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Jeschurun · 1885-10-08 · Heft 40-41 (8.10.1885) · p. 636

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 40-41 (8.10.1885)
Article
Noa und die Einflüsse seiner Zeit
Date
1885-10-08
Page
636 (sequence 4)
Language
German
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636 Macht des ,Schicksals*?" Noa selbst war nicht der schlechteste Baumeister gewesen, mit kundiger Hand hatte er seine Arche errichtet; er wäre wohl auch jetzt ein Genosse jener Streber gewesen, wenn ihr Werk nur dem edcln Zwecke des gegenseitigen Schutzes geweiht und eine Uebcrcinstimmung vorhanden gewesen wäre mit dem Gotteswillen. So aber wies er sic auf ein anderes, ungleich festeres Bollwerk durch sein Beispiel hin, 's כי אם בתורת ד׳ חפצו אלו ״ מצות שנצטוהdie GottcSlehre blieb sein Verlangen, um den sieben menschheitlichen Pflichten nachzukommen." Weder Freude blieb seinem Leben fern, noch Thätigkeit für das Irdische — er hatte Th eil daran wie Jeder und stand gern wirkend neben seinen Mitmenschen. Um aber in dem von Irrwegen so reichen Leben sich nicht zu verlieren, blieb die Gottheit sein Leitstern, sie bewahrte ihn vor den Ausschreitungen der Enosch-Zeit, wo Gott dem Namen nach verehrt werden sollte, sie blieb ihm ein Schutz vor dem Gewogt selbstsüchtigen StrcbenS im Zeitalter der Sündfluth, sie stand neben ihm als Bollwerk und Burg, als die Menschen in irdischen Mitteln Schutz suchten vor der Hand des Höchsten. Er fand das rechte Maß für Alles, indem er die Gottespflichten nicht umdeutete, indem er ihre Macht und ihren Umfang nicht minderte. Reicher ward sein Lebensgenuß und inniger seine Daseinßfreunde; befriedigender war seine Arbeit, da sic auch dem Bestehenden und Ewigen geweiht war. Deshalb ragt er zu uns hinüber, hat er in der Lehre des Höchsten seine- Verherrlichung gefunden, so daß, was er weder geahnt, noch gewollt, sein Name vor Vernichtung geschützt ist und seinem Beispiele die "Nachahmung nie fehlen wird. Allein im Guten dazustchen, wenn uns Entartung umfängt, an die nenerstehende Macht des Guten zu glauben, und wenn die Bosheit and) scheinbar allhcrrschend ihr Haupt erhebt, unberührt von dem Spotte der Zeit das Gute emporhalten — das können wir von Noa lernen, das mögen wir von ihm lernen in dem wilden Gcwoge unseres eigenen Zeitalters. Mer die UM!mMglzck iisiis Yu IMr- 1a8{ji0&cit WWr GWMßm. Am Schluffe unseres jüngsten Artikels in Nr. 36, nachdem wir über eine Gewissensknechtung, welche gegen einen hiesigen jüdischen Abiturienten ausgeübt worden war, berichtet hatten, sprachen wir es aus, daß hier Abhülfe nur durch Gründung jüdischer Gymnasien geschaffen werden könne. Und wunderbar — fast zur selben Stunde tauchte derselbe Gedanke in den Spalten eines hiesigen antisemitischen WinkelblättchenS auf, natürlich begleitet von den obligaten Liebend- Würdigkeiten christlicher Nächstenliebe und dem Hinweise, daß ״selbstverständlich" die auf jüdischen Schulen ansgebildeten jungen Männer auf eine Anstettung im preußischen Staatsdienste nicht zu rechnen haben würden. Wiewohl uns nun diese Drohung ״kühl bis ans Herz hinan" ließ — denn einmal sind Worte, die von jener Seite kommen, überhaupt unwerth, in Betracht gezogen zu werden, andererseits haben wirklich gcsetzcstrcuc Juden nur selten eine Anstellung in Preußen erhalten; die Juden, welche eine solche fanden, hatten meistens ihre Religion zum Opfer gebracht — so machte uns dagegen der unerwartete SukkurS desto mehr stutzen. Wir wurden zweifelhaft, ob das Projekt noch ehr- und diskutirbar sei, nun es von jenen Biedermännern unterstützt und freundlichen AugcS betrachtet wurde; war doch die מצבה Anfangs ein hehrer Gottesaltar, dem מזבח gleich geachtet, bis sie durch ihre Ausnahme in den Kultus des Götzendienstes zum Abscheu in den Augen Gottes wurde. Erst ein trüber und betrübender Vorfall, der jedes jüdische Herz mit tiefer Trauer und nicderdrückendcr Wehmnth zu erfüllen geeignet ist, machte unserem Schwanken und Zweifeln ein Ende, mahnte uns von Neuem an unsere Pflicht. An einem preußischen Gymnasium — wir verschweigen auS Gründen privater Natur sämmtliche Namen — hat ein jüdischer Abiturient, der Sohn streng frommer und braver Eltern, der selbst während der ganzen Dauer seiner Schulzeit jeden חלול שבת vermieden hat, beim Examen der Versuchung nicht zu widerstehen vermocht und hat am Samstage geschrieben. Und wir dürfen über diesen Schwächling nicht ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen, wie in so vielen anderen Fällen. Man vergegenwärtige sich die Lage eines solchen Menschen, der eine und dieselbe Anstalt von Jugend auf besucht und gerechteste Hoffnung auf Bestehen bei der Prüfung hat, der nun nicht allein das eine Semester verlieren muß, sondern im besten Falle an einer andern Anstalt, welche er nun aufsuchen müßte, die Prüfung knapp bestehen wird, der zu Allem materiell so gestellt ist, daß er durchaus keine Zeit zu verlieren hat; man vergegenwärtige sich alles Dieses und ziehe daraus die Schlüffe. Nicht als ob wir dadurch eine Sünde gerechtfertigt fänden -7heißt es doch: ואהבת ובו״ בבל נפשך ובבל מאודך; aber wir beten jeden Morgen zu Gott אל תביאני לידי גפיון, und daß unser Fall eine schwere bittere Versuchung enthält, kann Niemand leugnen. Sollen aber solche trüben Erfahrungen uns nicht endlich aufrütteln? Dann sind wir nicht besser als ein Bruder, der mit gekreuzten Armen der Ermordung des Bruders zuschaut, trotz des Gebotes לא תעמד על

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