Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1885)
- Article
- Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
- Date
- 1885-06-18
- Page
- 391 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933126-2961437--19001-2961485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
390 Kaiserin hat das Geld zur Speisung armer Leute am Geburt?- tage des Kaisers bestimmt und dazu ist es auch bei dieser Ge»!egeuheit verwandt worden. Die Geburtstage des Kaisers sind aber niemals zu Wahlagitationen benuyt worden. — Rechtsonwalt.SachS: S»e sagen aber weiter׳ Herr Hospredcger habe Sie aufgcsordert, das erste Hoch ausznbringeu, damit er dem Kaiser melden könne, ein Kozia!dc7nrrkrat habe daö erste Hoch ausgcbracht. — Zeuge: Das ist schon richtig. Wenn übrigens irgend etwas in jener Sache verfehlt worden sein sollte, so trifft das nur mich, nicht aber den Hosprediger Stöcker. — Präsident: Kennen Sie den Löschmann? Derselbe war Redakteur des christlich.sozialen Wochenblattes ״Deutsche Voikswacht". — Zeuge: Herr Löschmann wurde mir von auswärts empfohlen und ich habe ihn auch als ganz patenten Menschen kennen gelernt. Wir haben dann aber Nachricht bekommen, daß es mit Löschmann nicht ganz richtig, daß derselbe bereits wegen Unterschlagung von Mündelgeldern mit Zuchthaus bestraft worden sei. Löschmann hatte eine Zeit lang dir Redaktion, während ein Anderer zeichnete. Später hat Stöcker eingeschen, daß er doch nicht mit Löschmann zusammen arbeiten könne, er habe ihm Reisegeld geben lasten und dann sei Herr Löschmann von der Schaubühne abgetreten. — Präsident: Kennen Sie auch einen Aschenbrenner, der auch Redakteur des Blattes gewesen sein soll? — Zeuge: Herrn Aschenbrenner fcnuc ich, der war früher Portier bei Herrn Stöcker. — Präsident: War er denu ein fähiger Mensch? — Zeuge: O ja, er war talentvoll. — Ans Wunsch des Vcrihejdigers, Rechtsanwalt Sachs, legt der Präsident, der sofort etwa daran sich knüpfende Deduktionen ablehnt, dem Zeugen die Frage vor, ob ihm bei Eintritt in Lichristlich-soziale Partei das radikale Buch von Tcdt: ״Der soziale Radikalismus und die christlichsoziale Partei" in die Hand gegeben worden sei. Der Vorsillende giebt hierbei sein Sentiment dahin ab: daß nach seiner Meinung daraus sich noch gar nichts ergeben würde, da eS immerhin möglich sei, daß man Jemand ein Buch in die Hand giebt, damit er sich persönlich von der Verwerflichkeit gewisser Prinzipien überzeuge. — Rechtsanwalt Sachs behauptet, daß dem Zeugen das Todt'sche Bnch keineswegs zur Abschreckung gegeben worden fei. — Zeuge: Als ich zur christlich-sozialen Partei ging, hatte ich Herrn Hosprediger Stöcker gesagt, daß ich die Theorien der Sozialdemokratie richtig finden würde, wenn sie nur nicht Thron und Gesellschaft gefährden würden. Da hat mir Herr Stöcker das Todt'sck.c Buch gegeben und mir gesagt: ״Das siudiren Sie nur. Das ist zwar radikal geschrieben, aber eS gefährdet weder Thron noch Gesellschaft." — Rechtsanwall Sachs beantragt, dem Zeugen die Frage vorzulegen, ob nicht Hödel und Nobiling Mitglieder der christlich-sozialen Partei gewesen und ihre Namen später nach den Attentaten gestrichen worden seien. Vorsitzender giebt sein Sentiment dahin ab: Wenn sich irgend welche mauvais sujets in eine Partei einschmuggeln und die Partei kommt dahinter, daß solche räudigen Schafe in ihre Reihen eingcdrungcn sind, so wäre cS vielleicht nicht ganz korrekt, aber auch nicht ganz verwerflich, wenn man solche Persönlichkeiten in den Listen streicht. Der Verteidiger behält sich diesbezügliche Aeußerungen für die Deduktion vor. — Präsident: Nun, Zeuge, äußern Sic sich doch über die Parteiangehörigkeit von Hödel und Nobiling. — Zeuge: Herr Stöcker war nach den Versammlungen stets mastcnhaft umringt um Aufnahme und er schickte durchweg Alles zu ״mich" um Aufnähme; er befaßte sich damit nicht. So war cs auch mit Hödel. Der sagte, er käme von Leipzig, brachte mir einen Brief von Gölombeek, dem Ncdccktenr des ״Slaatssozialisi", ich sollte Hödel Arbeit geben. Ich sagte ihm, ich hätte Arbeitskräfte genügend, aber er rückte mich so dreist aus den Leib, ich sollte ihm wenigstens Flugblätter zur Verbreitung geben. Um ihn zu besrie- Ligen, gab ich ihm welche. Kurze Zeit daraus kam er wieder; die Flugblätter schienen mir nicht reell verbreitet zu sein und ich sagte: nein, ich habe nicht so viel. Außerdem erfuhr ich. daß er Abends nach unseren Versammlungen auch in sozial׳ demokratische ging, daß er aber auch da nicht gern ausgenommen wurde. Schließlich kam er wieder nach dem Bureau. Das war so innerhalb sechs Lagen. Äm Freirag daraus — wir hatten immer Freitags unsere Versammlungen — fam vor Beginn unserer Versammlung in der Frankfurter Straße Jemand zu mir und sagte: ..Draußen ist Hödel, genannt Lehmann, der ,'ragt nach Ihnen; er sieht aber etwas reduzirt aus, wir wollen ihn nicht' 'rein lasten." Ich ließ ihn aus die Tribüne führen, gab ihm auch ein Glas Bier, denn der Mann hatte noch nichts gegessen und er dauerte mich-, er sah sehr heruntergekommen ans. Dies war Freitag Abend. Am Sonnabend um 3 Uhr sollte ich zu Herrn Hosprediger Stöcker kommen, vorher hatte ich noch einen Gang Unter den Linden zu Gerold. Da sah ich einige Gruppen Menschen flehen und ich hörte auf meine Frage, was pajsir: sei: ״Eben hat man nach dem Kaiser ge« schossen; cs ist ein Klempner, ein Sachse." — Gleich stößt es mich aus, es wird doch nicht der Kerl gewesen sein! Ich fuhr nach Hause, da fand ich schon einen Brief, sofort zu Herrn Landrichter Joöl zu kommen. Da wurde mich der Hödel vorgeführt, und so hatte es ein Ende. — Präsident: War er denn je in den Listen verzeichnet gewesen? — Zeuge: Ja. — Präsident: Weil Sie den Mann für einen von Ihren Anschauungen hielten, da er ihnen von Goiombcck empfohlen war? - Zeuge: Ja wohl; ich wurde ja nur geholt, weil man die Mitgliedskarte bei ihm gefunden halte. — Präsident: Haben Sie ihn nun gestrichen? — Zeuge: Augenblicklich, wie das Attentat geschehen, strich ich ihn aus den Listen, oder nein, vielmehr, ich ließ ihn stehen und schrieb eine andere Liste; hiernach wollten wir nicht, daß er drin stehe. — Präsident: Wie war der Fall mit Nobiling? — Zeuge: Ich habe ihn nicht persönlich gekannt, nur die Photographie von ihm gesehen. — Präsident: Stand er in den Listen der Partei? — Zeuge: Ja! — Präsident: Wie ist er denn hineingekommen? — Zeuge: Das ist nicht zu erforschen. Der Andrang war oft Abends nicht nur von 20 und 30, sondern von 40 und 50 für neue Ausnahmen, außerdem wurde auch brieflich um Karten geschrieben. — Präsident: Also Sie wisten es gar nicht. — Zeuge: Ich habe Nobiling nicht persönlich gekannt, er ist mir im Gedächtniß erst eingefallen nach der Photographie. — Präsident: Haben Sic ihn streichen müssen? — Zeuge: Ich habe die Liste einfach wcggenommrn. — Präsident: Es war Ihnen nicht befohlen? —Zeuge: Nein. Wie ich gut mit Herrn Stöcker stand, that er mir leid. Ich habe daher die Liste kassirt und eine neue gemacht. — Rechtsanwalt Sachs: In Ihren Denkwürdigkeiten sagen Sie ausdrücklich, Sie hätten Nobiling eingetragen. — Zeuge: Ja wohl; ich habe ihn auch eingetragen, denn die Eintragungen besorgte nur ich. — Rechtsanwalt Sachs: Ferner sagen Sie in den Denkwürdigkeiten, Sie halten Hödel auf Veranlassung von Stöcker gestrichen. — Zeuge: Ich habe ihn gestrichen und Herr Stöcker ist damit einverstanden gewesen. Der zweite Zeuge ist Hosprediger Stöcker. Rechtsanwalt Sachs beantragt, aus denselben — d. h. nur sachlichen, nicht aber persönlichen Gründen — wie bei dem Zeugen Grüneberg, nuch bei dem Zeugen Stöcker die Vereidigung bis nach der Dernehmung anszusepen. — Es kommt hierüber zu ziemlich heftigen AuSeinanderscYungen zwischen der Vertheidigung und dem Vor« sillenden, in welcher besonders Rechtsanwalt Munkel daß Recht der Vertheidigung vertritt, derartige Anträge zu stellen, und energisch betont, das es Herrn Stöcker, welcher doch der Hauptbckheiligte in dieser ganzen Afsaire sei und auch die Denunziation cingereicht habe, doch selbst angenehm sein müste, den Eid erst nachher zu leisten. — Durch Gerichtsbeschluß wird schließlich bcstimmt, daß die Vereidigung erst nachträglzch zu geschehen hat. Hieraus beginnt die Vernehmung des Hosprediger Stöcker. Präsident; Was haben Sie auf diese Beschuldigung, daß Sie zu