Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-06-11
- Page
- 375 (sequence 3)
- Language
- German
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freundliche Mann wiederholte seine Frage, sie überhörte sie abermals. ״Wer —" stammelte sie endlich, ״wer ״Was wünschen Sie?" fragte er freundlich. Sie wollte antworten, doch die Sprache versagte ihr, sie wollte sich erheben, doch sie sank kraflos zurück, ihre Lippen bebten. Der Bankier wurde ernstlich beunruhigt, er eilte ins Nebenzimmer, seine Frau zu der sichtlich Leidenden zu rufen; diese aber neigte sich vor, warf einen Blick durch die jetzt vollständig geöffnete Thür und ein schriller Laut entfuhr ihren Lippen. ״Ignaz!" schrie sie aus. Der junge Mann, der drinnen unterrichtet hatte, wandte sich hastig um. ״Tolza!" jubelte er, indem er auf sie zustürzte. Laut schluchzend lehnte sie das Haupt an seine Brust, während die menschenfreundliche Gattin des Bankiers das Kind, das den Armen der Zitternden zn entgleiten drohte, freundlich an sich genommen hatte. Voll inniger Theilnahme umstand die Familie des Bankiers die mächtig erschütterten Geschwister, die einander so unvermuthet hier getroffen. ״Du bist allein?" fragte Lewinski endlich mit leiser bebender Stimme. ״Ganz allein," flüsterte sie schluchzend, ״mit meinem Kinde." Ein Aechzen entrang sich seiner Brust, er ergriff ihre Hand und drückte sie innig. ״Du hast Noth gelitten?" fuhr er nach kurzer Pause fort, mit einem Blick ans ihre ärmliche Kleidung. ״Ich habe nie gehungert," erwiderte sie mit mattem Lächeln, ״ich habe überall gute Menschen getroffen." ״Du hast betteln müssen!" er barg das Antlitz in den Händen. ״Ich habe mich erhalten müssen für mein Kind," entgegnete sie ruhig. ״Ich werde für euch arbeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. — Ich bin zwar erst seit wenigen Wochen hier, habe noch nicht viel zn unterrichten — doch Gott wird helfen." ״Sie wollten sich doch an Ihren Verwandten Rosenfeld wenden," siel der Bankier ein, ״er lebt in den besten Verhältnissen. Da er, wie Sie erwähnten, in Ihrem Geschäfte war, dürfte er auch für Sie Manches gerettet haben." Lewinski blickte verwundert auf, er wußte nicht, von wem die Rede war. Tolza aber erhob sich nicht ohne Anstrengung. ״Wenn ich um seine Adresse bitten dürfte —" ״Verziehen Sie einige Minuten", erwiderte der Bankier, ״der Weg von hier zu Nosenfeld's Wohnung ist weit, ich werde Ihnen einen Wagen besorgen laffen, der Sie Hinfahrt." ״Wer ist dieser Noscnfcld?" wandte sich Lewinski an seine Schwester, als der Bankier das Zimmer vcrlassen und auch die übrige Familie sich zurückgezogen hatte, nur die Geschwister allein zn lassen. ״Er ist ein Vetter meines!heuern Mannes," er« widerte Tolza. ״Nach den! Tode unserS thcuern BaterS, als ich schwer ertrankt war, hat Alexander ihn in's Geschäft genommen,׳ er hat es längere Zeit ganz allein geführt —" ״Hoffen wir, daß er auch für Euch Einiges gerettet." Der Bankier trat wieder in das Zimmer, der Wagen wartete bereits vor dem Hause. Bon den besten Wünschen der theilnehmeuden Familie begleitet, begaben sich die Geschwister hinunter. Lewinski hob seine Schwester mit ihrem Kinde in den Wagen und, nachdem er dem Nosselenker die Adresse Rosen feld'S, dir der Bankier ihm mitgetheilt, angegeben, setzte er sich zu ihr. In den ersten Minuten während des FahrenS schwiegen Beide. Hand in Hand saßen sie da, eS erschien ihnen noch wie ein Traum, daß sie einander gefuüden. Dann aber berichteten Beide in gedrängten Worten, wie es ihnen seit ihrer Trennung ergangen. Lewinski hatte noch in N...wo er, der Ausforderung seines Vaters entsprechend, diesen erwarten wollte, Nachricht von dessen! vorzeitigen Ende erhalten, über seine Geschwister konnte er nichts erfahren. In N.... hatte er während der Saison die Kinder des jüdischen Restaurateurs unterrichtet, war. dann mit diesem in dessen Hermarh gegangen, um sich auch dort durch Unterricht zu ernähren. 3u dem unbedeutenden Städtchen war es ihm jedoch recht kümmerlich ergangen und war er endlich dem Rathe eines Bekannten ge< folgt, und nachdem er unter harten Entbehrungen das Reisegeld erspart, war er nach Paris gegangen und hoffte hier, :nit einigen Empfehlungen versehen, ein besseres Hirtkommen zn finden. Tolza war, wie in diesen Blättern bereits erwähnt, gleich kirn Ausbruch der Unruhen von einen! adeligen Wüstling derart bedrängt worden, daß sie im Begriffe gewesen war, durch einen Sprung auS dem Fenster sich der drohenden Gefahr zu entziehen. Schon hatte sie die Hand ans die Brüstung gestemmt, um sich hinaus zu schwingen, als sie mit der Hand an ein Fläschchen stieß, das sich dort befand. Ein Freudenschrei entfuhr ihren Lippen, das Fläschchen enthielt Vitriol. Im Nu hatte sie es ihrem Angreifer ins Antlitz geschleudert, der mit gräßlichen! Fluche zu rückge taumelt war, sie selbst 6ber war zur Wiege geeilt, hatte daS Kind herausgerissen und durch öle Hinterthür ihres