Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1885)
- Article
- Das neue Rom und das Juden-Ghetto
- Date
- 1885-10-22
- Page
- 675 (sequence 2)
- Language
- German
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675 und theilweisc auch glücklich durchsührten. Die Regierung stand ihnen freilich mit Rath und That kräftigst zur Seite, allein ohne ihre schmerzenreiche Entsagung und Ausdauer würden auf jenen Höhen nicht Hunderttauscnde von EnkalyptuSbäumen ihr duftendes Geäste auSbreiten, nicht der Redstock die Lehnen umschlingen, nicht üppiges Gras cmporsprießen, wo früher nur dürres Steppenstroh gedieh. Das Gebet verhindert nicht die That; merkwürdig aber bleibt cs wohl, daß Gebet und That erst dann sich vereinten, als ein freierer Geist über dem alten Nom seine Schwingen zu rühren begann und die Kirche nicht mehr Alleinhcrrscherin war in den aurelianischen Mauern. Die Größe des Elends, in welchem die Ungunst der Jahrhunderte und die Schlechtigkeit der Menschen das römische Feld erstarren ließen, ist zwar derartig, daß die Besserung fast gar nicht wahrgenommen wird. Das schon zu Römerszeiten herrschende Sumpffiebcr hat, da man es nicht bekämpfte, an Kraft zugenommen, und von den morastischen Tiefen der.Thäler ist eS langsam, aber stetig zu den Höhen hinaufgeschlichen, hat Ninfa umstrickt und mit seinem Todeshauche vergiftet, ist eben daran, das freundliche, lichtvolle Sermoneta in eine Ruine zu verwandeln, und seine Spuren vermag man auch schon im Albaner-Gebirge zu entdecken, selbst in der alten Burg der Ottonen, in dem ob seiner herrlichen Waldluft viclgefcierten Bergneste Rocca di Papa. Indessen die Tage der verzweiflungsvollen Ergebung in das scheinbar unabwendbare Schicksal sind vorbei und hoffentlich für immer vorbei! Die Wissenschaft hat die Gefahren des Fiebers vermindert, überall rüstet man sich zum Kampfe wider den tückischen Feind; ein Gesetz verpflichtet die Grund׳ besitzer, die wüsten Flachen in einem vom goldnen Meilensteine des römischen Forums zu berechnenden Umkreise von zehn Kilometern einer regelrechten Land- und Wasserwirthschaft zu unterziehen; die Sümpfe von Ostia und Maccarcse werden getrocknet und ausgcsüllt, und die Eisenbahn, welche zur raschesten Verbindung RomS mit Neapel längst des mittelländischen Meeres über kurz oder lang wird gezogen werden müssen, wird auch der erste, aber entscheidende Schritt zur Sanirung der pontinischen Sümpfe sein. Gewaltige Aufgaben fürwahr; doch welche sind wohl so gewaltig, daß der menschliche Geist sie nicht zu lösen verstünde? Ist vor den Mauern dieser altehrwürdigen und doch immer jungen Völkerstadt der Fortschritt noch gering, so vollzieht sich die Wandlung innerhalb der Mauern um so rascher und gründlicher und staunenerregender. Die alte, schmutzige Stadt der Papste ist verschwunden; das Häusergewirr im Tiberthale macht breiten Straßen und luftigen, sonnigen Vierteln Platz; der historische Fluß wird eingedämmt und gereinigt, ja, ja, auch gereinigt; neben der Pyramide des CestiuS, rings um die Gehänge des Schcrbcnhügels, des Monte Testaccio. ist ein gesundes Arbeiterviertel im Entstehen, und. auf den Hügelflächen des Esquilin, des CoeliuS, Angesichts des flavischen Amphitheaters, auf den mystischeinsamen Höhen des Aventin, strebt das neue Rom, bürgerlich einfach zwar, doch gesund und kräftig empor. Die Lorbergärten deö Palatio, das Netzmauerwerk der Ronia Quadrata, sie blicken nicht mehr auf unwürdige Erdhaufen herab; ihnen zu Füßen breitet sich in majestätischer Erhabenheit das auSgegrabene Forum des alten Rom aus. Noch nie zuvor wurden die Schätze des Altcrthums mit so ängstlicher Gewissen- Hastigkeit gehütet und gepflegt, wie jetzt; das neue Rom ist ein Kind der Freiheit; eS stärkt sich an den Wahr- Zeichen der alten Größe und Pracht und schöpft ans ihnen den Muth zum schweren Kampfe gegen die Parasiten, die so lange an seinem Marke genagt und gesogen. Das gegenwärtige Nom ist die schönste Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts; jeder freie Geist hat seinen Antheil daran und muß über den Triumph frohlocken, den hier die neuen Ideen gegen eine finstere mittelalterliche Gewaltherrschaft unzweifelhaft erringen werden. Der Kampf richtet sich gegen Alles, was der vollen Entfaltung der gesellschaftlichen Freiheit sich entgegenstcllt; es ist nicht ein Kampf gegen die Religion, cö ist nur ein Kampf für das menschliche Gewissen, gegen den Aberglauben, die Ungerechtigkeit, die Unwiffenheit. Und ebenso wie er die Klöster der Bettelorden und die Burgen des Lehnadels erfaßt und zerschmettert, ebenso reißt er die Zeichen der Gesellschaftlichen Unduldsamkeit zu Boden und schreitet sicher und segcndspendend über sie hinweg. Eine gewisse Klaffe unter den Gelehrten und Künstlern murrt und grollt zwar ob dieses erbarmungslosen Waltens, die Menschheit ist jedoch nicht eine Anima vilis und nicht zum Zwecke archäologischer' Forschungen geschaffen, sie hat ihr Recht und ihren Zweck in sich, und ihre Bedarfnisse sind das oberste Gesetz, dem Alle sich beugen müssen. Mit. den Künstlern aber steht eS herzlich schlecht, die ihre Zeit nicht begreifen und ihrem verhängnißvollen Gange sich entgegenstemmen möchten. Jeder von ihnen müßte mit dem Dichter sagen: Ich weiß, daß mir nichts angehört, MS der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen, ׳ Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein günstiges Geschick Von Grund aus läßt genießen... Allein dem ist nicht mehr so; Neues zu schaffen, ist ihnen schwer, und da hängen sie am Alten niifc allen Fasern des Herzens; die Stimmung muß die eigene Empfindung ersetzen, und der Schmutz, die Ver-