Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1885)
- Article
- Die jüdischen Erinnerungstage
- Date
- 1885-07-09
- Page
- 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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485 die wir in ihren Augen unpraktische Idealisten, romantische Schwärmer, müssige Träumer sind. Im Midrasch Tauchuma wird eine Parallele zwischen Josephs und Zions Geschick gezogen. Von Joseph heiße es: er träumte von seiner zukünftigen Größe, und von Zion: wenn Gott sein Volk dorthin zurückführen wird, sind wir wie Träumende gewesen. Auch Joseph wurde Träumer gescholten, weil er seinen Blick in eine ferne Zukunft hoffnungsvoll schweifen ließ und wegen dieses Traumes mit dem Tode bedroht von Seiten der ihm feindlich gesinnten Brüder. Sein Traum hat sich aber doch erfüllt. Auch wir werden Träumer gescholten, auch wir stoßen auf Haß und Gefahr ob dieses Traumes von der längst verheißenen glücklichen Zukunft, die uns und der Menschheit winkt. — In der Geschichte Josephs heißt eS ferner: והנה אגהגו מאלמים אלפים und hi Zion: בא יבא ברנה נושא אלמותיו. Nicht plötzlich, ohne Arbeit und Anstrengung, sah Joseph die Erfüllung seines Traumes. Eine einzelne Garbe ist nicht der volle Erntesegen. Garbe muß zu Garbe getragen werden, der Arbeiter darf nicht ermüden, unverdrossen muß er an dem Werkeschafscn, wenn er in Jubel die reife Ernte heimbringen will. So arbeitete Joseph sich durch die trüben Tage des Sklavenlebens hindurch, das hohe Ziel niemals aus den Augen verlierend, und ebenso trägt Israel Garbe zu Garbe, und ein Jeder in Israel leistet seinen bescheidenen Antheil daran, bis die Ernte voll ist und die Zeit der נאולה שלמה anbricht. Dann werden die Gedächtnißtage der Trauer zu Jubeltagen sich gestaltet haben, weil sie die Treue, den Gehorsam und die Begeisterung für Gott und Israels hehren Beruf geweckt und befestigt haben. Dann wird es erkannt werden, daß die romantischen Schwärmer die Förderer der theuersten Hoffnungen der Menschheit gewesen und ihr tausendjähriger Traum das Ziel der Geschichte. Die Nittel \m Mehr. (Fortsetzung aus Nr. 26). Diese Unduldsamkeit der Majorität gegen die Minorität wird um so scharfer ausgebildet erscheinen, je ohnmächtiger einerseits die letztere ist und je höher andererseits deren geistige und sittliche Kraft sich bethätigt. Das religiöse und nationale Bewußtsein zählt zu den zartesten und heiligsten Empfindungen der Individuen und Völker; eS fühlt sich nur allzu leicht verwundet. Jede entgegengesetzte religiöse Meinung gilt ihm als ein Angriff auf die eigene, jede sich eigenartig gestaltende VolkSthümlichkeit als eine Beeinträchtigung der seinigen. Sind die Bekenner einer anderen Religion und die Besitzer einer anderen ausgeprägten Nationalität materiell so stark, um einen besonderen selbstständigen Staatenverband zu bilden, der kräftig und achtunggebietend ist, um feindlichen Angriffen wirksam zu begegnen, so wird man sie als äußerlich ebenbürtige Nachbaren dulden müssen, und eS kann sich auch ein gewisses freundliches Verhältniß im gegenseitigen wohlverstandenen Interesse zwischen beiden herausbilden. Der geringen Minderheit aber, welche innerhalb des Machtbereichs der Majorität ihr Dasein fristet, wird eS als unberechtigter Trotz und Stolz auSgelegt, wenn sie ihre Sonderheit zu bewahren die Absicht hat; und man wird sich gedrungen fühlen, diese Hartnäckigkeit zu brechen und diesen Hochmuth zu demüthigen. Man wird dieser trotzigen, stolzen Minorität die volle Uebermacht fühlen lassen. In dem Maße aber, in welchem sich die Unzulänglichkeit der rohen Gewalt in der Uebermannung deS in der Brust der Minderheit lebendigen religiösen und nationalen SonderbewußtseinS erweist, wird auch die Unduldsamkeit zunehmen, und aus dem beschämenden Gefühle, daß trotz der weit überlegenen materiellen Größe die schwache, winzige Minorität sich ihr gegenüber zu behaupten vermag, wird sich ein Haß um so leidenschaftlicher entwickeln, je weniger dem Gehaßten beizukommen ist. Dieser verletzt ja nicht nur durch seine Sonderheit das religiöse und nationale Bewußtsein des Gewaltigen, sondern auch ein nicht minder starkes, das seiner Macht, welche hier an der sittlichen und geistigen Kraft des Kleinen zerschellt. Die brutale Gewalt erkennt, daß sie den Wurm wohl zertreten kann, aber auch nicht mehr; sie wird inne, daß eS eine Potenz giebt, die ihrer Machtsphäre entrückt ist, die in dem Schwachen sich offenbarende moralische Kraft. So wird sich uns ein Verständniß für den U1> grund des Judenhasses erschließen und wir werden die Mommsen'sche Enthüllung seines Wesens, der Unduldsamkeit der mächtigen Mehrheit gegen die ohnmächtige Minderheit, vollauf begreifen. Wir werden darum in seinen Manifestationen keineswegs das Resultat eines gerechten, verfällcnden UrtheilSspruchs des unparteiisch und nüchtern erwägenden Verstandes zu erblicken haben und über die Einmüthigkeit der Zeiten und Völker in Betreff dieses Hasses nicht staunen. Gleiche Ursache erzeugt gleiche Wirkung, und wenn Mommsen'S Satz für die Gegenwart und Deutschland eine Wahrheit ist, so beweist dieses nur, daß die Menschheit in ihrer Ent- Wickelung zur sittlichen Vollkommenheit seit drei Jahrtausenden nur allmälig fortschreitet und sie noch des Anbruchs jener Zeit entgegenzuharren hat, in welcher die gewaltigste Größe sich vor dem GotteSrechte beugt und ״der Wolf neben dem Schafe ruhig weilt, der Leopard mit dem Bäckchen weidet, Kalb und Löwe und Stier zusammen und ein kleiner Knabe sie leitet.