Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1885)
- Article
- Am Gedächtnistage der Schöpfung
- Date
- 1885-09-09
- Page
- 579 (sequence 3)
- Language
- German
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579 Geschöpfe dieser seiner inneren Welt," alle Gedanken, die emporgclancht sind auf dem Grunde der Seele, alle Wünsche, die sich geregt haben in der Gemüthswelt, alle Thaten, die hcrvorgegangen sind aus den Entschlüssen der Seele." Das sind eben die inneren Geschöpfe der GeistcSwclt, da ist der Mensch selbst Schöpfer und Bildner, von diesen Kindern seiner Seele hängt die Gestaltung seines Looses in der Außenwelt ab. Klagt so Mancher innerlich über die ihm mangelnde Achtung der Menschen, wendet er seinen Blick zur Höhe, der Ewige möchte ihn mit der Ehre beglücken — warum wendet er nicht vorher den Blick seiner inneren Welt zu, ob dort nicht Gedanken zu Thaten geworden, ob dort nicht Geschöpfe cmporgetaucht sind, die den Vater verklagen mußten in der Außenwelt? Wünscht so Mancher die Aendernng seines äußeren Looses, die Entfernung des ihn drückenden Mangels — warum sucht er nicht nach den Quellen dieses Mangels, nach dem unsteten und unentschiedenen Sinne in seinem Innern, nach dem Mangel an Thatkraft, der störend wirkt in seiner inneren Welt? Wünschst Du Frieden mit den Deinen, mit Deinen Mitmenschen — 0, so blicke doch nach den störenden Bcstandtheilen Deines Herzens, raunte dort die Unfriedlichkcit. die Hartnäckigkeit hinweg, die Dir jeden Augenblick in den Weg tritt. Nicht schmeicheln darfst Du diesen widerspenstigen Kindern Deines Geistes, lege kräftig umwandelnd und neubildend die Hand an Deine Seele, ihre Gegensätze vereine zu einem Ziele, suche da drinnen den Frieden herzustcllen, und es wird sich Dir der Weg in der Außenwelt bahnen. . Selbst der Dollkommnere in unserer Mitte wird diese Mahnung an sich nicht vorübergehen lassen; wie bei der Weltschöpfung der Ewige mit dem Lichte begann und immer Herrliche Wesen ans dem Ganzen emporsteigen ließ, so möge der Mensch sich nie am Ziele glauben, und mit seiner inneren Läuterung wird auch sein Glück sich erhöhen. III. ״ היום הרת עולםEinst entstand an diesem Tage die Welt," damit kann sich der Unglückliche an diesem Tage trösten. Warum verzweifeln au der Zukunft, und wäre der gestrige Tag noch so düster gewesen — kann sich heute die Welt für uns nicht erneuen, wie sie einst aus dem Nichts hcrvorgegangen? Lasset die Hoffnung einziehen in Euer Herz, wendet Euch, Ihr Bedrückten, neu dem Tageslichte zu, ermannet Euch zu neuem Wirken, nnd das Vergangene wird wie erloschen sein vor dem neuen Glück. Freilich haben wir uns auch da eine eingebildete Welt von thörichten Wünschen und eitlen Hoffnungen gebildet, von hochfliegenden Ansprüchen an das Glück und die Menschheit. Wie viel eingebildeter Kummer bedruckt uns nicht, und hindert nnS selbst dann, glücklich zu sein, wenn cö der Wille des Höchsten ist. Der Neid wird, so lange unser Nebeumcnsch noch etwas besitzt, uns nicht glücklich und zufrieden werden lassen; die Ehrsucht wird uns zum Grollen mit unserem Schicksale bringen, so lange sich nicht alle Menschen vor uns beugen; indem wir in Unselbständigkeit unser Glück stets auf andere Menschen gründen, rauben wir uns jede gesunde Grundlage des eigenen Wohlergehens. Hier auch heißt eS mit Recht: ״ היום הרת עולםDiese falsche und hohle Welt nichtiger Wünsche muß schwinden und etwas Anderes sich an ihrer Stelle bilden.היום יעמיד במשפט בל יצורי ״ ״ עולמיםHeut muß er unbarmherzig alle diese!sichtigen Wesen der Schcinwclt in'S Gericht führen," nicht den eigenen Täuschungen schmeicheln, nicht sie als liebgewordene Genossen hegen. Und wenn das Aufgeben so niaucher hochfticgendcu Wünsche auch Opfer ׳ kostet, wenn ein Thcil unseres Wesens auch mit ihnen zu schwinden scheint — wollen wir zögern, uns selbst zu verwunden, bis die Erfahrungen der Außenwelt sich uns iinmer herber nähern? Haben wir diese störenden Bcstandthcile entfernt, dann ist die Scheidewand gefallen, die uns von dem beglückenden Schöpfer trennt, dann erst kann er uns beglücken und unseres Dankes und unserer Zufriedenheit gewärtig sein. Wenn wir die Nebel zu zerstreuen unö beniühcu, die uujern Blick uiufloren, dann werden auch jene Wolken sich verlieren, die unfern Lebcnshimmel in Wirklichkeit verschleiern. Wandelbar sind die Verhältnisse der Welt, die Freude schwindet, aber auch der Schmerz — uns bleibt nur, uns zu wappnen und zu sichern gegen die Wcchselfälle des Lebens, damit wir von bösen Zufällen nicht betroffen, durch das Glück nicht übermüthig gemacht, sondern doppelt erfreut werden. Haben wir in diesem Sinne die Innenwelt erneuert, dann wird uns der Ewige das Gleiche da draußen thun. So ost dieser Tag wiedcrkehrt, wird er unS dann vollkommener finden, wie sich ja auch die Außen- Welt immer herrlicher gestaltet. So mahnt uns der SchöpfnngStag zur Selbstprüfung, aus erträumtem Glücke sollen wir uns zu echter Lebensfreude, aus hochflicgendcn Ansprüchen zu wahrhaft weisen Lebenswünschen erheben, aus unserer engen Selbstsucht uns emporraffen zur Uncigennützigkeit und Menschenliebe, die Einflüsse im Leben mögen wir aussuchcn, die uns dahin fördern, dann wird dieser Tag stets seine reinigende Kraft an uns zeigen.