Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1885)
- Article
- Das neue Rom und das Juden-Ghetto
- Date
- 1885-10-22
- Page
- 676 (sequence 3)
- Language
- German
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676 komnienheit der Menschen, die zerbröckelnden Häuser, die vom Pesthauche der Kloaken erfüllten, im trüben Halbdunkel sich dahinschlänaelnden Straßen sind ihnen zur nochwendigen Vorbedingung ihres Wirkens geworden. Dieser Schlag von Künstlern hat nichts vor den schlottrigen jüdischen Kleiderverkäufern voraus, die vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergänge ihren Ruf: Robivecchi, Robivecchi! durch die Stadt in klagenden Tönen erschallen lassen. Auch diese armen Subcu sind über den Gang der Dinge unzufrieden, wie ihre Väter es waren, als Alessandro Calandrctli und Cicernacchio im Namen der römischen Republik die Thore des Ghetto nicderrisscn und dem Volke Israels die Freiheit verkündeten. Das päpstliche Rom, das die Inden nicht verfolgte und nicht züchtigte, das pästlichc Nom erniedrigte sie. und nur wenigen unter ihnen gelang eS, sich aus dem Sumpfe zu retten, in den sie die christliche Gewalt versinken ließ. Die Juden in Nom waren das Werkzeug für die Rache der Mächtigen; auf Geheiß der Fürsten Colonna verbrannten sie Cola Da Nienzi, den letzten Tribun (?). Die Juden in Nom mußten dem Volke die Circenses besorgen und in Säcken vom Bogen des Marc Aurel nach dem Palazzo Venezia um die Wette laufen, bis ein menschlich fühlender Papst ihnencn diese Seelenpciu unter der Bedingung erließ, daß sie die Kosten und die Preise für die Pferderennen der FaschiugsLage bezahlen würden. So entstand die Corsa dei Barberi, eine andere Barbarei, die vor drei Jahren abgcschasft wurde, weil, eigenthümliches Zusammentreffen, die Hufe eines dahinrasenden Pferdes zwei armen Iudenkindern die Köpfe zertreten hatten. Die Juden in Rom mußten noch unter Gregor XVI., demselben, der einem jüdischen Gcldmanne als Belohnung für ein glücklich zu Stande gebrachtes Darlehen den — Christus-Orden verlieh, allwöchentlich einmal nach der Kirche Santa Trinita dei Pellegrini ziehen, um sich von einem katholischen Priester über ihren Unglauben belehren zu lassen. Sie verhielten sich hierbei sehr anständig und ertrugen schweigend den tragikomischen Gewissenszwang, denn die Päpste, die sie in dieser Weise ihre Abstammung entgelten ließen, sicherten ihnen zu gleicher Zeit durch das sogenannte Jus zagazan billige Wohnhöhlen und legten ihrem Glauben sonst so wenig Hindernisse in den Weg, daß in ihrer kleinen Gemeinde beispielsweise die sizilianische und die kastilianische Schule und mit ihnen die den spanischen und sizilianischen Verfolgungen entslohencn Glaubensgenossen Aufnahme fanden. Ein einziges Mal erhoben die Juden in Nom ihr Haupt, und daö geschah nach Pauls IV. Tode; sie .vereinigten sich da mit dem wüthendeu Volke, stürmten das Haus der Heiligen Inquisition und rissen die auf dem Kapitol stehende Statue des Papstes vom Ssckcl herunter, und ein Jude wagte es sogar, ihr die eigene gelbe Mütze auf den Kopf zu stülpen. Seit jeneu Tagen sanken sie aber tiefer und tiefer, bis sie sich endlich mit ihrem Schicksale so sehr zufrieden gaben, daß LaS Morgenroll) des freien Lebens den armen Verlassenen das Granen einflößt, das man beim Anblicke des blutigen Widerscheins einer Feuersbruust empfindet. Diese armen jüdischen Trödler von Rom begreifen daS neue Italien nicht. Sie sind ihm nicht dankbar (?), wiewohl es ihren Glaubensgenossen stets mit Wohlwollen entgegenkam. Die römische Rermblik ernannte einen Juden zum Konnnandanten des freiwilligen Bataillons des Stadttheils Negola; das geeinte Italien hat den Unterschied zwischen Semiten und Ariern ansgelöscht, eS kennt nur Staatsbürger und Fremde, cs fragt Niemanden nach seinem Bekenntnisse, und Beamte mosaischen Glaubens dienen selbst in den höchsten VerwaltungSstellen den Interessen des Staates. Doch was sicht nur die verwahrlosten Geschöpfe im römischen Ghetto dies an? Was .wissen sie in ihrer traurigen Lage von der Freiheit der Gewissen, von Menschenwürdigem Daseins? Die Stadtverwaltung beschloß, ihre Schlupfwinkel, in welche nie ein erfreuender Lichtstrahl, nie ein reinigender Lnfthanch dringt, niederznreißen. Das ist ihre Sorge. Sie haben in diesen von Salpeter überzogenen Höhlen ihre Kindheit verbracht; ihre Eltern sind darin geboren; ihre eigene Brut wälzt sich da im Schmutze herum. Diese Höhlen sind die Zeugen ihrer Leiden und Freuden, die feste Burg ihres fanatischen Glaubens*), das Spiegelbild ihrer selbst; denn wie sie trotz ihrer körperlichen Verkommenheit eine unglaubliche Lebenskraft entwickeln, haben auch diese einander stützenden und fast über einander sich thürmeuden Bauten den Erdbeben und den nahezu alljährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen des Tiber widerstanden und widerstehen ihnen noch sitzt. ״Da drinnen," klagt ein armes tiefäugiges Mütterlein, ״da drinnen stirbt man vor Schmutz, die Natten theilten das Bett mit uns; wir haben tarn Lust genug, um zu athmcn, das Alles ist wahr, allein wohin sollen wir ziehen, wenn man uns von hier verjagt? wer zahlt uns den theuren MiethzinS; wic versammeln wir uns zum gemeinschaftlichen Gebete, wenn der Wind uns verweht durch die Stadt? Wer unterstützt uns *) Anmerkung der Nedaknon. Der Herr Verfasser irrt sich, — daö Jndenthum der Ghetto-Bervöhncr ist nicht fanatisch, vielmehr hat der Fanatismus ihrer Bedrücker sic in dieses elende Quartier hineingep.vängt, — ihr (tzla'.röL aber gerade hat sie in diesem Elende Licht und Freude finden lassen. Das gleiche Jndenthum des römischen Ghcitv ü-mahreu in freieren Verhältnissen noch Hnnderttausende strenggläubiger Israeliten. Der angeblich ״sanarische" Glauben derstiben har also nicht seine feste Burg in Schmu!) und Elend zu suchen und hängt nicht von diesem ab.