Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1885)
- Article
- Das neue Rom und das Juden-Ghetto
- Date
- 1885-10-22
- Page
- 677 (sequence 4)
- Language
- German
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677 in unseren Krankheitstagen?" Diese Klage ertön! im Ghetto von allen Seiten, und mit der Klage hört man auch manch kräftigen Fluch gegen die Neuerer, die dem Bolke Israels ihr Loos nicht gönnen! Der israelitische Unterslützungsverein und die Stadtverwailuug werden aber darum nicht irre. Sic antworten: ״Wir zahlen euch einen dreimonatlichen ZinS und werden euch Helsen, so lange die neuen Verhältnisse euch bedrücken. Das wird, wir wissen es wohl, nicht lange dauern, denn ihr seid arbeitsam und werdet auch den erhöhten Bedürfnissen Rechnung tragen können." Die Sache ist beschlossen; die armen Trödler muffen sich fügen; ihr Schmerz aber ist groß, und wehmnthSvoller als je gellt durch die Straßen ihr Ruf: ״Rodivseeki, Robivecchi!" Und so wird denn über Jahr und Tag daö Ghetto unter dem zerstörenden Walten des Brecheisens und der Haue verschwinden, und über diesem Schandflecke des mittelalterlichen Rom werden sänlengetragcne Häuser sich erheben und den in einem breiteren Bette mcerwärts fließenden Tiber einsäumen. Die Archäologen werden diesmal nicht murren, denn ehe neues Leben aus dem alten Schutte erblüht, werden sie all ihre Sehnsucht befriedigen und Alles, wonach sie Verlangen tragen, durchwühlen können. Für die Künstler, von denen vorher die Rede war, wüßte ich keinen Trost, denjenigen aber, welche die langen Winterabende bei ״Vater Abraham" zu verbringen gewohnt waren, kündige ich an, daß dies berühmte Wirthshaus nicht ganz hundert Schritte vom jetzigen Standorte verlegt werden wird. Den Fremden sei es also gesagt: der ehrsame Stadtralh ist nicht so grausam, wie man gemeiniglich glaubt; er zerstört zwar das Ghetto, Vater Abraham wird aber auch künftighin Jedermann aufwarten dürfen mit gerösteten Artischocken und feurigem Wein von Vclletri. N o b e r t d e F i o r i. a KW her ANßerdMtt Gemeinde 1795-1812. (Fortsetzung.) Am 18. Mai wurden die Namen der Wähler für die neue Negierung vom Stadthause unter Musik abgelescn, was wohl vier Stunden gedauert hat. An jenem Tage war sehr schönes Wetter, und nach Mittag zogen die nationalen Reiter und einige Kompagnien der Vnrgerwehr sowie Klubisten durch die Stadt und kündigten die Freiheit sowie die Allianzartikcl zwischen Holland und Frankreich ab; aber wie sie auf den Houtmarkt (jetzt Tonas-Daniel-Meyer-Plern) kamen, 1;m סט? her Neuen Synagoge das Gleiche zu rhun, kam der böse Geist über sie (האבען אללע שטנים ושרים שליטה אן זיא בקומן) und sie teilten unter unseren Glaubensgenossen fürchterliche Schläge aus; selbst in die Synagoge sind sie mit bloßem Gewehr hinein und sind um den Almemor hernmgelaufen כמו המשחיתים, theils schlugen sie die Anwesenden, theils nahmen sie sie ohne jede Ursache in Arrest. Ein portugiesischer Jude wurde von ihnen auf Marken (Valkeuburgstraat) so übel zngerichtct, daß man ihn anfangs für todt hielt; später kam er wieder zu sich, mußte aber mehrere Wochen das Bett hüten. Am folgenden Tage verwandten Parnassim sich an die Negicrung und erlangten, daß alle Arrestanten wieder frei kamen. Am 17. Juni war ein Bcttag, die ganze Regicrung mit allen Komitcc'S waren zur Kirche; auch in unseren Synagogen wurde gebetet,אצפה דש לטובתינו זיין זאל. Im Juni vereinigten sich einige sogenannte jüdische Klubisten und unterstanden sich, aus die Gemcindestube zu kommen, um die Parnassim zu ersuchen, am 19. Inn! auf dem Houtmarkt vor der Neuen Synagoge einen Freiheitsbanm mit Zeremonie setzen zu dürfen. Die Vornehmsten unter diesen Klubisten waren Herz PrinS, Liepman Ränder, Joseph, ein lahmer Schuhputzer, der auf zwei Krücken geht und faktisch an den Thüren bettelt, und Simon Kastemacher. Damals war Liepmann van Isaak de Jongh Vorsitzender Parnaß והשי״ נתן שכל טוב להשיב להם, daß sie ihr Gesuch wegen des Freiheitsbaumes schriftlich cinreichen müßten. Inzwischen setzten Parnassim jedoch den Maire Visscher von dem Vorgefallcnen in Kenntniß und dieser sandte sofort einen Polizeiagentcn zu Simon Kastemacher, bei dem sich auch gerade Herz Prins befand, mit der Ver- Warnung, daß sie es mit der Justiz zu thun bekämen, wenn sie sich unterständen, auf irgend einem Platze, wo eine Synagoge sich bcftndet, einen Freiheitsbaum zu pflanzen. Am 3. August war ein großer Tumult unter dem Pöbel wegen des Aepfel- und Gemüsemarktcs. Die Aufkäufer, die man Schacherer nennt, wurden vertrieben und die Bauern gezwungen, billiger zu verkaufen. Der Preis der Kartoffeln wurde von zwölf auf fünf Gulden gebracht. Die Bürgerwehr konnte die Tumultanten nicht zur Ruhe bringen, bis Ordre von der Negierung kam, daß keine Aufkäufer mehr sein dürften und daß dic Bauern nur an private Bürger zu redlichen Preisen verkaufen dürften. Biele Juden, die mit dem Hausiren von Gemüse ihr Brsd verdienen, wurden mißhandelt, man wollte ihnen das Hausiren verwehren, aber Parnassim haben Alles wieder in Ordnung gebracht, die Erlaubniß zum Hausiren wurde wieder ertheilt.