Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-07-16
- Page
- 452 (sequence 2)
- Language
- German
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452 Versammlung keine HiSkiaS und EsraS anfwcift, liegt j nur daran, daß die Anwesenden noch unter den Lebenden! weiten; die späte Nachwelt wird aber ganz bestimmt die Jan!uS, KnSznitzki, Maybaum, Fried, Lcwingcr! u. s. w. u. s. w. in einem Al hem mit Hislia, Esra und! Rabbi Jochanan den Sakkai nennen. Jene besitzen für unsere Zeit dieselben Pflichten und Rechte wie Diese und können deshalb nur frisch und unverzagt das ihnen lNutdünkende beschließen, cinsührcn und abändern. DaS Rcformprogramm ist fix und fertig so Zweifelsohne und reinlich konstruirt, wie man es gar nicht besser machen kann. Die unweistn Orthodoren schütteln freilich dazu daS Haupt und meinen, daß eine jede rcligionSgcsctzlichc Autorität nur auf dem Boden der Anerkennung des ganzen Gesetzes sich zn bewegen habe und durch Gewissenhaftigkeit in Gesinnung und That und durch GcsctzcSkunde befähigt sein müsse. Sie habe lediglich auf Grund der gesetzlich feststehenden Normen zu handeln, sic besitze aber nicht ״das Recht" irgend etwas aufzuhebcn oder zu verändern, was von einer vorangegangenen Autorität angeordnet worden. Eine Autorität, welche sich über das Gesetz stelle, dasselbe nicht voll und ganz anerkenne, cs in Gesinnung oder That verleugne, gäbe eS aber nicht — und das יפתה בדורו כשמואל בדורו wolle nur bedeuten, auch der gcrittgern spätcrn Autorität, welche, wie oben angedentct, als solche zu betrachten sei, habe die Zcitgeuossenschast für ihre auf Grund des tradirtcn Gesetzes getroffenen An- Ordnungen Gehorsam zu leisten, wie die frühere den damaligen, die gegenwärtigen an Größe überragenden Lehrern und Führern. Wenn wir in der Rede des Präsidenten der Versammlung, Herrn Joel, die staunenswerthc Gewandtheit bewundert haben, den durchaus parteilosen Charakter derselben zu proklantircn und sofort das Reform- Programm in opt.imn fonaa zu entwickeln, so gewährt des Herrn Or. Vogel stein-Stettin Rede'einen intercssanten und höchst instruktiven Einblick in die geheime Werkstatt des schaffenden Geistes der eimnüthig versammelten Herren. Herrn Vogelstein war-die ״ungeheuer schwierige" Aufgabe zu Theil geworden, über den zweiten Punkt der Tagesordnung: .,Hebung des religiösen Sinnes und Förderung des Religions-Unterrichts" zu refcrircn, ein Problem, dessen Lösung, nach der Lersichcrung des Redners, sie Alle unansgcsetzt beschäftigt. Ergreifend schildert Dr. Vogclstcin, wie allen den ״hochwürdigen Kollegen" diese ״wichtige Frage" dergestalt am Herzen liegt, daß, wo zwei sich einander begegnen, dem Austausch des BruderkusscS sofort die gegenseitige Frage einander entgegcntönt: Herzensbruder, wie hebst du denn den religiösen Sinn, wie förderst du denn den Religions-Unterricht? — 0 sprich, daß mein ״dekümmertes Herz" Erleichterung und mein betrübtes Gemüth Trost sin de! Es sei deshalb unmöglich, der großen Versammlung von Amtsbrüdern etwas Neues zn bieten, und er hätte cs doch gar zn gern gcthan und deswegen keine Mühe gescheut. Er habe sich au verschiedene Herren gewandt, um etwas ,;u erfahren. Da sei er aber schön augekommen. Der Eine autwortete: ja, wenn ich das Gcheiumiß wüßte, Lieber, dann hätte ich es längst der Welt kundgethan, der Andere: wissen Sie, wie Sie mir Vorkommen, Bester? Wie Jemand, der die Preisfrage lösen will: wie br scitigt man die Armnth? Aber Beharrlichkeit führt znm Ziele, und so ist es ihm denn gelungen, ein verdienstvolles Werk zu Stande zn bringen, so daß der Versammlung die ״geschäftliche Behandlung" des ״ungeheucrn Themas״ erleichtert sei. Ja, cs wäre ein recht saures Stück Arbeit gewesen, das sollten die geehrten Herren Kollegen srcundlichst berücksichtigen. Man denke sich doch nur einmal die höchst schwierige Situation! — Es waren nach zwei Seiten Schranken errichtet, die man nicht durchbrechen wollte und durfte, ohne, Gott behüte! den Vorwurf einer illoyalen HandlungSweise auf sich zu laden. Diese Schranken trugen sowohl rechts wie links die warnende Inschrift: Jeder religiöse Diffcrenzpunkt soll ausgeschlossen bleiben. Nun kann sich jeder leicht vorstellen, wie eng der Pfad begrenzt ist, auf welchem man sich bewegen mußte! Aber damit noch lange nicht genug. Außer dieser festen Barriere rechts und links waren auf der Bahn selbst so viele Gräben, Hecken und Hindernisse von mancherlei Gestalt und Größe angebracht, daß man hätte schier verzweifeln können. Diese nennen sich a. thatsächlichc Verhältnisse, b. Widerspruch bei den Gemeinden, c. Widerspruch bei den Gemeinde- Vertretungen, d. Stellung der Rabbiner, 6. religiöse Grundsätze, f. politische Grundsätze. Es gruselt Einen förmlich, wenn man sich diese überaus schwierige und gefährliche Lage vor Augen führt. Wird der Kühne, der den gefahrvollen Gang wagt, glücklich dnrchkommen? Wird er sich nicht den Kopf zerschellen an den Barrieren, wird sein Fuß nicht in den Hecken verstrickt werden, wird er die Gräben und Hindernisse alle zn nehmen wissen? So fragt das bange Herz ahnungsschwer, und nian athmct wahrhaft erleichtert aus, endlich die frohe Kunde zn vernehmen: es ist uns wohl einigermaßen gelungen! Nachden! wir diese Versicherung endlich gehört haben, gestatten wir uns eine kleine Pause, um uns von der Angst und Sorge zu erholen, welche wir wegen der uns so anschaulich vor die Seele geführten Gefahren, in die sich Or. Vogelstein mit wenigen Kühnen gestürzt, auSgestanden haben. Nein, so gefährlich haben wir uns die Sache nicht gedacht, und da sicht mau denn doch, wie un׳ erfahren und unklug unsereins im Grunde ist. Ein