Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Noa und die Einflüsse seiner Zeit
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 635 (sequence 3)
- Language
- German
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635 wir geradezu den uns umgebenden Dingen, ja, den Leidenschaften unseres Innern den Namen einer Gottheit crthcilen können — wo ist da an den steten Aufschwnng zu denken, welcher dem Menschthume nothwendig ist? Muß es in einer Welt des Eigennutzes nicht als Thorheit angesehen werden, wenn Jemand zu Gunsten irgend einer Sache an sich selbst vergißt und den geringsten Nutzen, die geringste Freude ihr opfert? Wenn unö Alles gehört, was soll uns dann noch die kleinste Rücksicht auf das Wohl und Wehe der Ncbemnenschcn, was sollen uns dann gesetzliche Schranken, die sich uns entgegenthürmen? Genuß ist auch ein Gottesdienst, darum genießen wir das Heute, ohne des Morgen zu gedenken. Die Welt mit ihren Gütern selbst ist eine Gottheit, nun, so suchen wir uns mit ihr zu bereichern, gleichviel, durch welche Mittel, gleichviel, welche Thränen wir Hervorrusen, welches Elend wir verursachen! Endlich verliert sich in einer also gearteten Welt, von dem Mitleid gegen srenrdes Elend nichts zu erwähnen, sogar der Drang nach echter Herzensbildung, nach Veredlung des Geistes, die man sonst als Pflichtgegen Gott betrachtet hat. Soweit sie nützen, nähern wir uns den Quellen der Geistesveredlung — sonst fort mit diesem Stieben, das ja ein Hemmniß des augenblicklichen Genusses ist. Jadal, Deine Bauten müssen durch leere Buntheit unsere übersättigten Blicke reizen; ' Tubalkain, Dein Eisen darf allein der Benutzung des Vorhandenen dienen; Jubal, Deine Lieder bürfeu uns nach den Mühen dcS Tages nichts Ernstes bieten, sondern nur den augenblicklichen berauschenden Genuß — uns muß selbst die Kunst eine Dienerin sein, den Herrscher erkennen wir nicht über uns an. NQZ? ״ .וידיך חטאים לאEr aber, jener Einzige, war ans dem Wege jenes F o r t s ch r e i t en s nicht ste h e n geblieben," ״ זה דור המבולso war Noa's Verhältniß zun! Gcschlcchte der Fluth." Er hatte jenen angeblichen Fortschritt der Söhne Enosch's nicht mitgemacht, so brauchte er vor dem verhaugnißvollen Stillstände und menschlichen Rückgänge nicht zu fürchten. ״Mit dem Ewigen war Noa gewandelt," mit dem Ewigen also fortgeschritten. Er blieb unberührt von dem wüsten Taumel seiner Zeit, seine ״Süudenschru war seiner Weisheit vorangegangeu, so!nutzte die Letztere Bestand haben." In seinem Hause wurde nach der Weise der Väter geopfert, jeder Genuß als Geschenk aus des Schöpfers Hand betrachtet, das Streben regelte sich nach den Fragen, welche Pflicht der Höchste wohl seinem Geschöpfe auferlegt habe? Hatte er weniger glänzende Erfolge nach außen hin zu verzeichnen, kein Emporstcigen in gewöhnlichem Sinne, so hatte er die ewigen Güter des Menschthums nicht fahren lassen, sich vielmehr noch daran bereichert. An Noa's Namen knüpft sich deshalb eine neue Welt, ein neu ans dm Flut her! hcrvorgehendcs Menschthum, ein Fortschreiten desselben bis in unser Zeitalter — jene weisen. Spötter aber, hätte sie die Fluth auch nicht hinweggerafst, die Fluth der Jahrhunderte hätte ihre Gräber mit Bcrgeffeuheit bedeckt und den Namen des Noa hervorleuchten lassen. HI. Zeiten gingen dahin, aufs Neue bevölkerte sich die Erde; was die Vorzeit ans Licht gefördert hatte, diente nun durch Noa's Vermittelung der neuen Welt. Eine Zeit lang ward der Ewige verehrt, das ungeheure Ereigniß der Fluth ward gläubig als durch ihn verursacht angenommen. Endlich dauerte nur die Furcht vor dem Entsetzlichen als vor einer geschichtlichen Thatsache fort, aber es wurde nicht mehr auf Gott zurückgeführt. Aeußercn Ursachen war die Fluth entsprungen, die Eigcnthümlichkeit der Gewässer hatte deren Höhe bedingt, die Menschen, auf solch ein Anstürmen der FluLhen nicht gefaßt, waren darin zn Grunde gegangen^ Dem Noa hastete die Beschränktheit des Alters an, wenn er dem jüngeren Gcschlcchte jenes zerstörende Gewässer als eine Folge dcS Frevels darstellte. ״Sollen wir uns für alle Zeiten fesseln lassen durch ein Märchen der Thorheil? Errichten wir ein Bollwerk gegen die zerstörenden Mächte, gemeinsam regen wir die Hände, mn ein ewiges Gebäude zu errichten. Alles soll dadurch überragt werden, die Fluth soll die Spitze dieses Thurmcs nicht erreichen können, der Sturm sott sich umsonst versuchen an der Macht dieser Mauern, das Feuer soll machtlos sein vor diesen! Denkmale unserer Menschenkraft! So werden wir frei unserem Witten die Zügel lassen, nur unsere Eintracht nicht aufgeben, um den Kampf gegen das Vcrhängniß gemeinsam zu führen. Wir können nicht abirren von unseren! jetzigen Wohnsitze, ein Blick aus die Spitze dcS hochragenden Thurmes wird uns den rechten Weg zu unseren Brüdern zeigen, nächtlich wird eine Flamme auf der Spitze das Wahrzeichen sein — was haben wir nun zu fürchten? Nun ist unser Wille unser alleiniger Herr, kein Ereigniß von außen her kann die Gesammtheit erschrecken. ״ .ובמושב לצים לא ישבAber Einer setzte sich nicht so sicher fest, wo die Spötter weilten," זה דוד הפלגה, so verhielt sich Noa zu diesem Zeitalter. Es war wiederum derselbe Noa, der mit zweifelnden und nüchternen Blicken den Riesenbau dcS babylonischen Thurmcs betrachtete, der sich kühl verhielt dem unternehmenden Sinne seiner Zeitgenossen gegenüber: ״Ein Bollwerk wollt Ihr errichten vor dem Gotteöwillcn, dessen Ergebnisse Ihr Zufälle nennt? Die Höhe der Mauern, die Stärke der Bausteine, der Umfang des Gebäudes soll Euch eine Zuflucht bieten vor der