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Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 434

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Die jüdischen Erinnerungstage
Date
1885-07-09
Page
434 (sequence 2)
Language
German
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434 lagen ganz und gar zu vergessen? Warum ziehen wir nicht einen dichten Schleier über jene rühmlosen Epochen, in denen sich unsere Nationalkraft verblutete und Tod und Verderben die Besten und Edelsten unseres Volkes hingerasft? Die Beantwortung dieser Frage scheint mir in Folgendem zu liegen. Wenn nämlich die Völker die Siege ihrer Vergangeheit festlich feiern, so verbinden sie damit die nicht unedle Absicht, dem Muthe, der Stärke und dem Heldensinne ihrer Vorfahren ein dankbares Angedenken zu sichern, auf daß die Gegenwart an dem Muthe der Vergangenheit ihren eigenen lebendig erhalte, an dem Heldensinne der Vorfahren ihren eigenen entzünde und an der Stärke der Heimgegangenen Geschlechter auch ihre eigene Kraft stähle und befestige; denn in der Tapferkeit und Heldenkraft beruht nach ihrer Meinung ihre Größe und ihre Macht. Sie feiern daher nur sich selber, wenn sie die Siegcsthaten der Vergangenheit in Erinnerung behalten. Warum aber sollten sie den Niederlagen und Demüthigungcn Gedenktage stiften, deren Erinnerung noch die Gegenwart dcmüthigt und sie muthloö und verzagt macht? So die Völker, die ihre Siege und Niederlagen nur ihrer eigenen Stärke und Schwäche zuschreibcn. Sie thun daher wohl daran, wenn sie ihren Siegen Feiertage, ihren Niederlagen aber keine Gedächtnißtage widmen. Wie ganz anders aber Israel, das seine Nationalsiege nicht als den Triumph seiner Macht, als den Erfolg seiner Stärke ansieht, sondern eS weiß, daß ^12 2D למלחמה ולד' התשועה, daß alle seine Siege nur durch Gott herbeigeführt sind, daß ד׳ איש מלחמה ד׳ שמו, daß aller Heldcnsinn und Kriegeömuth nicht den Sieg au seine Fahne gefesselt, sondern daß nur Gott es ist, der es zum Siege geführt. Darum ist nur Er eS. den wir in unfern Siegen feiern und erheben זה אלי ואנוהו. Wir finden das Heil, wenn wir dem Gottes- -danner folgen, und wenn wir des Fahnenschwurs uneingedenk sind, trifft und das Leid. Die Erinnerung an die glorreichen Blätter unserer Geschichte begeistert uns zur Treue gegen den Hort unseres Heils, aber nicht minder heilbringend,wirkt das Gedächtniß der trüben Epochen unserer Geschichte, in welchen wir des Schutzes Gottes nicht würdig befunden waren und Er uns zu unserer Erziehung Leiden gesendet. Aus dieser Erwägung erklärt sich auch eine dunkle Stelle in :קוהלת ביום סובה היה בטוב ביום רעה ראה גם את זה לעומת ״ זה עשה האלוקי׳Am Tage der Freude sei fröhlich, am Tage des Unheils sieh; dies und jenes hat Gott gemacht." Der מררש will das Dunkel dieses Ausspruchs dadurch erhellen, daß er zu ראה ergänzend hinzusügt: לחזור בתשובה, Worte, die scheinbar im Texte nicht angedentet stehen. Nach obiger Auseinandersetzung aber hat die Erklärung des Midrasch ihre vollkommene Berechtigung. Wenn wir der Meinung wären, daß unsere Siege und Niederlagen nur Zeichen unserer Stärke und Schwäche wären, dann würden wir wohl die Siege der Vergangenheit zur Erhebung unserer Kräfte festlich begehen, die Niederlagen aber aus der Tafel unserS Gedächtnisses zu löschen suchen, damit unser Muth nicht durch die traurige Erinnerung einer rühmlosen Vergangenheit gebeugt und gebrochen werde. Da wir aber überzeugt sind, daß sowohl unsere Siege als auch unsere Niederlagen nur in unserer Würdigkeit oder Unwürdigkeit des Gotteöschutzes ihre alleinige Ursache haben, so sagt der weise König mit Recht ביום טובה היה בטוב, ebenso wie wir uns jener Tage, die Heil und Segen in reichem Maße für unser Volk gebracht, gern und freudig erinnern, ebenso וביום רעה ראה, sollen wir auch nicht unser Auge vor den Unglückstagen der Vergangenheit verschließen, sondern ראה. mit offenem Auge auf jene Epoche unseres Niederganges hinblicken. Dieser Rückblick wird uns nicht muthlos und verzagt machen, da es nicht unsere Schwäche und Muthlosigkeit gewesen, die diese Niederlagen verschuldet, sondern vielmehr אח זה לעומת זה עשה האלוקי׳, dieses und jenes, טובה und רעה, Sieg und Niederläge, sind uns beide aus Gottes Hand beschieden worden. Den Sieg hat die Gottestreue unfern Vorfahren gebracht, die Niederlagen waren durch Abfall von Ihm verschuldet. Daher fügt der Midrasch mit Recht erklärend hinzu: ראה לחזור בתשובהder Rückblick auf die Unhcilstage der Vergangenheit, in welchen wir der Untreue gegen Gottes Gesetz die Niederlage auf dem Fuße folgen gesehen, spornt uns zu einem besseren gottgefälligeren Leben an und ermuntert uns in dem Streben zur Wiedererringung des göttlichen Schutzes, der uns aus jedem Kampfe als Sieger hervorgehen läßt, wie es auch heißt: ובא לציון גואל, wir werden erst dann für die Erlösung reif sein, ולשבי פשע ביעקב, wenn wir durch Verlassen der Sünde und aufrichtige Rückkehr zu Gott Seiner Gnade wieder würdig geworden sind. Viele aber lächeln der Einfalt, die die Traucrtagc fastend begeht und in der vollen Rückkehr zum alten Iudcnthume die Erlösung zu fördern vermeint. Sonderbare Schwärmerei, meinen sie, die da auf קבוץ גליות harret, die da in der That hofft und vertraut, dag der Tempel wieder auf Zion erstehen wird als der Mittel- Punkt der durch Gottes wunderbare Waltung wieder vereinigten Söhne des versprengten jüdischen Stammes. Dieser tausendjährige Traum deö Juden, so vermeinen sie, sei leerer Schaum, aufgetrieben durch die wogende Brandung deS herben Geschickes, welches den Altvordern beschieden. Die aber wären wahrhaft bemitleidenSwerthe Träumer, die diesen Traum noch am Hellen Mittag weiter träumen mögen. Laßt sie immerhin lächeln und spotten unseres Traumes, laßt sie uns auslachen,

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