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Jeschurun · 1885-07-30 · Heft 31 (30.7.1885) · p. 482

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 31 (30.7.1885)
Article
Der wahre Gottesdienst
Date
1885-07-30
Page
482 (sequence 2)
Language
German
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482 Der verhängnisvollste und in diesen Kreisen verbreiteste Irrthum ist aber die Ansicht, daß das jüdische Ncligionsgesetz es mit seinen die Handlungen regelnden Borschristen eigentlich gar nicht so ernst nehme, daß cs ihm vielmehr völlig genüge, eine gewisse humane und löbliche Gesinnung erweckt zu haben, ein gewisses religiöses Gefühl, welches an einigen besonders auserlesenen Tagen oder bei besonders ausgezeichneten Veranlassungen nach einem gewissen feierlichen Ausdruck ringe. So hat sich denn in gewissen Kreisen die Anschaumig herausgebildet, daß das eigentliche jüdische Gesetz, insofern es nicht der heute allgemein an« erkannten Mora! als Gemeingut der Zivilisation erscheint, fast ganz gegenstandslos geworden ist, namentlich für die sogenannten gebildeten, durch angesehene bürgerlichc Stellung ausgezeichneten Kreise. Daß der Jude als Künstler, Jurist, Arzt, Professor, Politiker, Großindustrieller, Großhändler u. dergl. m. noch gewissenhaft aus die Beobachtung der Gesetze übcr Sabbath, Nahrung, Kleidung u. s. w. halten könnte, halten sollte, däucht eine zu belächelnde Thorheit. Für so illüstre Personen gilt es vielmehr schon als Kennzeichen einer überaus frommen, acht jüdischen That, wenn sie sich öffentlich als Juden bekennen, und wenn sic gar an einigen Tagen des Jahreö ohne zu gähnen einer langathmigeu Predigt des Herrn Rabbiners anwohnen und über den Vortrag des Kantors sich lobend aussprechen, dann sind sie ein Ausbund von jüdischer Frömmigkeit. Haben sie aber noch einige besondere religiöse Gepflogcnheiten, z. B. Mcsusoth oder dergleichen, dann rühmt man durch alle Lande ihre erhabene jüdische Treue. Treten sie überdies an die Spitze gewisser wohlthätiger Bestrebungen, dann werden sie als die leuchtenden Vorbilder Israels verhimmelt. Daß diese .,wahren", ״echten", ״treuen^-, ״für das Judenthum erglühenden" Spitzen und Häupter fortwährend das Gesetz des JudenthumS mißachten und verletzen, daS hindert ihrem Ruhme als ״Stolz Israels״ nicht im geringsten. Die jüdische Gesinnung, das jüdische Herz, das ist die Hauptsache, und wer nach der jüdischen That in dem Sinne der Ucbcrcinstimmung des thätigen und genießenden Lebens mit dem Judenthum fragt, der wird als Fanatiker verschrieen. Und doch ist eS eine nicht zu leugnende Thatsache. daß Gott die Arbeit an! Sabbath verboten, die Gesetze über animalische Nahrung vorgeschrieben, die Mischung ' von Wolle und Flachs zur Kleidung untersagt u. s. w., und doch wird man nicht den einen treuen Diener seines Herrn und Königs nennen wollen, der des Königs Gebot nicht achtet, und den nicht einen gehorsamen Sohn, der des Vaters ausgesprochenem Willen zuwiderhandelt. Ja, diese'Verirrung geht sogar so weit, daß vor nicht allzu ferner Zeit unter der Acgide einer emflußreichen und nach der Führerschaft in ganz Deutschland strebenden Körperschaft dem gesammten Israel ohne jegliche Begründung zugemuthet werden konnte, für den norntrlcn Unterricht in der jüdischen Religion alle diese ganz spezifisch jüdischen Religionsgesetze einfach auszumerzen, so daß das kommende Geschlecht von ihnen gar keine Kenntniß mehr empsangen und die große Lüge verewigt werden sollte, daß das Judenthnm gar nicht mehr von seinen Bekeunern verlange, als Gottesfurcht und Meuscheuliebe nach den Anschauungen blinder Staubgeborener. Wohl bilden Gottesfurcht und Menschenliebe, im rechten Sinne erfaßt und bethätigt, den Inhalt des JudenthumS, ja dessen eigentlichste Ausgabe ist keine andere, als die rechte Gottesfurcht und die rechte Menschenliebe in den Kreis der Menschheit einzuführen. Aber ebenso wahr ist es auch, daß das Judenthum eine Gottesfurcht, welche nur mit den Lippen bekannt wird, und eine Menschenliebe, die an dem eigenen Vortheil in die Brüche geht, nicht als die von ihm verlangte Gottesfurcht und Menschenliebe anerkennt. Das Judenthum verlangt die Unterwerfung des ganzen Menschen- Wesens und aller durch die Menschen auf Erden zu gestaltenden Verhältnisse unter den Willen Gottes, verlangt von dem Juden, den: von Gott mit dem Priester- und Heroldsamte für die Verkündigung und Verbreitung dieser Gottesfurcht Bestellten, den striktesten Gehorsam für-die Erfüllung der ihm besonders wegen dieses erhabenen Berufs und zur Vollführung desselben ertheilten Gebote. ״Und nun, Israel, was fordert Gott, dein Gott von dir? Nichts als Gott, deinen Gott zu fürchten: in allen seinen Wegen zu wandeln und ihn zu lieben und Gott, deinem Gott zu dienen mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, die Gebote Gottes und seine Gesetze zu hüten, die ich dir heute gebiete zu deinem eigenen Besten." Also lautet (5.-B. M., K. 10, B. 12, 13) die jüdische Aufgabe, welche nichts anderes ist, als die wahrhafte Bcthätignng der wahrhastigen Gottesfurcht. Gott fürchten heißt: in allen seinen Wegen wandeln, die volle Einsetzung des ganzen McnscheuwesenS uugctheilt zur Vollführung der Aufgabe, die Gott gestellt, die genaueste Jnnehaltuug der Pfade, die er gewiesen, ohne Abirrcn, ohne Aufenthalt, den Sphären gleich, die nicht abweichcn von der ihnen gezogenen Bahn. Gott fürchten heißt: Gott lieben, sich durchaus und ausschließlich als Gottes Geschöpf nicht nur zu begreifen, sondern einen jeden Moment des Daseins, ein jedes Fünkchen Kraft als Geschenk seiner Liebe empfangen und sich Ihm zu weihen £nU allem was wir sind und erstreben. Gott fürchten heißt: Gott dienen, nicht in den Tempeln mit andächtiger Rührung,

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