gedcihliche Existenz von Thieren hingereicht hätte, während wir das widernatürliche Unverhältniß zwischen den Raumverhaltniffen Gosens und der Zahl seiner Bewohner ausschließlich auf einer Kombination Schillers zurückführen müssen: und dieser hat nach dein Gesagten in ägyptologischcr Beziehung einen großen Theil seiner Zuverlässigkeit eingebüßt. Insofern man sich nur nicht ebenfalls auf den von Zauberei und Brunnen- Vergiftung ausgehenden Standpunkt der mittelalterlichen Judenmörder stellt und vielmehr die Erklärung jener merkwürdigen Erscheinung in rein physiologischen Momenten erblickt, darf man sich auch der Bedeutung ihrer rückwirkenden Konsequenzen nicht verschließen. Wir fragen nun: muß es nicht zumindest auffallend genannt werden, daß Schiller trotz der Stimmen der Geschichte, Vernunft und Erfahrung, die für die Meldüng der Bibel sprechen, diese außer Acht läßt und ihr ein Märchen von Profanschriftstellern, deren Angaben sich gegenseitig widersprechen und entkräften, vorzieht? — Nachdem nun die historischen Autoritäten Schillers als unglaubwürdig gekennzeichnet sind, und wir überdies die ehrwürdige Autorität der Bibel, welche von der Au^atzerdichtung nicht die geringste Andeutung enthält, aus pnserer Seite haben, wäre cS völlig un« nöthig, der Frage auf den Grund zu gehen, auf welche Weise Msnetho und seine Genossen auf diesen phantastischm Einfall gekommen sein mögen. Da jedoch die Erörterung dieser Frage uns in unserem Streben einen bedeutenden Schritt weiter bringt, wollen wir ihre Beantwortung versuchen. Schiller selbst bietet uns hierin einen interessanten Ausschluß. Er folgert nämlich von der Menge der Vorkehrungen, die der Gesetzgeber dagegen gemacht hat, ״wie allgunein dieses Uebel gewesen" sein müsse. Da haben wir cs denn! So wie Schiller muß jeder außerhalb des JudenthumS Stehende denken, der. ohne vom Geist der jüdischen Religion und Gesetzgebung eine Ahnung zu besitzen, über den Inhalt der Bibel sich ein Urtheil bilden will. Freilich — welchen Zweck sonst könnten die vielen um Aussatzunrcinlichkeit sich drehenden Anordnungen verfolgen, als um die sanitätspolizeilichen Maßnahmen zur Ausrottung resp. Eindämmung einer Volkskrankhcit zu sein! Dieser Jdeengang mag cs wohl gewesen sein', der auch die alten Geschichtschreiber auf diese Jrrfährte leitete. Nun hieße es freilich von einen! Nichtjuden zu viel verlangt, er solle den Schatz an ethischem Gehalt kennen, den die jüdischen Schriftgelehrten in den Reinlichkeitsgcsetzen erblicken, oder er solle jene tiefe Erkenntniß des jüdischen Ritualwesens besitzen, welche der genialste moderne Bibelerklärer, Samson Raphael Hirsch, verdolmetscht, indem er gerade an den betreffenden Stellen von Leviticns entschieden in Abrede stellt, als ob das jüdische Rituale irgend welche Gemeinschaft mit sanitätspolizeilichen Tendenzen hätte. Aber so viel darf man doch wohl von Jedem verlangen, daß er gründlich prüfe, ob seine Motivirung einer konkreten Begebenheit mit dieser auch in Einklang gebracht werden kann — und in unserem Falle genügt das vollkommen. Denn eben eine solche gründliche Prüfung muß unS aus den Neinhcitsgesttzen des JudenthumS selbst die Ueberzengung verschaffen, daß sie unmöglich zur Steuerung so trister Verhältnisse geschaffen worden sein können. Wenn gesagt wird, daß eine Negierung sich genöthigt siebt, einen ganzen infizirten Volksstamm durch die Ersäufung der Kinder auszurotten, so muß jener Volksstamm schon in dem denkbar schrecklichsten Zustande sich befinden und gleichsam eine einzige eiternde Pestbeule sein. Unter hundert Individuen ans diesem Volke dürfen kein? zehn mehr intakt sein, und es ist sicherlich keine Ucbertreibung, daß eine ansteckende, durch mehrere Geschlechter von Eltern auf Kinder sich vererbende Krankheit einen Volksstamm bis zn diesem Grad des Elends bringen könne. Es fragt sich nun aber, kann man einer so schrecklich zugcrichteten Generation solche