Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-11-12 · Heft 46 (12.11.1885) · p. 722

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 46 (12.11.1885)
Article
Henne am Rhyn über den Antisemitismus
Date
1885-11-12
Page
722 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933146-2963256--20279-2963320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

722 sichen Ziele des Antisemitismus und ihres Hauptes weder begreifen noch thcilcn zu können. Nun wissen wir sehr wohl, daß dieses unser bescheidenes Geständniß einem spöttischen Lächeln begegnen kann: ein Jude kann freilich die lief sittliche und heilige Grundlage des AntisemitiSmuS nicht begreifen, dafür ist er eben ein Jude! Aber es geht nicht nur uns Juden, sondern auch vielen Anderen ebenso, welche nicht zu den Nachkommen Jakobs zählen. Wir möchten zu diesem Erweise heute die Ansicht eines Nichtjudcn über den Antisemitismus, oder, wie dieser heilige Kampf von diesem sehr treffend genannt wird, über die Judenhetze hören, nämlich des .Herrn Dr. Otto Henne am Rhyn, aus dessen Werkchcn: .,Die Schmach der modernen Kultur" wir das darin über die heutige Judcnhctzc Gesagte im Folgeudcn betrachten wollen. Herr Henne am Rhyn ist kein Neuling in der Literatur und ganz speziell in derjenigen, welche die sogenannte Judenfrage behandelt, und wohl derartig bekannt, daß er über den Borwurf zu den ״Juden und Judcngcnossen" zu gehören, hoch erhaben ist. Nun, dieser Herr zählt den heutigen Antisemitismus zu der Schmach der modernen Kultur und faßt sein Urtheil über denselben dahin zusammen: ״Wahrlich, die heutige Judcnhctze ist zugleich eine geistlose und unlogische und eine unsittliche und gewissenlose Bewegung, welche von der Vernunft wie von der Moral und Humanität unbedingt zu verwerfen ist und von der Kulturgeschichte, als unparteiischer Richteritt über das Thun und Lassen der Menschen unnachsichtlich an die Seite der scheußlichsten Bcrirrungen und Geistesepidemicu aller Zeiten gesetzt werden muß. Schreitet die Regierung gegen diese Bewegung nicht mit derselben Strenge ein wie gegen die sozialistische, so wird sie sich selbst unbcrcchcnbare Nachtheile bereiten; denn dem Fanatismus läßt sich nicht mehr Halt gebieten, wenn es einmal zu spät ist!" So verschieden denken die Menschen Was der Eine als die heiligste Pflicht betrachtet, das ist dem Andern eine der scheußlichsten Verirrungen aller Zeiten! Wir können cs uns nicht versagen, Herrn Henne am Rhyn noch weiter das Wort über den Antisemitismus zu ertheile». Er schreibt darüber folgendermaßen: Wohin ist cS gekommen mit der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts, wohin mit dem Geiste der deutschen Nation, wenn cs in der Rcichshauptstadt, dem Sitze der Intelligenz, einer Anzahl von Persönlichkeiten, denen humane Grundsätze, Bildung des ׳.Herzens und die Kenutniß feiner und gediegener Lebensart fremd zu sein scheinen, gestattet ist und möglich wird, in demagogischer Art und Weise sich au die Spitze einer sogenannten Bewegung Zu stellen, welche geeignet ist, wenn man sie gewähren läßt, zu Ausschreitungen zu führen, die eine Schmach und Schande des Jahrhunderts, eine Schmach und Schande des deutschen Landes und Volkes sein würden! Die antisemitischen Versammlungen der letzten Jahre in Berlin und anderswo dürften unter Umstanden Deutschland zu größerem Schaden gereichen, als cs alle Juden der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft jemals im Stande sein würden. Dieses Versammlungen leisteten das Menschenmögliche an Rohheit, an Gemeinheit, au Niedertretnng aller Errnngenschaftcn der Kultur und des Fortschritts, und außerdem sind sie das entschiedenste Zeugniß von der nacktesten Grundsatzlosigkeit und der äußersten Flachheit ihrer Veranstalter und Theilnehmer. Indem wir uns gegen die blinden Feinde der Juden wenden, müssen wir vor Allem fragen: wann hat die Hetzerei gegen die Juden in Deutschland oder genauer genommen in wenigen Theilen dieses Landes, namentlich aber in Berlin (denn von den neuesten Scheußlichkeiten in Ungarn und Rußland sprechen wir hier nicht, — sie haben nichts mit der modernen Kultur zu thun) ihren Anfang genommen? Es ist bekannt, daß von einer solchen Hetze von dem berüchtigten Hep-Hep-Sturm in der reaktionären Zeit nach den Freiheitskriegen bis zur ״Gründerzeit" von 1873 keine Rede war. Man wirft den Juden die Gründungen jener Zeit als ihr Werk vor. Glücklicher Weise ist aber noch in lebendiger Erinnerung, wie viele und welche hohe christlich-germanische Herren an diesem ״Tanz um das goldene Kalb" theilgenommen haben. Ein Jude hat sie entlarvt; wir wollen.hier nicht untersuchen, ob er dabei nicht gegen seine Stammesgenossen zu nachsichtig verfuhr, ob er nicht außer dem konservativen Strousbcrg auch andere Söhne Israels hätte nennen können und sollen; wir wollen es deshalb nicht, weil cS noch keineswegs klar geworden ist, was zu einem ״Gründer" gehört. Otto G lag au, der ״Schrecken der Gründer", ist so weit gegangen, jeden Mann, namentlich aber jeden Liberalen, der einmal Mitglied einer Aktiengesellschaft war, in einem dicken Buche der Welt als Gründer zu denunziren. Dadurch ist die Grnnderhctze grund- und gegenstandslos geworden, und cs ist lediglich Sache des Strafgesetzbuchcs und der Gerichte und nicht der Presse und Vereine, der Versammlungen und Reden, zu bestimmen, inwiefern die Betheiligung an Geldgeschäften verwerflich, verbrecherisch oder strafbar sei. An die Anklage der Juden wegen des ״GründenS", welche erwiesener Maßen nicht sie allein trifft, haben sich nun weitere Klagen und Vorwürfe gegen die unter den ״Germanen" lebenden ״Semiten" gereiht. Die erste und vielleicht schwerste Beschuldigung ist diejenige, daß sie das Christcnthum angreifen und verhöhnen. Wo aber sotten sie dies thun? ״In der jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.