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Jeschurun · 1885-06-18 · Heft 25 (18.6.1885) · p. 390

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 25 (18.6.1885)
Article
Prozeß Stöcker gegen die Freie Zeitung
Date
1885-06-18
Page
390 (sequence 2)
Language
German
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389 werde ich sie vollbringen. Durch den Fund der Gräfin j Drandcnsce bin ich unabhängig, so bald nun ein Bollbart! mein Antlitz unkenntlich macht, so daß ich nicht mehr! fürchten muß, von den ehemaligen Genossen entdeckt : zu werden, dann ׳kehre ich zurück nach Rußland und! suche die Bekanntschaft vornehmlich der stndirendcn Jugend. Und wo ich jüdische Jünglinge nihilistischen Bestrcbnngcn znneigen sehe, dort werde ich mit der Macht unserer heiligen Hehre, vereint mit der eigenen traurigsten Erfahrung, den Nihilismus zu bekämpfen suchen." ״Möge Gott Dein Streben segnen," sprach Alexander. ״Wir aber." er schlang den Arm um Weib und Kind und drückte sie fest an sich ״Lcschonoh haboh b' Jrnscholajim!" Urozch Stöcker gegen die Freie Zeitung. Ter schon einmal vertagte Prozeß des HospredigerS Stöcker wider den früheren verantwortlichen Redakteur der ״Freien Zeitung" Heinrich Bäcker gelangte am!>. Juni abermals in der II. Strafkammer des Berliner Landgerichts Izur Ber- Handlung. Da derselbe zur Beleuchtung der antisemitischen Agitatic-n höchst interessantes Material liefert, so geben wir die Verhandlungen ausführlich nach den Berichten der ״N. Ztg." Den Borsitz führt Landgerichtsdircktor Lüth, die Staatsanwalt״ schast vertritt Staatsanwalt Weichcrk, die Vcrthcidignng führen Rechtsanwälte Sachs und Munckel. Die Zahl der Zeugen beträgt zwölf, darunter der Schneidermeister Grünebcrg, Pastor Witte. Schuhmacher Schröder, L)r. Morgenstern, Superintendent Braa-'ch u. A. — Jukriminirt sind zwei Artikel aus Nr. 23!) und 242־ der ״Freien Zeitung" vom Jahre 1884 und ein Erlrablatt derselben Zeitung, welches einen der Artikel wiederholt. Der erste Artikel ist der mehrfach erwähnte unter der Urberschrifr ״Hofprcdiger, Ncichtagskandidat und Lügner", welcher seiner Zeit zur Konfiskation der betreffenden Nummer geführt hat. Derselbe beschäftigt sich in heftigen Ausdrücken mit der moralischen Qualifikation des HospredigerS Stöcker und seiner agitatorischen Thätigkcit, mit der Art seiner agitatorischen Sprache und kritisirt die Wahrheitsliebe desselben in scharfer Weise. Der;weite Artikel betitelte sich: ״Denkwürdigkeiten des Schneiders Grünebcrg." Darin wurden die ״Enthüllungen", welche Grünebcrg über die Thätigkeit des Hofpredigcrs Stöcker gemacht, ein״ gehend besprochen und die Behauptung ausgestellt, daß sich solche Thätigkeit mit dem Talar nicht vertrage. Speziell behauptet der Artikel, daß Hofprcdiger Stöcker kriminell bestrafte Subjekte mit der vollen Keuutniß von ihrer Vergangenheit in seinen Diensten angestcllt, daß er solche Leute sogar zu Angriffen gegen Amr-brüdcr benutzt und daß er schließlich Gelder, die ihm zu wohlthätigcn Zwecken überwiesen worden seien, zu agitatorischen Zwecken, Gewährung von Freibier 1c. verwendet habe. — Der Angrklagte erklärt ans die allgemeine Frage des Präsidenten, das; die Ausdrücke in den Artikeln allerdings schärf seien, aber ihre Entschuldigung finden in der ungeheuerlichen Weise, wie Hospredigcr Stöcker seit Jahren die liberale Presse mit Schimpf- Worten traktire. Im Uebrigen halte er den Inhalt des Artikels vollkommen aufrecht und trete den Beweis der Wahrheit an. — Der erste Zeuge ist der Schneidermeister Emil Grünebcrg, 48 Jahre alt, evangelisch. Ans dem Strafregister ergiebt sich,. daß derselbe wegen Bcttelns, wissentlich falscher Anschuldigung und Unterschlagung vorbestraft ist. — Präsident: Erzählen Sie uns die Art ihrer Verbindung mit Herrn Hospredigcr Stöcker. — Grünebcrg: Ich lernte Hospredigcr Stöcker im Jahre 1877 kennen, als ich von München nach Berlin kam. Ich verfiel mit der sozialdemokratischen Partei, der ich wohl zwölf Jahre angehört hatte, kam durch die Schrift znm Glauben, kam mit dem M'ssionsdircktor Wangemann in Berührung und dieser empfahl mich Herrn Hospredigcr Stöcker, welcher Gefallen an mir fand. Es begann die Begründung der christlich-sozialen Partei und in dieser hatte mir Hofprcdiger Stöcker eine agitatorische Thätigkeit zngcwiescn. Es kamen die Reichstagswahlen, und da ich lange Zeit die sozialdemokratischen Wahlagitationen geleitet hatte, so mußte ich mich mit aller Macht in die Agitation stürzen. Dieselbe kostete ungebcnrc Sunnnen Geldes, die Erfolge waren aber keineswegs sülche, wie sie Herr Hofprcdiger Stöcker erwartet hatte, und wir wurden einigermaßen gespannt. Nun war die christlich-soziale Partei stark mit sozialdemokratischen Elementen durchsetzt, und da diese wiederholt die Ansicht anssprachen, daß sic nicht einen Hofprcdiger als Führer brauchten, sondern ihn als Arbeiter haben möchten, so habe er sich verleiten lassen, auf diesen Plan cinzngchcn. Er habe sich bemüht, eine andere christlich-soziale Partei zu begründen, sei damit aber gescheitert und dadurch sei dann schließlich die Feindschaft mit Herrn Stöcker entstanden. Er habe, so erklärt der Zeuge weiter, aus der ersten Zeit der christlich-׳sozialen Partei ein genaues Tagebuch geführt und in demselben viele Briese des Hosprcdigcrs Stöcker bewahrt. Er habe sich bei der letzten Wahrbcwcgung wiederholt Herrn Stöcker genähert, derselbe habe ihn aber wiederholt zurückgewiesen, und da er nun gesehen, daß der Hospredigcr Stöcker in Flugblättern sich nicht gcnirte, alles Mögliche anszuplandcrn. so habe er geglaubt, daß er sich als einfacher Arbeiter erst recht nicht zu gcnircn brauche, und so habe er denn sein Tagebuch und die Briefe an die ״Volks-Zrg." für 30 Mark verkauft. — Präsident: Nun geben Sie uns einmal Auskunft über die Affaire mit dem Pastor Witte. — Zeuge: Kurz vor der Reichstagöwahl 1878 wurden noch verschiedene Versammlungen abgehalten und so sollte auch im sechsten Wahlkreise eine solche stattfinden, im Saale der Norddeutschen Brauerei, wo Fabrikant Hoppe aufgestellt werden sollte. Herr Stöcker sagte zu mir, cs ist nicht richtig, daß man weiß, daß ich schon ausgestellt bin. Pastor Witte sollte nicht in den Vordergrund treten, denn er hat jüdischen Leuten durch Geschenke Bevorzugungen, wie Titel u. s. w. verschasst. Bon dieser Mittheilung sollte ich Abends in der Versammlung Gebrauch machen. Schon vorher hatte ich gemerkt, daß zwischen beiden Herren ein rechtes Einvernehmen nicht bestand. Die beabsichtigte Ausbeute dieser Nachrichten konnte ich nicht machen, da die Versammlung durch tumuttuarischeS Vorgehen der Sozialdeinokraten aufgelöst wurde. — Präsident ׳ Haben Sie Herrn Witte davon Mittheilnng gemacht? — Zeuge: Nein. — Präsident: Es wußte also Niemand davon als Sie? — Zeuge: Ja, weiter Niemand. — Präsident: Was waren denn das für Geschenke, die Herr Pastor Witte für seine Fürsprachen genommen haben sollte? — Zeug:: Flügel und Pianino. — Präsident: Wissen Sic, von wem und was für ein Titel dafür gewährt wurde? — Zeuge: Nein. Nur daß es sich auf Potsdam bezieht-, welcher Titel in Frage kam, weiß ich nicht. — Präsitcnt: Wissen Sic etwas davon, daß Gelder, die zu mildthatigen Zwecken bestimmt waren, zu Wahlzwecken verwendet wurden? — Zeuge: Das ist niemals geschehen. Beide Kassen waren räumlich getrennt, Alles wurde genau gebucht, aber niemals sind die Kassen vermischt worden. — Rechtsanwalt Sachs: In Ihren Denkwürdigkeiten sagen Sie: Das erste große Fest, welches dazu bestimmt war, Propaganda für die Partei zu machen, war der Geburtstag des Kaisers. Zur Bewirlhung der Leute, Ausschmückung des Saales ,c. waren große Summen zusammengckommen, u. A. 15-0 Mark von Ihrer Majestät der Kaiserin. — Zeuge: Das stimmt schon. Ihre Majestät die

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