Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1885)
- Article
- Der wahre Gottesdienst
- Date
- 1885-07-30
- Page
- 483 (sequence 3)
- Language
- German
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483 mit Hymnen und Chören, sondern ihm dienen mit ganzem Herzen und ganzer Seele, d. h. mit allen unseren Anlagen und Reizen, mit unserm ganzen, ungetheilten Wesen. Gott furchten heißt: die Gebote Gottes und seine Gesetze zu hüten, vollbringen was er uns geheißen, erfüllen die Gebote, die er uns am Sinai gegeben, alle ausnahmslos. Und aus dieser Gottesfurcht entspringt die Menschenliebe, wie Gott sie geübt wissen will: ואהבת לרעך כמוך אני ד׳. In jedem Menschen den Nächsten zu erkennen, den gleichberechtigten Genossen, dessen Wohl zu fördern uns von Gott geboten, dessen Freude unser Herz erfreut, dessen Schmerz unser Herz bewegt, dem wir unsere Kraft und Vermögen zur Verfügung zu halten haben nach den Satzungen der thätigcn Liebe, welche Gott uns in seiner Lehre geboten. O, daß diese Erkcnntniß endlich einzöge in alle Kreise des Stammes, dessen Ahnen am flammenden Choreb der Offenbarung des göttlichen Gesetzes gewürdigt worden, zu dessen Vätern MoseS seine erhabenen Mahnungen gesprochen, jenes große Vcrmächtniß des größten Mannes an alle Geschlechter seines Volkes. DaS Judenthum ist nicht das Bekcnntniß eines von Staubgeborncn erzeugten Glaubens über Gott, es ist das Gesetz Gottes für das Denken und Thun der Menschen während ihrer hicniedigen Pilgerschast. Gott dienen heißt: Seine Gebote erfüllen —das ist leider noch nicht zur allgemeinen Anerkennung und Bcthätignng gelangt. BmerkmUn;!! den NerhaMmM 1i!td MWffm der 10f)lm!errtf«l!1ng!n Kerlm. (Fortsetzung aus Nr. 29.) Herr Dr. Vogelstein meint, es wäre traurig, wenn man eine so äußerst wichtige Angelegenheit, die jeden Juden beschäftigt, insbesondere jeden Rabbiner, nicht verhandeln könnte, ohne dem Gewissen des Einen oder deS Andern zu nahe zu treten oder sein Gefühl zu verletzen. Wir sind dagegen der positiven Ansicht, daß dieses sehr traurig ist. Das Nebel der Gegenwart wurzelt wesentlich darin, daß dem Einen heilig ist, was der Andere belächelt; vor Allem aber, daß häufig Männer an die Spitze der ׳Gemeinden als Führer und Lehrer getreten sind, sich Rabbiner nennen und als solche von den bethörten Gemeinden angesehen werden, welche dieses Führer- und Lehreramts weder fähig noch würdig sind. Nicht fähig, weil sie des Weges unkundig sind, auf welchem sie die Gemeinden geleiten sollen, weil sie den Zweifel im Busen tragen, ob denn auch in Wirklichkeit das Iudenthum mit allen seinen Lehren und Gesetzen göttlich, heilig, unantastbar und zu unverbrüchlichem Gehorsam ewig verpflichtend ist, — nicht würdig, weil sie das Gesetz selbst nicht erfüllen, weil die Diener der Religion, wie sic sich so gern nennen, in der Treue schwankend und oft die ersten Verächter der Religion sind, die sie lehren und predigen. Die jüdische Geschichte hat wenig traurigere Momente aufzubcwahren, als die Zeitdauer der Rabbinerversammlnng, in welcher der Referent über die ״Mittel zur Hebung deS religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts״ seinen ״geehrten Amtsbrüdcrn" zuruft: ״cS ist richtig,! jeder Ei uze ln c von uns kann ja nach seinem Parteistandpunkt noch andere Mittel" finden; ״es kann auch sehr leicht möglich sein, daß das, was dem Einen förderlich erscheint, von dem Andern gerade als hinderlich und zweckwidrig bezeichnet wird." Also so uneinig wissen sich die 66 Herren,! die am 4. und 5. Juni 1684 in Berlin tagten, daß? sie über Ziel und Zweck ihres eigentlichen Lehrberufs so im Unklaren sich befinden, daß ״die Schwierigkeiten", einige thcils unbedeutende, thcils selbstverständliche Sätze zu vereinbaren, ״sehr große waren" und der Referent zum Schlüsse seines recht wehmüthigen und dcmüthigendcn Referats ״demüthig ein gesteht", daß er und seine Mitarbeiter ״sie nicht alle überwinden konnten". Wenn er deshalb meint: ״wenn wir auch keine Heilung schaffen können, so doch Linderung, wenn kein Arzt da ist, so doch Jemand ״der Balsam auf die Wunde legt," und wenn diese Rede des ״lebhaften Beifalls" der Versammlung sich zu erfreuen hatte, so haben er und seine geehrten Amtsbrüder unzweifelhaft bekundet, daß sie den Sitz der Krankheit nicht zu erkennen fähig sind, so haben sie nicht nur! keinen Balsam für die Wunde gebracht, sondern die Wunde aufgerissen. Gicbt es eine größere Widersinnigkeit, als von Krankheiten und Wunden zu reden, die man heilen oder lindern will, über deren Heilung oder Linderung sich 68 approbirte Heilkünftlcr zu einem Konzil zusammenfinden, ohne das Wesen der Krankheit erörtern zu wollen, vielmehr als hauptsächlichste Maxime die Erörterung über das Wesen der Krankheit durchaus von der Berathung auSschlicßen? Welcher Sinn und Verstand liegt darin, wenn man eS als ein Lob, als eine Bekundung der Gewissenhaftigkeit, der Loyalität bezeichnet, daß man von der Krankheit nur als einer unbekannten Potenz redet, die Gott behüte nicht näher dcsiuirt werden darf? Waö ist ״der gute Zweck", für welchen diese unfaßbare Marime aufgestellt wurde, von welchem Herr Vogelstein redet? ES ist eitel Spiegelfechterei und Phrasendunst, das Volk zu täuschen über die Zerfahrenheit der An-