Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1885)
- Article
- Henne am Rhyn über den Antisemitismus
- Date
- 1885-11-12
- Page
- 723 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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723 Presse", sagt man. Waö aber ist ״jüdische Presse"? Mit dieser Bezeichnung geht man sehr leichtfertig um. Wir haben Blätter als jüdische bezeichnen gehört und gesehen, unter deren zahlreichem NedaktionSpersonal sich kein einziger oder höchstens ein Jude, und zwar in untergeordneter Stellung befand. Aber selbst wo bekannlcrmaßcn die Eigenthümcr und Ncdaktcurc einer Zeitung Juden sind, fehlt cs derselben niemals an christlichen Mitarbeitern. Wir haben fanatische Indenfeinde kennen gelernt, welche sich sehr gerne von jüdischen Blättern houorireu ließen und noch lassen. Uebeigens sind uns nicht nur in jüdischen, d. h. vorzugsweise von Juden geschriebenen, sondern auch in notorisch der Judenheit fernstehenden Blättern oft genug Ausfälle gegen Einrichtungen und Meinungen vorgckommen, welche als christliche gelten; und wir könnten wirklich nicht mit gutem Gewissen behaupten, daß diese Ausfälle in der ersten Klasse von Blättern zahlreicher, gehässiger oder verletzender gewesen wären, als die in der zweiten Klasse. Freilich verstehen gewisse Parteien gar verschiedene Dinge unter Christenthum, nämlich in der Regel ihre eigenen Ansichten, die, wollte man sic genau und vorurtheilSloS untersuchen, herzlich wenig von Christenthum im wahren und reinen Sinne an sich hätten. Uebrigens sind die Christen selbst mit Herab- Würdigung 1111b Beleidigung christlicher Ansichten und Einrichtungen so lange vorgegangen, daß dies den Juden nicht mehr als verwerflich erscheinen konnte; mag aber auch in ״jüdischen" Blättern gesagt sein was will, — wer möchte immer entscheiden, ob es von christlichen Mitarbeitern herrührt? Ja, hätten sogar sämtliche jüdische Zeitungsschreiber sich gegen das Christenthum versündigt, wäre daö ein Grund, gegen alle Juden zu Hetzen? Ein zweiter schwerer Vorwurf gegen die Juden ist der, daß sie das deutsche Volksthum fälschen, ihm einen frivolen und unsoliden Beigeschmack geben, es wohl gar demoralisiren! Sonderbar aber, daß dieser Vorlvurf nie von Holländern. Engländern, Franzosen, Italienern oder irgend einer anderen höher zivilisirtcn Nation erhoben wurde, sondern außer den Deutschen nur unter den in der Kultur lange nicht an sie herauf reichenden Russen, Rumänen und Magyaren! Der Vorwurf, den wir besprechen, ist die Folge eines speziell in Deutschland grassircnden, anderwärts aber vielfach überwundenen Irrwahns, nämlich desjenigen, daß die Deutschen ein reines und unvcrmischtcS germanisches Volk wären. Man braucht nur nach dem Osten des Landes zu blicken, wo so viele slavischc Laute ertönen, so weiß man, wie es sich, mit jenem Wahn verhält. Dies ist aber nicht der einzige Umstand, der ihn widerlegt. ES gicbt heutzutage in Folge viclhundcrtjahriger Wanderungen früherer, und zahlloser Ein- und Aus- :•J Wanderungen neuerer Zeit keine reinen Völker mehr,?. ausgenommen in wenigen abgelegenen Gegenden und . ] im Innern unzivilisirter oder in ihrer eigenartigen f Zivilisation lange Zeit vom Verkehre mit außen ab» | geschloffener Länder, wie z. B. Ln Afrika, in China 1 u. s. w. Reine Germanen gicbt es wahrscheinlich keine 1 mehr als die Isländer und etwa in einzelnen Land- 1 strichen Norwegens, FrieStands u. s. lv. Im Westen;■j sind die Deutschen noch viel reiner als im Osten, und gerade dort hetzt man die Inden nicht, wenigstens jetzt ■\ nicht mehr, während dies im Osten geschieht, wo kein eingeborener ״Germane" sicher ist, daß er nicht von Slaven stammt! In Berlin, dem einstigen wendischen Fischerdorf, wird heute vom nrgermanischcn Standj punkte gegen die Juden geschrieen! Nicht die Hetzer aber, j sondern tolerante Männer waren es, es waren die Lessing, die Humboldt, die Schleicrmacher, welche Berlin j zu einem Sitze höchster Bildung des Oenlschthnms gemacht haben, und nicht wenig hat dazu ein MoseS Mendelssohn beigctragcn. Worin sott denn etwa das von Inden zu reinigende Deulschthum bestehen? Ist unser Deutschthum etwa das der noch reinen aber wilden und rohen Germanen in ihren Urwäldern und nicht vielmehr dasjenige, wie cs sich durch mancherlei [i Mischungen im Laufe der Zeitengebildet und verfeinert hat? Die West- und Süddeutschen haben viel römisches und keltisches, dir Ostdeutschen noch mehr slavisches Blut in sich, — sind sie darum weniger gute Deutsche als die reiner gebliebenen Nicdcrsachscn und Westfalen? Und warum sollten nun die deutsch sprechenden, in Deutschland geborenen und erzogenen, an der deutschen Literatur, Kunst und Wissenschaft theilnehmendcn ״Semiten" weniger oder keine guten Deutschen sein? Und nun kommen wir zu der dritten schweren Anklage gegen die Juden, welche sich an den Gedanken knüpft, daß sie nicht mehr gedrückt sind; man wirft ihnen nämlich vor oder beschuldigt sie, die Herrschaft in Deutschland anzustrebcn. Zn alle den gemeinen und schmutzigen Aenßcrnngcn in den Versammlungen der letzten Jahre, zu alle dem oberflächlichen, gcwiffenlosen Gerede, seichten Geschwätz und kleinlichen Gefasel der antisemitischen Skandal-Abende kommt noch die bleiche, zitternde Angst und Furcht vor einem neuen ״jüdischen Reiche deutscher Nation". Herr Henne am Rhyn ist allerdings der Meinung, daß die Juden oder ein Theil derselben zu dieser Besorgniß durch allzu hastiges und zahlreiches Hervor- und Hinzudrangen zu hervorragenden Stellungen in der Gesellschaft Anlaß geboten haben. Wir wollen an dieser Stelle, wo eS unS nur daran liegt,' eine über den Verdacht der Judcnfrcundlichkeit erhabene Stimme gegen die antisemitische Strömung anznführen. nicht in eine Polemik hiergegen eintrctcn, ebenso wie wir i l 1■ i K