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Jeschurun · 1885-10-08 · Heft 40-41 (8.10.1885) · p. 643

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 40-41 (8.10.1885)
Article
Der Prozeß Ritter vor dem Schwurgerichte zu Krakau
Date
1885-10-08
Page
643 (sequence 3)
Language
German
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643 Verteidiger Projessor Nosenblatt: Was hat Sie veranlaßt, zum Protokoll des Verhöres Zeugen zuzuziehen? — Zeuge: Damit konstatirt werde, daß StochliuSki ohne Pression ausgesagt habe. — Der Vorsitzende fragt StochiinSki, was er hierzu zu bemerken habe. Dieser behauptet, daß die Gendarmen hinter der Bureauthür standen. — Ritter, befragt, was er dazu sage, antwortete erregt: ״Was kann ich dafür, daß ein solcher Lump (auf Stochlinöki zeigend) ein solch falsches Geständniß abgelegt?" — Die hierauf vernommenen Zeugen Joseph Pitera, Regina Mn ich, Katharina B ozyna und Marianne Szaro sagen nur UnwesentlicheS ans. — Der Gerichtshof verkündet den Beschluß, daß die seitens der Verteidigung verlangte Vorladung der Entlastungszeugen Gebrüder Diamant, Agathe Baranska, Wolf Bein und Moses Beck abgclchnt wurde. Die Verhandlung wird auf morgen Vormittags vertagt. 23. September (fünfter BerhandlungStag). Die Verhandlung wurde mit dem Verhöre des Zeugen Franciözek Biel begonnen. Derselbe erklärt urit Entschiedenheit, Franziska Mnich sei am ersten Advent-Sonntage verschwunden. Befragt, ob es wahr sei, daß er die Mnich verführt habe, antwortete Zeuge, das sei leeres Dorfgerede gewesen. Die Zeugin Agathe Mandalina erzählt, ihr habe Stochlinski's Frau gesagt, ihr Mann habe eines Tages andächtig gebetet, sie glaube, er habe sich gebessert, nun sei er wieder verdorben. Dieses Gespräch fand nach dem Verschwinden der Mnich statt. Daraus folgert die Zeugin, daß die Frau StochlinSki'S ihn als den Mörder der Mnich angesehen habe. Die Zeugin deponirt ferner, die Gittel habe ihr am Tage des Auffindens der Leiche gesagt, man habe die Mnich mit durchschnittenem Halse gefanden; davon habe damals noch Keiner etwas, erwähnt. Gittel (mit Entschiedenheit): Das ist Lüge! Zeugin Maryana Matloß (Köchin der Gendarmeriekascrne in Strzyzow) hat Stochlinski nicht schreien gehört, was er doch gethan hätte, wenn man ihn geschlagen hätte. Zeuge Jcndrzej Chmiel war bei der Revision bei Ritter und Felder. Er sah bei der auf dem untern Schranken gefundenen Hacke Blut und drei Menschenhaare. Zeuge schildert die Erregtheit Ritter'S und Gittel's. Ebenso gravircnd sagte Zeuge Jan Gaborski, der ebenfalls bei der Revision gewesen, aus. Die Zeugen Wincenti Czekajowski und Dr. Heinrich Mazaruki sagen irrelevant aus. Sehr bewegt gestaltete sich die Eiuveruahme der Geistlichen Johann und Jakob Dzewicki. Johann Dzewicki, gewesener Vikarius in Lutcza, würdigt die angeklagten Juden nicht eines Blickes. Er erzählt, daß er im Hause des Dorfrichters Lukasek dem Stochlinöki ins Gewissen redete, daß dieser dann freiwillig ein Geständniß abgelegt, noch bevor die Gendarmen erschienen. Er schildert hierauf die Lage der Leiche in der Schlucht und folgert daraus entschieden, die Mnich sei ermordet und dorthin getragen worden. Er sei der Ansicht, Franziska Mnich sei von den Juden ermordet worden, und zwar sei 'Ritter der Hanptthätcr, Stochlinski habe mitgeholsen. — Ritter (znm Zeugen): Geistlicher Herr werden sich erinnern, daß wir uns auf der Straße trafen und daß Sie mir sagten, daß Franziska Mnich schwanger und bei mir umgekommen sei. — Zeuge (ohne auf Ritter zu sehen): DaS ist nicht wahr. — Angeklagter (mit Entschiedenheit): Erinncrn Sie sich doch! Wie können Sie das leugnen? — Zeuge wendet sich vornehm vom Angeklagten weg. — Hierauf wird Pfarrer Jakob Dzewicki vernonunen. Derselbe hat in der vorigen Verhandlung bekanntlich die Angeklagten MoseS und Gittel Ritter in sittlicher und moralischer Beziehung überschwenglich gelobt. Heute jedoch zog er zur Verwunderung des Auditoriums ganz andere Saiten auf. Zeuge schildert zunächst das Verhültuiß der Franziska Mnich zu Ritter. Er wollte sie deßhalb zur Beichte zulassen. Von ihrem Verschwinden hat Zeuge lange nach demselben von einer Greisin Marianne Bil erfahren. Darauf habe, er nach der Mnich im Felde rccherchireu lassen. Auf Befragen, ob ihm Jemand von einem Liebesverhältnisse der Mnich mit Ritter etwas mitgetheilt, antwortete Zeuge, er habe dies später durch die össcutliche Meinung im Dorsc erfahren. Zeuge hält nun einen förmlichen Vortrag über die Juden überhaupt und verstcigt sich zu der sonderbaren Behauptung, er hätte int Talmud gelesen, daß ein Jude, der eine Christin verführt, verpflichtet sei, dieselbe zu tödteu und die Frucht aus ihrem Leibe zu schneiden. (Große Bewegung im Auditorium.) — Vertheidiger Dr. Machatski (zum Zeugen): Können Sie mir nicht sagen, in welchem Werke Sie das gelesen haben? — Zeuge (mit einigem Zögern): Nun, eS ist schon lange her, ich erinnere mich nicht genau an das Werk. — Vertheidiger: War das Werk, welches Sie gelesen, in hebräischer Sprache? — Zeuge (sichtlich verlegen): Ach nein, wir haben deu Talmud von Profcssor Rohling, ins Polnische übersetzt, und noch ältere polnische Ausgaben des Talmuds. — Vertheidiger: Aber bei so etwas Wichtigem sollte man doch nicht vergessen, in welchem Werke man cS gelesen.-— Auf Befragen des Vorsitzenden, welche Meinung Zeuge von Ritter und seiner Frau habe, antwortet Zeuge kühl: Es sind arbeitsame Menschen. — Vorsitzender: Ich meine in moralischer Beziehung? — Zeuge: In dieser Hinsicht kenne ich diese Leute gar nicht. — Vertheidiger I)1\ Machatski: In der vorigen Verhandlung haben Sic den Ritter gelobt, ihn einen braven, rechtschaffenen Menschen, die Gittel eine brave, arbeitsame, rechtschaffene Frau genannt; heute wollen Sie dieselben in sittlicher

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