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Jeschurun · 1885-07-16 · Heft 29 (16.7.1885) · p. 458

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 29 (16.7.1885)
Article
Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
Date
1885-07-16
Page
458 (sequence 2)
Language
German
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״liihr war. Herr Stöcker sagt bei solchen Anlässen, daß er in gutem Glauben gehandelt und seine MiUh?il!1ngen aus Streit, jchrrften re. entnommen habe. Das sei ja aber gerade das Bedanernswerthe und Berwerslichc in dem Auftreten dieses Mannes, daß er, anstatt au der Quelle zu studiren. seine apodiktisch hingeivorfenen Behauptungen ans oberflächlicherLektüre einzelner Flugschriften dasirt. Wie subjektiv Herr Stöcker ist, beweist wohl seine Behauptung, daß die ״Staatsbürger Zeitung" ein Liberales Blatt sei. Die Unwahrhastigleit des Herrn Stöcker gegenüber den Vorgängen ans der Eisenacher Kirchenkonferenz sei klipp und klar erwiesen. Herr Stöcker hat behauptet, daß er sich an den ״Verhandlungen" (nicht an der ״Diskussion") mit keinem Worte betheiligt habe und es wird ihm nachgrwiesen, daß er i» einem kritischen Augenblicke, wo ein junger Geistsicher, der Pfarrer Zink, GewisseuSbisie hatte, mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit den Ansschlag mit der Bemerkung gegeben hat! ״Wir verlangen in Jena nur unser gutes Recht." Wer darin nicht eine Theilnahme an der ״Verhandlung" erblicken will, der hat von der parlamentarischen Art de? Pro;?- dircnS keine rechte Vorstellung. Herr Superintendent Braasch, ein Mann der ernsten, gewissenhaften theologischen Forschung, der den würdigsten Eindruck gemacht, dafür aber sofort von Herrn Stöcker in nngezogen-höhnender Weise behandelt worden ist, hat gesagt: Diese Behauptung des Zeugen Stöcker habe dem Fasse den Boden ansgeschlagen. Ich glaube, jeder Unvarteiische wird dieses sittliche Verdikt unterschreiben. Eine entschiedene Unwahrhaftigkeit tritt bei dem Experiment zu Tage, welches Herr Stöcker mit dem Schneider Grüuebcrg anstellte, als er ihm da« etwas bedenkliche nur von genügend vorgcbildeten Leuten ohne Gefahr zu lesende Todt'sche Buch in die Hand drückte. Ich behaupte, daß Herr Stöcker, der sehr wohl wußte, daß er einem bisherigen Anhänger der Sazialdemolratie nicht mit Traktätchen kommen könne, sondern ihm ein anderes Futter vorsetzen müsse, dem Grüneberg mit guter Absicht gerade daS radikale Buch in dis Hand gedrückt hat, und ein Mann, der so etwas thnt, der einem Manne, welcher das ״Mir" und ״Mich" fast »tzstcrnatisch verwechselt, ein solches Buch als Studium in die Hand gicbt, der begeht damit einen Akt der gröbsten Unwahrhaftigkeit: er beweist damit, daß er zwar äußerlich gern sich daß Mäntelchen monarchischer Treue umhängt, damit cs aber auch recht warm hält, sich aber auch ein radikales Unterfutter besorgt. Vollständig erwiesen seien aber auch die Be- Hauptungen über die Verwendung der WohlthätigkeitSgclder zu Agitaüonszweckcn. Eine sehr hohe Dame habe in ihrer bekannten unbegrenzten Menschenfreundlichkeit eine Summe zur Unterstützung Armer gespendet und man könne wohl annehmen, daß es nicht im Sinne der Spenderin, welche im stillen Wshlthun ihre Befriedigung sucht, lag, daß diese Gelder zu geräuschvollen Festen verwendet wurden. Die Thatsache, daß bei dieser Ge. lcgenheit der Grüncberg den Toast auf den Kaiser ausbringeu sollte, ״damit Sr. Majestät gesagt werden könne, ein Sozialdemokrat habe aus ihn den ersten Toast auSarbracht", zeige recht deutlich, daß es Herrn Stöcker nur daraus ankam, vor aller Welt zu sager: ״Seht, so weit sind meine erziehlichen Resultate schon gediehen!" Durch alle künstlichen Deduktionen und Ausflüchte laste sich ferner auch nicht die nackte Thaisache aus der Welt schafft«, Laß eine Summe, die zur Begründung eines JnvalidenhanscS hergegeben worden war, nicht mehr da ist und an ihrer Stelle ein Schuldschein liegt, weicher besagt, daß dieses Geld zinsfrei fortgcgeben ist- Ein Zeichen der Unwahrhastigkeil des Stöcker ist ferner seine sittliche Entrüstung über die angebliche geringe sittliche Jntaltheit der liberalen Zeitnug-Sredaktcurr und die Thatsache, daß auf der ersten Seite der Liste feiner eigenen Preß-Trabanten -״ der bestrafte Herr Löschmau und ans der zweiten der bisherige Portier Aschenbrenner sicht. Redner geht daun auf die Vorgänge bezüglich' der Unterschrift unter die Antrftmilerrpetition sehr genau ein und hebt sowohl diese Vorgänge wie auch die Behauptungen bezüglich des .,Tanzes um daS goldene Kalb" als pieces de rcsistance hervor, als Signatur der unbegrenzten Nnwahrhastigkeit des Zeugen, als klassische Zeugnisse für den wahren Charakter dieses Mannes. Acutzerst signinka'nt sei auch daS Auftreten des Herrn Stöcker seinen! Amtsbruder Witte gegenüber. Es ist fest ge stellt, daß Herr Stöcker Herrn Grüneberg so als eine Art Bravo gedungen hat, nur rhu gegen seinen Amtsbruder ins Feld zu führen, falls er ihn in seinen Kreisen stören würde. Wer einen solchen Mann zu solchen Zwecken dingt, nicht nur gegen einen fremden Mann, sondern gegen seinen eigenen Amtsbruder, der verliert jeden Anspruch, das; man ihn noch in Zukunft für einen offenen, wahrhaftigen Mann hält. Die beiden Herren haben sich inzwischen wieder geeinigt und öffentlich erklärt, daß sie in christsicher Liebe die Vereinigung gefunden haben. DaS ändert aber an der Sachlage nichts. Wer sich an der Moral öffentlich versündigt, der bleibt Angeklagter, selbst wenn er sich nachher reinwaschen möchte. Für Herrn Prediger Witte ist eS nur ehren voll, daß er trotz der Vorkommnisse die christliche Liebe gegen Herrn Stöcker walten läßt; ihn erhebt diese nachträgliche Ein!- gnng, Herrn Stöcker aber erniedrigt sie. — Damit seien die Momente, welche die Beweise von der absoluten Unwahrhaftigkeit des Herrn Stöcker cnhalten, im Allgemeinen gestreift, keines׳ wegs aber erschöpft; die Vertheidigung begnüge sich damit, durch diese kleinen Mosaiksteine ein für alle Zeiten ausdauerndes Bild des Königlichen Hof- und Domprcdigers, des edlen WahrheitS» mannes, des von fortgesetzten Jrrthümern gepeinigten TalarträgerS Stöcker festzulegen. 2m Uebrigen nimmt die Berthe'!- theidigung für den Angeklagten den Schutz deS § 193 in Anspruch und verweist auf die unglaublich niedrigen Ausdrücke, welche der Hofprediger in seinem Kampfe gegen die liberale Presse mit einer wahren Wollust auzuwenden Pflegt. Die vom Staatsanwalt vorgeschlagene Strafe erscheint nach alledem ganz exorbitant. Erwägen Sic, hoher Gerichtshof, die Zeit, in welcher die Artikel geschrieben sind, erwägen Sie die ^Aufreizung der liberalen Preffe durch den Zeugen und richten Sie Ihr Urthc:l dahin ein, daß Jeder, der eö liest, sagt: Der Angeklagte ist ver׳- nrtheilt, Herr Stöcker aber ist gerichtet. Nach kurzer Replick und Dublik nimmt Ne-chtsanwalt Mnnkek das Wort zu feinem Plaidouer. Ich sehe den Zeugen Herr» Stöcker nicht mehr in diesem Saale: es thnt mir sehr leid, weil möglicherweise doch noch eine Frage im Laufe der Plaidoyers an den Herrn Zeugen nöthig werden möchte. — Präsident: 2)c Herr Staatsanwalt hat mich fragen kaffen, ob ich gegen dir Entfernung des Herrn Zeugen Stöcker etwas einzuwenden hättet ich habe ihm crwiedert, daß von meiner Seite dem Nichts entgegensteht. — Rechtsanwalt Munckel: Dann nehme ich an. daß der Herr Stöcker nunmehr denjenigen Respekt vor der Vertheidigung erlangt bat, den wir vorher an ihm vermissen zu müssen glaubten. Die Lage, in der!vir. heute alle gekommen sind, nämlich wer: weniger von den! Ängeklagren zu Horen, als von dem H<rnptze!!t-cn, ist sehr bezeichnend und auch der Herr Borsitzende, der doch den heutigen Verlauf nicht vorahnen konnte, nannte im Eingänge die Sache eine Stöcker'sche und keine Backer'sche. Das ist sic in der That, m. H. ich glaube nicht, daß sich dies damals voraussehcn lies. Es läßt sich allerdings voraussehen, es wird diesr Backer'sche oder Stöcker'sche Sache mit einer Vcrnrthcilung des Bäcker enden müssen, denn ich Lin selbst der Meinung, daß gegen die Anwendung des § 185 sich nichts wird Vorbringen lassen. Ich rechne dahin nicht auch die großesten Reizungen, welche gegen die liberale Preffe ösransgegangen sein mögen. 'Denn ich habe cs immer so gehalten, man soll nicht ans die Kampfesweise des Gegners herabfteigen, wenn er mit unwürdigen Mitteln angrcist. Daß solche unwürdige Mittel anZLwende: worden sind, nnrneurlich im Wahlkampfe von 1881,

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