Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1885)
- Article
- Am Gedächtnistage der Schöpfung
- Date
- 1885-09-09
- Page
- 578 (sequence 2)
- Language
- German
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578 für daS weitere Glück des Gefeierten. Nun, der heutige Tag ist dem Entstehen dcö Weltalls geweiht, wiederum hat die Erde, hat die Menschenwelt ein Jahr ihres Daseins znrückgelegt, — wohl blicken wir heute, am gemeinsamen Geburtstage der Welt und Menschheit, mit begehrlichen Blicken zum Allvater empor, er möchte als Festesgeschenk uns all die Gaben bieten, welche wir für nothwcndig halten zu unfern! Glücke und für das Wohlergehen der Unfern. Haben wir den Tag aber nicht einseitig aufgcfaßt, wenn wir in ihm weiter nichts, als eine Gelegenheit begrüßen, dem Ewigen in geeigneter Gnadenstunde unsere Wünsche auszusprechen? Wohl, so antwortet er uns, ״ חיום חרת עולםHeute ist der Geburtstag der Welt," einst habe ich an diesem Tage aus dem Nichts alles Bestehende hervorgerufcn, ״die Welt und was sie füllet, die Erde und ihre Bewohner;" nun aber frage ich die Welt, das Werk meiner Hände: ״WaS bist Du geworden, seitdem Du auf mein Wort entstanden? Um fortzuwirken habe ich Dich hcrvorgcbracht — und wenn nun Jahr auf Jahr verstreicht, wenn die Wiederkehr dieses Tages schließlich ein Vergehen von Jahrtausenden seit jenem ersten Tage kennzeichnet — hast Du die Früchte getragen, welche mir angenehm sind, ehe Du von mir cm dem Tage Deiner Geburt besondere Gnade erbitten kannst? ״ היום יעמיד במשפט כל ייצורי עולכיםDarum ist das der geeignete Tag, Gericht zu halten über alle Geschöpfe der Welt." Mit Stolz könnte heute die Menschheit antworten: Ja, Ewiger, ich verdiene Deine Gnade! Ich habe Deine Welt umgestaltet, die Wüste habe ich weichen lassen vor dem fruchtbaren Boden, ich habe das Unkraut ausgerodet, ich habe die Pflanzen geordnet und sie nutzbar gemacht, durch mich sind Berge durchstochen, unwegsame Felsen zum gebahnten Wege geworden, über das Meer hat mein Fahrzeug den Weg gebahnt, mein feuriges Flügelroß durcheilt mit Blitzesschnelle die Lande, und meine Worte durchfliegen die Welt mit der Eile des Gedankens. So habe ich mich des Schöpfers würdig gezeigt, und Du wirst mir Deine Gnade nicht vorenthalten!" — ״Wenn Du nun an Allem gebessert und Deinen Geist mit der Kunde der Welt bereichert hast," erwidert der Ewige, ״hast Du nicht vergessen, daß der Mensch selbst die Krone meiner Werke ist? Hast Du, seitdem Du die Erde betreten, gebessert an Deinen! eigenen Innern, bist Du wirklich um so viel colcr geworden, je mehr Du die Kräfte der Welt Dir unterworfen hast? Sind jene Lhierischcn Eigenschaften, schrankenlose Selbstsucht im Daseinskämpfe und niedere Genußsucht, im Laufe der Jahrtausende aus Deiner Mitte gewichen, ja, haben sie sich auch nur gemindert, oder haften sie noch an Dir und haben nur bei bedeutenderen Mitteln an Ausdchnung gewonnen? Sind da trotz der äußeren Fortschritte Dir die Mängel der rohsten Urzeit nicht geblieben? Worauf, o Menschheit, willst Du stolz sein, auf welche Erfolge willst Du mich Hinweisen, wenn Ihr Euch heute noch in meinem Namen befehdet, in tneinem Nainen Euch Luft und Licht beengt, in meinem Namen die Waffen der List und der Gewalt gegen einander anwendet. — womit willst Du Dich brüsten am Erinnernngstage Deiner Geburt, welche Gnade willst Du auf diesem Wege von ulir erzwingen? Wenn Du die Welt verbesserst, wandle Dich selbst zuni Edlen um, o Mensch, damit nach beendetem Kreise der Monde Du mir näher gekommen seist!" Und wenn heute der Ewige an Israel selbst die Frage richtet, ״hast Du den Schopharton des Jahrhunderts, hast Du meine in den Ereignissen sich kundgebende Richterstimme vernommen, verstanden und in Selbstprüfung beherzigt," müssen wir dann nicht beschämt die Augen Niederschlagen? II. Ja, der Mensch ist der Zweck und die Krone der Schöpfung, ihn allein prüft der Ewige, wenn er zu Gerichte sitzt über seine Welt; an dem Steuermann erkennt er den Lauf des Fahrzeuges, an den Eigenschäften des Verwalters das diesem anvertraute Gut. Ist doch jeder Mensch selbst eine Welt, nicht weniger wunderbar, als das unendliche um uns sich ausbrcitende Weltall. Heben sich nicht himmelhoch Gedanken und Entwürfe des winzigen Erdensohnes? Leuchtet seine Weisheit nicht wie die Sonne? Tief mag daS Meer sein — aber das Senkblei vermag deren Ausdehnung zu ermessen: Wo aber ist das Werkzeug, womit der eine Mensch die Seele des Andern in ihren Tiefen erkunde? Wie die Wüste sich hier dehnt in der Welt, während dort der Gegensatz des fruchtbaren Bodens uns erfreut — so ist im Innern der Men scheu bru st in räthselhaster Weise die Härte und Selbstsucht mit der Güte, die Emschiedenheit mit der Schwäche gemischt. Naht dieser Tag heran, und wir wollen vor dem ewigen Richter unsere Empfindungen ergießen, wir wollen vor ihm klagen unseres fiustcren Schicksals willen, wir wollen ihn um eine Aenderung nusercs LooseS bitten — wir sind betroffen, daß wir uns nicht zurechtsindcn in der Welt, daß unsere Unternehmungen fehlgehen, daß selbst unser Glück kein Glück sei — dann wird er uns erwidern: ״Ihr wollt Euch znrechtfiuden in der räthselreichcn Außenwelt, Ihr wünscht, daß ich deren Gesetze zu Euren Gunsten ändere, daß ich das höchste Erdenglück Euch unverdient in den Schooß werfe?" Wie der heutige Tag mahnt an die Schöpfung jener äußern Welt, so müßt Ihr rufen: ״ היו□ חדה עולםHeute muß eine Neuschöpfung, eine Umwandlung der inneren Welt vor sich gehen,״ חיום יעמיד כמשפט ״Der Mensch selbst muß heute zu Gericht führen" ״ כל יצירי עולמיםalle