Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Noa und die Einflüsse seiner Zeit
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 634 (sequence 2)
- Language
- German
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634 daß er schon damals den herrschenden Bestrebungen seine Zustimmung verweigern mußte. Wie? Demjenigen Zeitalter drückt man ein solches Denkmal auf, von welchem es heißt ״ אז הוחל לר!רוא בשם ה׳bamafö begannen sie den Namen Gottes auszurufen?" Was läßt sich Schöneres von einer Gemeinschaft sagen, alL daß sie die Verbreitung des GotteSnamenS sich zur Pflicht gemacht, ja. trotzdem eS vorher nie üblich gewesen, solches mit Ernst begonnen hat? Soll denn durchaus hartnäckiger Widerspruchsgeist das Kennzeichen der Frommen sein? Darf er den Anregungen niemals folgen, welche von anderer Seite ausgehen? Muß Alles, was er beginnt, den Stempel seines Geistes tragen, um vor seinem Stolze berechtigt zu erscheinen? Weshalb also, Noa, ziehst Du Dich in die Einsamkeit zurück, weshalb bleibt Dein Herz kalt bei der überflammenden Begeisterung deö Dor Enosch Deiner Zeitgenossen? Was nannten aber jene Frommen ein ״Aussprechen des Gottesnamens?" Worin dunklen sie sich höher zu stehen, als ihre Vorfahren? Das erste Mcnschcnpaar in seiner Einfalt hatte sich schuldig gefühlt in dem Garten Eden, hatte die Buße des Ewigen geduldig aus sich genommen; Abel hatte dem Spender aller Güter durch uneigennützige Opfer gedient, Kain war durch das Bewußtsein, seine Gabe sei Gott nicht wohlgefällig, tief betroffen, durch das Gefühl der Schuld härter gedrückt worden als durch das äußere Elend, weiches der ewige Richter ihm aufgelegt hatte: Standen sic also außer allen Beziehungen zur Gottheit, oder zeigt es sich uns nicht, daß ihr ganzes Glück und ihr gesammtcS Weh von ihrem Verhältnisse zum Schöpfer abhing? Was konnte durch das Geschlecht des Enosch noch Neues begonnen werden, was früher Göttliches nicht vorhanden gewesen wäre? Jene Vorzeit war bereits, wie die Thora uns in ihrer schmucklosen Weise berichtet, durch Erfindungen bereichert worden. Die Söhne Jabals hatten Wohnsitze gegründet; Juba! hatte die Geheimnisse der Tonkunst der Mitwelt kundgcthan; in Tubalkain's knnstgeübtcr Hand ward das Eisen und das Erz zum Werkzeuge verwandelt worden. Ans eine wie hohe Stufe träumte sich da jene Vorwelt nicht, wie blickte sie stolz auf die alten Zeiten hernieder! Die Vorfahren, aller Mittel beraubt, hatten der Gottheit stete Opfer bringen müssen, um sich dadurch den Schutz derselben zu sichern; wir aber, die Zeitgenossen der erleuchteten Jabal, Jubat und Tubalkain, haben unsere gewaltigen Werkzeuge zur Uedcrwindung der Welt gewonnen — was sollen der Gottheit noch unsere Opfer und unsere steten Ehrenbezeugungen? Es ist dem Ewigen ein hoher Ruhm, wenn wir :ms seiner Welt freuen, wenn wir über dessen Vortrefflichkeit den Meister vergessen, א? הוחל. '״ לקרא בשם הdamals begann man, sich mit dem Ausrufen des Gottesnamens zu begnügen," dem Ewigen nur dem Namen nach zu dienen, und sich alt' der Opfer und Leistungen als der Gottheit ~ 1m* würdig zu entschlagen; man begann, das Werk an Stelle des Schöpfers zn verehren, es mit hm Namen der Gottheit zu belegen, um ihr dem Namen nach, sich selbst aber dem Genüsse gemäß zu dienen. ״ אשדי האיש אשר לא הלך בעצת רשעיםGlücklich war aber der Mann, welcher damals nicht nach dem Rathe der Frevler forlschritt," sich nicht von seinem Standorte bewegte, um dem דור אנוש zu folgen. Noa hielt an den Ueberlieferungen der Ahnen fest, iu der Mitte der Seinen bewahrte er das Kleinod des echten Gottesdienstes, um so eine Stütze der Zukunft zn werden. Den Spöttern emibcrte er in festem Mannestone: ״Wohl recht, daß der Ewige Eurer Opfer nicht bedarf, daß er zu erhaben ist, um Mangel zu empfinden, wenn Ihr Euch von ihm wendet. Aber Euch selbst ist der unverfälschte Gottesgedanke mit seinen Forderungen unentbehrlich, wenn Ihr das erreichen und erhalten wollt, was Gott von Euch verlangt. Versucht es nur, ob Eure Weisheit und Geistesgröße, ob Eure Gcmüthsanlagen dauern werden, wenn Ihr, im einseitigen Ringen nach dem Genüsse, den Gottesgedanken als bloßen Schatten ohne Thatsächlichkcit bewahrt, ss daß er Euch endlich ganz entflieht und dem Götzenthume Raum geben muß. Täuscht Euch nicht über den jetzt in Euch enthaltenen Edelsinn, sondern fragt, ans welchen Quellen die Späteren ihn schöpfen sollen? Ich kann Euch nicht folgen; ich kann meine inneren Eigenschaften nur durch innige und thatsächliche Gottes- Verehrung bewahren, wobei der Genuß stets nur die zweite Stelle einnehmen muß." II. Gewiß hatte Noa sich endlich Geltung verschafft, so daß man ihn seinen Weg wandeln ließ. Im Bewußtsdn ihrer eigenen sittlichen Kraft hielten ihn die Söhne Enosch für einen Schwarzseher, welcher der menschlichen Kraft im Guten zu wenig zmnuthete, als bedürfte sie immer des Gängelbandes. ׳Aber die Zeugen einer besseren Vorzeit verloren sich immer mehr, Zeichen eines Verhältnisses zum Schöpfer waren nicht vorhanden — was konnte das jüngere Geschlecht sich für eine Weltanschauung aneignen?' Während in den Früheren die Spuren einer edleren Zeit noch nach ihrem Abfalle erhalten worden waren, hatten die Späteren sie nicht mehr gesehen. Genußsucht und irdisches Ringen allein umgab sie von allen ediert, daß eS noch Pflichten gegen ein allgebretendes höheres Wesen gäbe, wurde, falls es Jemand äußerte, als Aberwitz der Vorzeit angesehen. Wenn mm die Welt uns ganz gehört, wenn